Oper Köln zeigt „Mare Nostrum“ von Mauricio Kagel

„Mare Nostrum“ in der Oper Köln : Auf dem Müllhaufen der europäischen Geschichte

Die Kölner Oper gräbt Mauricio Kagels Musiktheater „Mare Nostrum“ aus. Doch die ehrgeizige Produktion ist verlorene Liebesmüh.

Es ist erstaunlich, dass Mauricio Kagels Musiktheater „Mare Nostrum“ seit seiner Berliner Uraufführung 1975 nicht ein einziges Mal in Köln zu sehen war. Schließlich hat Kagel als Komponist und Dozent das Kölner Musikleben über Jahrzehnte mitgeprägt. Immerhin gedachte die Kölner Oper jetzt seines zehnten Todestags und eröffnete ihre Saison mit einer ehrgeizigen Produktion des vergessenen Stücks, die freilich erkennen lässt, warum es in der Schublade verschwunden ist.

Die Story ist noch recht pfiffig angelegt: Kagel stellt die Geschichte der Eroberung Amerikas auf den Kopf und lässt „Amazonier“ in Europa einfallen, um die unzivilisierten Völker zu missionieren. Mit den gleichen Methoden samt Zuckerbrot und Peitsche wie seinerzeit die Konquistadoren. Ein Unterfangen, das schiefgeht.

Und schief geht auch die Umsetzung. Daran kann die hyperaktive Inszenierung von Valentin Schwarz nichts ändern. Zu sehr ist das Stück den 70er Jahren verbunden, in denen neben den dogmatischen Diktaten strenger Reihentechniker wie Stockhausen und Boulez Komponisten wie Kagel mit den Traditionen des Musiktheaters spielten. Und das teilweise auf dem Niveau übermütiger Kindergeburtstage. Ungeachtet der hohen musikalischen Anforderungen an die beiden Sänger und das sechsköpfige Instrumentalensemble driftet Kagels Humor immer wieder in Bereiche ab, die das Thema auf die allzu leichte Schulter nehmen.

Viele Effekte, wenig Substanz

Es hat zwar seine Reize, wenn der Amazonier und der ungezähmte Europäer in einer Video-Sequenz zu einem verballhornten Arrangement von Mozarts „Türkischem Marsch“ die Story der „Entführung aus dem Serail“ nachspielen. Tragfähig sind solche Einfälle aber ebenso wenig wie die gesamte musikalische Anlage des Stücks, die zwar mit vielen Effekten für die Schlagwerkerin aufwartet, aber mit wenig Substanz und noch weniger Hintergründigkeit.

Arnaud Arbet, geschminkt wie ein Indianer, leitet die sechs Musiker sicher durch den 75-minütigen Abend. Mit dem Countertenor Kai Wessel und dem Bariton Miljenko Turk sind der Europäer und der Amazonier glänzend besetzt. Valentin Schwarz, der auch für Ausstattung und Video verantwortlich ist, siedelt das Stück auf einem Müllhaufen der europäischen Geschichte an, wobei die Spielfläche weit in den Zuschauerraum gezogen wird, so dass das Publikum dem Treiben von zwei Seiten folgen kann. Schwarz sorgt für Bewegung und etliche optische Effekte von Blitzsalven bis zu Projektionen. Verlorene Liebesmüh. Der Zahn der Zeit macht auch vor Kagel nicht halt.

Die nächsten Termine im Staatenhaus Deutz: 28., 30. September, 3. Oktober. Karten beim Kundenservice des Medienhauses Aachen.