Gerhard Richter zu „Werk ohne Autor“: Nur so viel: Er erkennt sich nicht wieder

Gerhard Richter zu „Werk ohne Autor“ : Nur so viel: Er erkennt sich nicht wieder

Dies ist eine persönlich angehauchte Geschichte: Vor gut drei Jahren lernte ich Gerhard Richter kennen, diesen einzigartigen Maler und Bildhauer. Seine Werke sind die teuersten eines lebenden Künstlers, und seine Bilder erzielen regelmäßig Rekordsummen.

Das 86-jährige Malergenie gilt als einer der einflussreichsten und bekanntesten Künstler der Welt. In der internationalen Szene besitzt er den Ruf eines Weltstars und gewiss auch die Aura einer Ikone. Seit dem mehrstündigen Besuch damals in seinem Atelier in Köln-Hahnwald haben wir stets Kontakt gehalten und gepflegt. Und so äußerte er sich beispielsweise kritisch und exklusiv in unserer Zeitung zum Kulturgutschutzgesetz. Hin und wieder telefonieren wir – jetzt aktuell zweimal wegen eines Films, der am Mittwoch in die deutschen Kinos kommt.

Florian Henckel von Donnersmarck hat seinen dritten Spielfilm, den er „Werk ohne Autor“ nennt, sehr eindeutig und klar erkennbar an Gerhard Richters Biografie angelehnt und Jürgen Schreibers Buch „Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“ sozusagen als Grundlage der Handlung verwendet. Richter selber möchte sich öffentlich, so sagt er es in unserem Gespräch noch einmal am vergangenen Freitag, überhaupt nicht äußern. Nur so viel sei dazu angemerkt: Mit dem Film mag er sich nicht anfreunden, schon gar nicht irgendwie arrangieren. Er erkennt sich nicht wirklich wieder. Belassen wir es offiziell dabei.

Natürlich gab es einen Kontakt mit dem erfolgreichen Regisseur, der mit dem Film „Das Leben der Anderen“ einen Oscar gewann und nun mit dem dreistündigen „Werk ohne Autor“ für den Auslands-Oscar nominiert ist. Gemeinsam waren Richter und von Donnersmarck in Dresden auf den Spuren unterwegs, die der Maler als Kind und Jugendlicher dort hinterlassen hat. Besonders nachhaltig war die Beziehung offensichtlich dann am Ende doch nicht. Richter zog sich früh zurück.

Der Titel des Films ist kein Zufall. Dietmar Elger, ehemaliger Sekretär Richters, schreibt im Vorwort seines Buches „Gerhard Richter, Maler“ (erschienen 2018 bei Dumont): „Die Malerei stand immer im Vordergrund der Wahrnehmung und Richter hat so vehement jegliche Bezüge zu seinen Bildern geleugnet, dass einige Kritiker bereits von einem Werk ohne Autor sprachen.“

Florian Henckel von Donnersmarck vereinnahmt die Biografie und greift die Familientragödie Gerhard Richters auf. Seine Tante Marianne, über deren Schicksal wir damals in seinem Atelier sprachen und das deshalb hier noch einmal als eine spezielle Art Teaser zum Film dokumentiert wird, heißt im Film Elisabeth (gespielt von Saskia Rosendahl), Richter wird zu Kurt Barnert, gespielt von Tom Schilling. Dresden, die Heirat, die Flucht in den Westen und die Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie sind Stationen des Films – und eben Richters Biografie, Ähnlichkeiten beabsichtigt, siehe oben!

Seine Tante Marianne gehörte zu den vielen kranken und behinderten Menschen, die von den Nationalsozialisten umgebracht und als „Belastung für die deutsche Volksgemeinschaft“ denunziert wurden. Den Nazis treu ergebene Ärzte zwangssterilisierten ab 1934 bis zu 400.000 Menschen; mehr als 200.000 Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten wurden zudem ermordet.

Gerhard Richters Tante starb am 16. Februar 1945 zwei Tage nach dem verheerenden Bombenangriff auf Dresden in der Anstalt Großschweidnitz. Hier töteten die Nazis mehrere Tausend Patienten. Man ließ sie erbärmlich verhungern oder brachte sie letztlich mit einer Überdosierung von Medikamenten um. Marianne Schönfelder wurde nur 27 Jahre alt.

Angeblich schizophren, war sie in eine Anstalt eingewiesen und zwangssterilisiert worden. Medizinische Schergen gab es dafür genügend: Ärzte, die Mitglieder der SS waren und auf ihre ganz spezielle und schreckliche Art nationalsozialistische Gesinnung „bewiesen“. 1965 malte Gerhard Richter das Bild, das ihn als Baby mit seiner Tante zeigt. Grundlage dafür war ein altes Familienfoto. Als das Foto entsteht, ist der kleine Gerhard vier Monate, die Tante 14 Jahre alt. 2006 erwarb ein Sammler aus Taiwan das Bild. Er hat es mittlerweile den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

In der Wiener Straße 91 in Dresden wohnte der scheinbar ehrenwerte Chefarzt Heinrich Eufinger (im Film als Professor Seeband dargestellt von Sebastian Koch). 1956 zog er nach Niedersachsen um und wurde Chefarzt der Frauenklinik Sanderbusch bei Oldenburg. Ein Jahr später heiratete Gerhard Richter Eufingers Tochter Marianne, genannt Ema. Er ahnte zu diesem Zeitpunkt nichts von dessen Vergangenheit als SS-Obersturmbannführer und erbarmungsloser Arzt, Hauptverantwortlicher für ungefähr 900 Zwangssterilisationen in Dresden und Umgebung. Der Gynäkologe war Direktor der Städtischen Frauenklinik in Dresden. Auch ihn hat er mehrmals porträtiert, zum Beispiel in dem Bild „Familie am Meer“.

In Richters Werkverzeichnis befinden sich also Opfer und Täter, Tante und Schwiegervater. Erst 2004 erfährt Gerhard Richter von diesem Drama. Seine Familientragödie ist ein Teil der Basis dieses Films. Erinnert er sich an die Tante? Er formulierte es in unserem Gespräch so: „Eigentlich habe ich erst sehr viel später die Erinnerung durch meine Schwester bekommen, dass vor allem Mariannes Mutter von den Besuchen stets total verzweifelt zurück kam. Beide Frauen haben geschrien – vor Jammer. Marianne war in der Klinik, sie wurde immer schlechter behandelt, und es ging ihr auch immer schlechter. Ihr erbärmlicher Zustand hat die beiden Frauen sehr mitgenommen.“

Gerhard Richter hat das damals als 13-jähriger Junge verdrängt. „Ich wollte es nicht hören, ich war oft draußen und hab’ das gar nicht mitgekriegt.“ Das Verdrängen war kindlich, kein bewusstes Ausblenden. Ein Kind in seinem Alter in der Endphase des Zweiten Weltkriegs musste, so formuliert er es, „einiges verdrängen, um mit der Welt klarzukommen und einen eigenen Weg zu gehen“. Hinterher habe er selber gestaunt, wie er trotz dieses Elends von Krieg und Zusammenbruch als Kind und Jugendlicher so „glücklich dabei war“.

Was haben Großmutter und Mutter über die Tante erzählt? War ihm als Kind klar, dass die Tante schwer krank ist? Gerhard Richter: „Nein, es war mir nicht klar. Es hieß, sie habe ein auffälliges Verhalten, und wir mussten die arme Marianne da und da hinbringen, weil sie ,Schizophrenie‘ hatte, eine Bezeichnung, die ich immer als Bedrohung empfunden habe.“

Was gab den Anstoß, 1965 nach einer Fotografie das Bild „Tante Marianne“ zu malen? Gerhard Richter: „Es gibt einen Slogan von mir, der lautet: ,Meine Bilder sind klüger als ich.‘ Ich habe im Moment des Malens nicht gewusst, warum ich das eigentlich male. Ich habe eher immer behauptet, dass all’ die Bilder, die ein bisschen schicksalhaft sind, mit mir gar nichts zu tun haben. Es seien irgendwie interessante Fotos, nicht mehr. Es war ein Schutz, um weitermachen zu können.“ Und: „Für mich war es eine Entdeckung, dass relativ banale Fotos, die völlig kunstlos sind, Fotos aus Illustrierten und Familienalben, für die Kunst sehr wichtig sein können. Die habe ich eben gesammelt und manche davon gemalt.“

Fotos, Zeitungsausschnitte, die er aufklebte. Er veredelte dabei auch Familienfotos. Und malte seine Tante und malte seinen Schwiegervater und malte Opfer und Täter und malte, ohne die zusammenhängenden Lebenslinien der beiden zu kennen. Über seinen Schwiegervater sagt er in der Retrospektive: „Seine Autorität hasste ich. Es war sehr ambivalent, weil ich so einen Mann noch nicht kennengelernt hatte und er mir Vaterersatz wurde. Ich kenne meinen Vater nämlich nicht. Deswegen habe ich meinen Schwiegervater teilweise eher verteidigt.“ Die Familie sprach nicht über die Vergangenheit des Schwiegervaters. Dass Heinrich Eufinger an Sterilisationen beteiligt war, davon wusste der junge Gerhard Richter nichts.

Tragische Familienereignisse

In der Familie geschahen dramatische, tragische Ereignisse. Gerhard Richters Großmutter verlor innerhalb von nur acht Monaten ihren Mann, im Krieg zwei Söhne und ihre Tochter Marianne. „Was die Frau durchgemacht hat, ist unglaublich.“ Sie habe in dieser Situation hart sein und sich durchsetzen müssen.

Wir haben auch über seinen Auszug aus der DDR 1961 gesprochen, über die risikoreiche Reise in den Westen. „Es reichte. Ich wollte erwachsen werden.“ Unabhängig. Ohne Bevormundung. Mit seiner Frau floh er über West-Berlin. Viele Bilder musste er in Dresden zurücklassen. Gerhard Richter: „Es sind viele, 600 vielleicht, inklusive Zeichnungen. Viele wurden damals beschlagnahmt oder gestohlen. Mehrere sind später wieder aufgetaucht, und einige davon sind in den Kunsthandel gekommen.“ Das alles hat er dem Dresdner Archiv geschenkt, „denn eigentlich bin ich rechtlich noch der Eigentümer. Mir war vor 20 oder 30 Jahren ein ganzer Packen angeboten worden für 25.000 DM. Verrückt!“ Er sollte seine eigenen Bilder kaufen.

Eine enge Verbindung zu Aachen war übrigens einer seiner ersten Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf, K.O. Götz. Gerhard Richter hat ihn in bester Erinnerung und spricht mit großem Respekt und hoher Wertschätzung über ihn: „Er war kein Demagoge, er hatte keine Ideologie, er hat mir nicht vorgeschrieben: ,So musst du das machen!‘, sondern ließ mir Freiheiten.“

188 Minuten dauert der Film, den wir uns ab Mittwoch anschauen können, wenn wir wollen.