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Neues Pretenders-Album: Nicht reparieren, was nicht kaputt ist

Neues Pretenders-Album : Nicht reparieren, was nicht kaputt ist

Das neue Pretenders-Album „Hate For Sale“ soll eine Rückkehr zur alten Form sein. Die Band setzt auf Altbewährtes: etwas Rock, Balladen, ein Reggae, Radiotaugliches. Es ist das erste Studioalbum, dass Chrissie Hynde mit ihrer aktuellen Live-Besetzung aufgenommen hat.

Das will nicht nur die Hülle vermitteln, in der die Platte steckt. In seiner SchwarzWeiß-Anmutung erinnert das Foto der aktuellen Band-Besetzung ein bisschen an die Ramones und die kurze Blütezeit des Punkrocks Ende der 70er Jahre. James Walbourne, der Gitarrist, den das trommelnde Pretenders-Gründungsmitglied Martin Chambers vor 13 Jahren für die Band rekrutierte, schaut entsprechend schön grimmig drein.

Und Chrissie Hynde, der Dreh- und Angelpunkt des Quartetts, sieht so aus als ob sie auf dem Weg zu einer Verabredung mit den dilettantisch gespielten, berühmten drei Punkrock-Akkorden in irgendeiner Spelunke in London sei. Mit schick-verwegen zurechtgelegten Haaren, in Skinny-Jeans und Lederjacke präsentiert sie sich. Wie es sich für eine Frau gehört, die bald 70 und des Labens am ewigen Jungbrunnen Popmusik nicht müde ist.

Zu Beginn: Ein wenig Punk

In Wahrheit ist es natürlich längst English Breakfast Tea, der sie vor Dehydrierung schützt. Man muss sich ja bester Vitalkräfte ermächtigen können, wenn einem der Sinn nach einer musikalischen Standortbestimmung mit nostalgischer Note steht. Wie einst auf den LP-Covern, die in Londoner Seconhand-Plattenläden vor dreieinhalb Jahrzehnten feilgeboten wurden, prangert auf „Hate For Sale“ jener typische Aufkleber-Abdruck, der ein Schnäppchen suggerieren soll. Und, ganz der klischeebesetzt-impulsiven Wahrhaftigkeit der früheren Jugendkultur Punk zugewandt, beginnt das Album erstmal mit einem Patzer. Irgendeiner der Saitenspieler vergeigt einen Akkord, Frau Hynde stoppt die Band, bevor Chambers erneut die Schnelltaktung vorgibt. Die wird von schroffen Gitarren flankiert. Hynde wettert dazu in schräger Tonabfolge über eine männliche Figur, die nichts als Hass verbreitet.

Sie findet es nicht verwunderlich, aber lustig, dass man ob ihrer gesungenen Zeilen unmittelbar an die allgegenwärtigen Demagogen unserer Zeit denkt. „Nein, das Titelstück der Platte handelt nicht von Donald Trump, Boris Johnson oder Bolsonaro. Keiner meiner Songs spielt auf die Politik an, sie handeln größtenteils von meinen Ex-Freunden.“, sagt sie. Ist „Hate For Sale“ also nicht nur ein nostalgischer Rückblick auf den kulturellen Humus, aus dem die Pretenders erwuchsen, sondern inhaltlich auch die Rückkehr zu privaten Tragödien? Nicht ganz, aber etliche der verhandelten Charaktere, von denen Hynde in den zehn neuen Stücken singt, setzen sich aus ihren Affären und Liebschaften zusammen. „The Buzz“, das zweite Stück der Platte, in dem das Punkrock-Tempo des Einstiegssongs schon deutlich Richtung Dudelfunk-tauglichem Tempo gedrosselt wird, verhandelt obsessives Beziehungsverhalten. Hynde hantiert darin mit allerlei Drogennutzer-Metaphern. „Ich denke, wir alle wissen sehr gut, dass Liebesbeziehungen manchmal die Züge einer Drogensucht annehmen können. Davon handelt dieser Song“, sagt sie, bevor sie augenzwinkernd-selbstironisch anmerkt: „Ich bin natürlich nicht gemeint. Ich war ja nie von der Illusion nach ewiger Liebe besessen. Nie!“

Zum Glück holt sie nicht zum endlosen Lamento aus, sondern belässt es bei der bündigen Schilderung ihrer Beziehungsbeobachtungen. Für mehr bleibt nämlich auch gar keine Zeit, denn gleich im Anschluss ertönt mit „Lightning Man“ ein Reggae der Sorte, wie es ihn eigentlich auf beinahe jedem Pretenders-Album der letzten drei Jahrzehnte gab. Aber weniger als Schunkelnummer intendiert, sondern deutlicher an jene Blue-Eyed-Karibiktaktung angelehnt, die 1980 jede bessere New-Wave-Band aus dem Vereinigten Königreich kredenzte.

Hynde gibt dazu die große Schwester der Joe-Jackson-Band zu „Beat Crazy“-Zeiten. Deren charakteristisch-trostlos klingenden Melodica-Sound borgt sie sich dann auch prompt zur Geschichte über einen Musiker, der sich in fataler Weise dem Alkohol hingibt. Es ist wieder eine jener Verachtungs-Geschichten, die sich vielfach auf der Platte finden. In diesem Fall geht‘s aber um die tatsächliche Selbstgeringschätzung eines Musikers, den sie während der Aufnahmen zu ihrem letzten Soloalbum kennengelernt hatte. Hynde verortet in der Nummer eine Hommage an die Ska-Revival-Band The Specials und betont, wie wichtig der Plattenproduzent Stephen Street für den richtigen Klang des Stücks gewesen sein. Der, sagt sie, hätte ja schließlich schon fürs Reggae-Label Island Records als Tontechniker gearbeitet. Unter dessen Ägide entstanden aber auch Alben der zänkischen Heulboje Morrissey, von Blur und den Cranberries. „Hate For Sale“ mutet möglicherweise deshalb wie ein Hybrid aus Alkoholfahne und Mundspülung an.

Dann noch: Ein Reggae

Die Ballade „You Can‘t Hurt A Fool“ jedenfalls will eigentlich nicht so recht ins intendiert schroffe Rock’n’Roll-Geschehen passen. Und sie würde vermutlich auch in dieser Form auch auf keinem Rock-Album einer anderen Band erscheinen. In der Machart von Pretenders-Platten hingegen wirkt sie nicht wie ein Fremdkörper. Die setzen sich seit jeher aus ein paar rockigen Songs, einer Reihe Stücke mit gedämpftem Tempo, radiofreundlichen Nummern, Balladen und eben einem Reggae zusammen. „Das ist tatsächlich eine Tradition, die auf allen Pretenders-Platten zu finden ist“, kommentiert Hynde. „Ich glaube, wir sind heute in unserer ‚Man soll nicht reparieren, was nicht kaputt ist‘-Phase.“

Eine Neuerung gibt es aber doch. „Hate For Sale“ ist das erste Studioalbum, das von der Band-Besetzung eingespielt wurde, mit der Hynde seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten live spielt. „Es wurde auch Zeit!“, sagt sie. „James, Martin, Nick Wilkinson, unser Bassist, und ich sind zu einer gut geölten Tour-Maschine zusammengewachsen. Allerdings haben unsere Terminkalender dazu geführt, dass wir nicht immer zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt oder dem gleichen Land waren. Aber ich wollte unbedingt mit dem echten Pretenders-Line-Up ein Album aufnehmen, was nun endlich auch passiert ist.“ Und welches Resümee zieht sie nach der gemeinsamen Studioarbeit? Hynde wartet umgehend mit einer weiteren Huldigung auf. „Nun, alle in der Band lieben Punkrock. Man könnte wohl sagen, dass man den Titelsong der Platte als unseren Tribut an die Punkband bezeichnen könnte, die ich als die musikalischste in ihrem Genre betrachte – The Damned.“