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Aachen: Noch einmal Vollgas: Joe Cocker rockt und strahlt

Aachen : Noch einmal Vollgas: Joe Cocker rockt und strahlt

Ein bisschen Wehmut wird mitschwingen, wenn Joe Cocker am 2. September zum Abschlusskonzert der Kurpark Classix in Aachen die Open-Air-Bühne betritt. Das 68-jährige Bluesrock-Relikt hat nämlich seinen Teilrückzug vom stressigen Tourneen-Geschäft angekündigt.

Bevor er in den nächsten Jahren „nur noch hier und da“ aufkreuzen will, wie er sagt, kommen die zahlreichen Verehrer des Berühmtesten aller Luftgitarristen noch mal in den Genuss, die gesangliche Wucht Cockers live zu erleben. Seine noch laufende „Fire It Up“-Tour wird die letzte des Woodstock-Veteranen sein. Vielleicht hören dann auch seine Aufenthalte in noblen Hotels auf, deren Interieur ihm irgendwie unzweckmäßig erscheint. So wie in Berlin-Mitte, wo Cocker Hof hält, um über den Rock’n’Roll zu lästern, gesunde Lebensformen zu preisen und den iPod zu verteufeln.

Mister Cocker, Sie wirken ausgeglichen und aufmerksam. Sind Sie ein zufriedener Mann?

Cocker: Ja, das bin ich in der Tat. Ich habe eine tolle Frau, und ich darf neue Platten aufnehmen. Was will man im Alter von 68 Jahren mehr? Wissen Sie, meine Frau Pam und ich feierten vor ein paar Monaten unsere Silberhochzeit, und deswegen habe ich ihr auf meinem aktuellen Album den Song „You Love Me Back“ gewidmet. Meine Frau hat es all die Jahre mit mir ausgehalten. Das ist ein echter Liebesbeweis und viel mehr wert, als all das materielle Zeug, von dem man glaubt, es besitzen zu müssen, um glücklich sein zu können.

Das Ambiente Ihrer Hotelsuite hier würden Ihre englischen Landsleute als „posh“, also piekfein, bezeichnen. Leben Sie hier standesgemäß?

Cocker: Oh nein! Ich war nie der Typ Rockmusiker, der sich mit Luxus umgibt. Meine „Mad Dog Ranch“ in Colorado ist ein großes Haus, aber eben nur ein Haus. Meine Frau dekoriert es hin und wieder neu. Wenn es mir zu hübsch wird, stoppe ich sie. Ich hatte nie Ambitionen, im Buckingham Palace leben zu wollen. In den Siebzigern und Achtzigern war ich zu betrunken, um an Schönheit gefallen zu finden. Jetzt bin ich in einem Alter, in dem ich mehr Wert auf Zweckmäßigkeit lege.

Aber an die Musik der Siebziger, den Rhythm & Blues, erinnern Sie sich ohne Alkohol dann doch und scheinen auch wieder in der Lage zu sein, eigene musikalische Ideen umzusetzen.

Cocker: Sie haben schon Recht. Zweieinhalb Dekaden lang torkelte ich ein wenig zu sehr durch meine Karriere. Ab „Unchain My Heart“ hatte ich praktisch keine Kontrolle mehr über meine Platten. Ich nahm damals Songs auf, die mir teilweise nicht viel sagten.

Was hat sich geändert?

Cocker: Es ist hilfreich, wenn man als Alkoholiker trocken ist. Vor 15 Jahren fühlte ich mich erst ab einem gewissen Pegel lebendig. Das war meist gegen vier Uhr am Nachmittag. Heute stehe ich am Morgen auf, gehe als waschechter Nordengländer erst mal eine gute Runde mit den Hunden und kann mich darauf verlassen, dass meine ganze kreative Energie greifbar ist, wenn ich sie brauche. Seit mehr als einer Dekade bringe ich mich viel mehr in meine Platten ein, weil ich genau weiß, dass ich am besten bin, wenn man mich mit dem neumodischen Krempel verschont.

Klingt ein wenig verschroben.

Cocker: Na und? Alle alten Rocker sind verschrobene Typen. Mit meinen letzten drei Alben habe ich meine Verschrobenheit kultiviert, was selbst meine härtesten Kritiker anerkennen. Was geht mich die Jugend an mit ihren Begriffsverdrehern? Früher besaß R&B Rhythmus und Blue Notes. Heute versteht man unter R&B eine Einheitssoße, die nicht aneckt, dafür aber auch rein gar nichts mehr mit Soul zu tun hat. Lassen Sie mich doch in Ruhe mit dem Zeug!

Ist das nicht die normale Sichtweise des Alters?

Cocker: Ich habe keine Ahnung, aber manchmal präsentiert sich mir die Welt wie ein fremder Planet. Die Erfindung des iPods war in meinen Augen der soziale Supergau. Als ich jung war, galt Musik noch als verbindendes Element. Man teilte den Spaß an der Musik noch mit anderen. Heute stellt sich jeder seine eigene Auswahl zusammen, die keinerlei Verbindung schafft. Die Welt ist zu individuell geworden für einen Typen wie mich.

Das sind ja düstere Aussichten. Wird Rock’n’Roll zunehmend gegenstandslos?

Cocker: Das ist er doch schon längst. Wenn ich mir auf meiner Ranch mal eins dieser Rock’n’Roll-Spektakel im Fernseher anschaue, finde ich sie zumeist stinklangweilig, weil da überhaupt kein Rock’n’Roll-Geist mehr spürbar ist. Alle geben sich nur noch Mühe, nett und engagiert rüberzukommen. Das Besondere an den Sechigern und Siebzigern war, dass man damals noch nicht wusste, wie man Musik verpacken sollte. Heute ist Musik Vermarktung, sonst nichts.

Schauen Sie viel Fernsehen?

Cocker: Zu viel. Ich bekomme samstagsmorgens immer die Spiele der europäischen Champions League über Satellit in meinen Apparat gebeamt. Für einen Engländer ist das wichtig. Ich bin längst nicht soweit, mir amerikanischen Soccer anzuschauen. Ordentlich Fußball spielen können die Amerikaner nicht.

Was hat Sie nach Amerika verschlagen?

Cocker: Meine Frau und die Abgeschiedenheit Colorados. Dort war und bin ich soweit vom Musik-Zirkus entfernt, dass ich den Alkoholentzug schaffte. Es fällt gar nicht so schwer, ungesunde Gewohnheiten über Bord zu werfen, wenn man sich von vielem Gewohnten fernhält. Noch während der Neunziger musste ich während meiner Konzerte regelmäßig in ein Zelt am Bühnenrand verschwinden, um mich zu übergeben. Der Alkohol und die Hitze des Bühnenlichts vertrugen sich nun mal nicht. Es war wirklich schlimm mit mir. Nachdem ich den Entzug geschafft hatte, kamen Unmengen wiedergeborener Christen, von denen es in Colorado sehr viele gibt, auf mich zu und erzählten mir, dass sie für mich gebetet hätten.

Was haben Sie denen geantwortet?

Cocker: Ich habe mich bedankt und sie in ihrem Glauben gelassen. Süß nicht, wie naiv Leute sein können? Die Jesus-Typen sind freundlich, aber äußerst pene-trant. Ich habe gewaltige Schwierigkeiten mit Politikern, die sich an ihre Spitze stellen. Bush war so einer. Mein politisches Bild ist, um in amerikanischen Politik-Dimensionen zu sprechen, demokratisch geprägt. Dennoch bin ich froh, dass ich meinen englischen Pass nicht abgeben musste, als ich einen amerikanischen bekam.

Wie schaffen Sie es eigentlich, trotz unterschiedlicher Spielweisen Ihrer Musik, immer das Maximum an gesanglicher, emotionaler Intensität aus sich herauszuholen?

Cocker: Ich kann Ihnen dafür keine Formel nennen. Ich weiß aber, dass jede meiner Phrasierungen für sehr lange Zeit gehört werden kann. Deswegen achte ich sehr stark auf meine Gesangstechnik. Aber gleichzeitig spielt immer noch ein anderes Element eine Rolle, wenn ich singe. Ich würde es so umschreiben: Man badet in der Gefühlslage, die der jeweilige Text vorgibt.

Klingt gefährlich.

Cocker: Es ist gefährlich. Früher war das ganz schlimm bei mir. Wenn ich über Einsamkeit sang, fühlte ich mich anschließend auch einsam. Heute bin ich ein bisschen mehr bei mir und muss nicht mehr abstürzen, wenn ich über zerbrochene Liebe singe.

Apropos Liebe. Warum wollen Sie nicht mehr auf Tour gehen?

Cocker: Eine Tournee bedeutet viel Verantwortung, und lange Konzertreisen fressen sehr viele Energien. Ich mag mein Publikum und liebe es, für die Leute zu singen. Aber irgendwann muss man auch lernen, mit den Energien, die der Körper hat, haushalten zu können. Ich werde immer wieder auf Bühnen stehen wollen und hier und da Konzerte spielen. Aber ein halbes Jahr lang um den Globus tingeln, möchte ich nicht mehr. Meine Stimme wird man allerdings nicht vermissen müssen. Ich habe noch ein paar Dinge vor.