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Aachen: Oper „Jenufa“: Am Ende schaut das Paar ins Dunkel

Aachen : Oper „Jenufa“: Am Ende schaut das Paar ins Dunkel

Wenn Michael Helle große Oper inszeniert, begibt er sich auf die Suche nach glaubhaften Schauspielern. Das ist seine Stärke, das kann, wenn es so gelingt wie in der „Jenufa“, der musikalisch-theatralen Kunstform berührende Momente abgewinnen.

So mag der große Applaus, den das Premierenpublikum im nicht restlos besetzten Theater Aachen bereitwillig und einmütig spendete, als Beleg für das Aufgehen des Regiekonzepts gedeutet werden. Leoš Janáeks epochales Musikdrama berührt. Nicht zuletzt aufgrund auch schauspielerischer Leistungen der Sänger. Musikalisch ist die Sache in den bewährten und inspirierenden Händen von Kazem Abdullah und dem Ensemble gut aufgehoben, selbst wo er diesmal etwas über das Ziel hinausschießt. Dass die Aachener Inszenierung nicht die untergründigen Dimensionen der „Jenufa“ aufsucht, steht auf einem anderen Blatt.

 Die ärmliche Welt im Guckkasten: Chris Lysack, Linda Ballova und Irina Popova (von links).
Die ärmliche Welt im Guckkasten: Chris Lysack, Linda Ballova und Irina Popova (von links).

Piero Vinciguerra hat Helle, der von 2000 bis 2005 Schauspieldirektor am Aachener Haus war, eine glitzernde Wellblech-Scheune auf die Bühne gesetzt. Während vorn die alte Buryja und die junge, schöne, blonde Jenufa Hühner rupfen, schleppen hinten Burschen Getreidesäcke herum. Aus dem Graben xylophont das Mühlen-Motiv. Mann trägt Hosenträger, Frau Schürze, das Kostüm (Renate Schwietert) weist in die Mitte des letzten Jahrhunderts. Man ist auf dem Lande, das Leben ist hart, doch die jungen Leute sind, wie überall, verliebt. Dass hier das Verderben lauert, weiß man als Operngänger natürlich, es tönt auch schon seit der Ouvertüre ungemütlich aus dem Graben. Jenufa ist jedoch erst im zweiten Monat, man sieht rein nichts unterm lindgrünen Blümchenkleid.

Die Welt ist so, wie sie ist

In diesem Mix aus neuer und Hinterwelt entwickelt sich das Drama, in das Jenufa, ihr leichtlebiger Liebhaber Steva und sein eifersüchtiger Stiefbruder Laca geraten, weil die Welt so ist, wie sie ist: Hier hat Laca neben einer treuguten auch eine gewalttätige Seite, als er Jenufa die Wange ritzt. Vor allem aber gebietet die Küsterin, Jenufas Stiefmutter, im Einklang mit der Gottesmutter über Moral und Ordnung in diesem Mikrokosmos. Sie verbietet die (die noch unsichtbare Schande tilgende) Hochzeit, lässt Jenufa ihr Baby im Versteck zur Welt bringen und ertränkt es im eisigen See, damit sie Lacas Frau werden kann. Als die Wahrheit ans Licht kommt, platzen die Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande. Aber Jenufa verzeiht allen und nimmt Laca. Zum Schlussbild lässt Helle das Wellblechtor dramatisch auffahren — das Paar schaut ins Dunkel.

Das Großartige und für den Beginn des 20. Jahrhunderts Neue an Janáeks „Jenufa“ ist einerseits die naturalistische Geschichte, andererseits seine Tonsprache, die die Melodie aus der Sprache entwickelt und die Hierarchien der Harmonik aufbricht. Gleichwohl kommt die Jenufa im Volkston daher, unter dem es allerdings gewaltig brodelt. Kazem Abdullah gibt seinen Sinfonikern die Sporen, was das hochemotionale Setting auf der Bühne wunderbar anfeuert; besonders mit den Trompeten (mit Abstrichen gilt das auch fürs weitere Blech und zu Unsauberkeiten neigendem Holz) ging das Temperament aber zu sehr durch.

Dank kluger Instrumentierung zeigten sich die Sänger davon unbehelligt. Die beiden Tenöre Johan Weigel (Steva) und Chris Lysak (Laca) strahlen um die Wette (Vorteil Lysak), Linda Ballova meistert die Jenufa-Partie bravourös, auch wenn man sich ihren Sopran körperlicher, um abgründige Nuancen reicher wünschen kann. Für Irina Popova ist die dramatische Partie der Küsterin eine wunderbare Herausforderung, die sie mit ihrem glühenden Sopran mutig und ausdrucksstark annimmt. Für die Zerrissenheit, Widersprüchlichkeit, das Scheitern dieser eigentlichen Hauptfigur der Oper findet die Regie ein treffendes Bild: In ihrer ärmlichen Stube treibt es die Küsterin rastlos tigernd von Wand zu Wand, nach dem Mord erstarrt ihr Oberkörper in immerwährendem Vor und Zurück. Die kleineren Partien sind teils bestens besetzt (Diane Pilcher als alte Buryja; Jorge Escobar als Altgesell; aufhorchen lässt Corinna Heller als Barena), Chor und Extrachor zeigen sich spielfreudig und bestens bei Stimme.

Es ist eine an Farben arme Welt, in die uns die Aachener „Jenufa“ hineinzieht. Grau, Schwarz und helle Erdtöne bestimmen die Szenerie, in die sich am traurigen Ende auch Jenufa eingepasst hat. Da wirkt die geballte Ladung orangeroter Schleifchen-Folklore, mit der der Damenchor in den Schlussakt platzt, wie eine Provokation. Deren Sinn begreift man ebenso wenig wie die aufwendigen „Fahrten“ der Küsterin-Stube im zweiten Akt, mit der eine pittoreske, ärmliche Welt als Guckkasten ganz nah ans Parkett heran-, später wieder weggezoomt wird. Natur und ihre Symbolik (See, Rosmarin, Sturm) interessiert Helle nur am Rande. Sein Fokus ist der Mensch und seine Abgründe. Es lohnt absolut, das zu erleben. Deshalb auch der große Applaus.