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Aachen: Nichts anderes als ein wahnhafter Wunsch

Aachen : Nichts anderes als ein wahnhafter Wunsch

Er ist einer der führenden Molekularbiologen des Landes, einer, der immer wieder kritisch seine Stimme erhebt, ob zu wissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Themen: Professor Jens Reich (65) vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin.

Am Donnerstag ist Reich beim „Zukunftstag Life Sciences” Teilnehmer an einer Podiumsdiskussion im Aachener Rathaus unter dem Titel „Der makellose Mensch - Wunsch oder Wahn?” Im Vorfeld beantwortete er die Fragen unseres Redakteurs Thomas Thelen.

„Die Woche” bezeichnete Sie einst als „einzigartige moralische Ins- tanz an der Nahtstelle zwischen Biomedizin und Politik”. Fühlten Sie sich damals trefflich beschrieben?

Reich: Nein. Ich bin keine moralische Instanz! Nun wirklich nicht!

Sondern?

Reich: Ich will lediglich helfen, dass die neuen Fakten, die die mo- lekulare Biologie und die Entwicklungsbiologie uns beinahe täglich bescheren, in korrekter und ver- ständlicher Weise in die öffentliche Diskussion einfließen.

Sie gelten als Wissenschaftler, der den Fortschritt stets auch kritisch betrachtet. Braucht es mehr Wissenschaftler, die ihre eigene Arbeit auch immer wieder auf den Prüfstand stellen?

Reich: Noch vor zehn Jahren hätte ich „Ja, ja,ja!” geantwortet. Es hat sich aber inzwischen einiges ge- tan. Es gibt immer mehr Wissenschaftler, die sich bewusst sind und auch danach handeln, dass sie eine Bringschuld nicht nur in ihrer Disziplin, sondern auch vor der Öffentlichkeit haben. Auf Ge- fahren wird verbreitet hingewiesen. Auch das geschieht inzwischen mit besserer sachlicher Qualität und nicht mehr allein als emotional aufgeladene, aber sachlich unaufgeklärte Kassandrarufe.

Sie beschäftigen sich als Molekularbiologe intensiv mit der Frage des Alterns. Würde Ihnen denn überhaupt der Gedanke gefallen, dass Ihr Leben endlos ist?

Reich: Die Vision der Unsterblichkeit ist ein Beispiel, wo eine bei wohl jedem Menschen tief sitzende Hoffnung durch gedankliche Analyse als unerreichbar und au- ßerdem nicht wünschenswert er- kannt wird. Unsterblichkeit wäre das Ende alles dessen, was unser menschliches Leben lebenswert macht!

Was glauben Sie: Wie würde sich das Wissen, dass wir unsterblich sind, auf uns auswirken?

Reich: Unsterblichkeit wäre die ewige Verdammnis. Alles Schöne am menschlichen Leben ist schön, nur weil es gleichzeitig vergänglich ist.

Der rasante technische Fortschritt macht vielen Menschen Angst vor der Zukunft. Würden Sie gerne in 50 oder 100 Jahren noch leben?

Reich: Ja, natürlich würde ich gern in 50 oder 100 Jahren noch leben. Aber nur, wenn ich noch frisch und aufnahmefähig wäre und et- was mit einer offenen Zukunft an- fangen könnte. Ich habe da Zweifel, ob das erreichbar ist.

Die Angst vieler Menschen rührt gewiss auch daher, dass wissenschaftlicher Fortschritt immer et- was von einem Automatismus an- haftet. Nach dem Motto: Die Wissenschaft lässt sich nicht aufhalten, egal, wie groß die Bedenken auch sind...

Reich: Ich bin nicht der Meinung, dass der Fortschritt automatisch kommt. Er wird von Menschen gemacht; er kann auch von Menschen gestaltet werden. Automatisch kommt er nur für den, der den Kopf in den Sand steckt und nicht hinschauen möchte.

Die Podiumsdiskussion in Aachen sucht Antworten auf die Frage „Der makellose Mensch - Wunsch oder Wahn?” Was werden Sie in Aachen antworten?

Reich: Dass das nichts anderes als ein wahnhafter Wunsch ist. Allein schon vom Begriff her: eine unerreichbare Fata Morgana. Aber selbst als Traum hält er der ge- danklichen Kritik nicht stand. Er ist nicht wünschenswert.

Zukünftig wird es möglich sein, den Menschen beliebig mit Ersatzteilen auszustatten. Die Frage ist, ob sich jeder diese Ersatzteile wird leisten können? Entbrennt über die Medizintechnik gar ein neuer Klassenkampf?

Reich: Das sehe ich im Moment noch nicht. Sehen Sie: Selbst die ultra-teuren Transplantationen von Lebern und Herzen werden trotz großem Bedarf und begrenztem Angebot gleichwohl nicht privat verkauft, sondern von der Solidargemeinschaft auch für mittellose Patienten getragen. Es ist zu hoffen und dafür zu arbeiten, dass sich das nicht zum Schlechteren ändert.

Den Deutschen wird nachgesagt, Sie seien sehr skeptisch, wenn es um Themen wie Gentechnik geht. Laufen wir dadurch nicht Gefahr, international in der Forschung den Anschluss zu verlieren?

Reich: Nein. Der Anschluss zur Spitze ist nicht durch Regelungen zur Gentechnik gefährdet, sondern durch unsere veraltete wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktur.

Wird sich die Skepsis negativ auf den Standort Deutschland auswirken, Stichwort Arbeitsplätze?

Reich: Ja, das kann geschehen, muss aber nicht zwangsläufig. Dass Ende der 80er Jahre die gentechnische Herstellung von menschlichem Insulin aus der Bundesrepublik vertrieben wurde, hat natürlich die Leistungsbilanz des Landes und sein Sozialprodukt geschmälert. Die Gründe für die politische Ablehnung waren er- kennbar nicht tragfähig.