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Worms: Nibelungen mit Staraufgebot ein moderner Krimi

Worms : Nibelungen mit Staraufgebot ein moderner Krimi

Die Premiere der Wormser Nibelungenfestspiele mit Mario Adorf, Maria Schrader und Regisseur Dieter Wedel ist triumphal gefeiert worden.

Nach der über drei Stunden langen Freilicht-Aufführung vor dem Wormser Dom klatschten die 2000 Zuschauer am frühen Sonntagmorgen über zehn Minuten Beifall.

Wedel und Autor Moritz Rinke erhielten Bravorufe. Rinke hat das 800 Jahre alte Nibelungendrama in eine moderne Form gebracht. Unter den Zuschauern waren viele Prominente, darunter Thomas Gottschalk.

Wedel hat das 800 Jahre alte Epos um Liebe, Krieg, Intrige und Rache am Originalschauplatz in Worms als modernen Krimi inszeniert. Der preisgekrönte Autor Rinke schrieb die mittelhochdeutsche Sage völlig neu, ohne aber den Inhalt stark zu verändern.

Nichts erinnert mehr an die völkische Propaganda der Nazis, die das Drama um den blonden, blauäugigen Helden Siegfried für sich vereinnahmt hatte und die „Nibelungentreue” zum Vorbild erhob.

Mit einem Schuss Ironie, aber auch mit Brutalität wird die Geschichte der Nibelungen erzählt, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Kriemhild (Maria Schrader) träumt mit ihrem Bruder Giselher (Andrè Eisermann) von einem besseren Staat.

Als Drachentöter Siegfried (Götz Schubert) die Nibelungen vor fremden Heeren rettet, bekommt er Kriemhild zur Frau. Nachdem Hagen (Mario Adorf) Siegfried tötet und den Nibelungenschatz im Rhein versenkt, beginnt der Amoklauf von Kriemhild, der schließlich im Untergang der Nibelungen endet.

„Es ist für uns heute schwer zu begreifen, dass die Nazis das Stück missbraucht haben”, sagt Wedel. Mehrfach wird nun im Stück darauf verwiesen, dass Held Siegfried Holländer ist - und kein Deutscher.

Autor Rinke schrieb bewusst keinen Gegenentwurf zu den Nazis. „Ich finde es viel radikaler, die Nazis links liegen zu lassen, und sie auch einfach mal zu korrigieren, weil sie schlecht gelesen haben.” Wie ein Archäologe habe er die Sage freigelegt.
Wedel gelingt es perfekt, die natürliche Kulisse ohne viel Requisiten als Bühne aufzubereiten.

Ständig wechselt das Bild zwischen Mittelalter und Moderne: Ritter in Eisenrüstungen fahren mit einem Mercedes-Cabrio zu König Etzel, vom Sieg gegen die Sachsen kehren sie mit einem Militärjeep zurück.

Bei den Gags hat Wedel das Publikum auf seiner Seite: Der Bote ist auf einem Fahrrad unterwegs - mal mit Eis überzogen, wenn er aus Island kommt, mal mit Blumen im Körbchen, wenn er in Holland war. Brünhild kommt auf einem Pferd aus Eis, das Abschmelzen unterstreicht ihren Machtverlust. Der Schluss fällt mit Feuerfontänen und Kriegsbildern auf den Videoleinwänden bombastisch aus.

Die Figur der Kriemhild ist als Terroristin angelegt. „Als ich das erste Mal das Stück gelesen habe, dachte ich bei Kriemhild sofort an Ulrike Meinhof”, sagt Wedel. Hagen ist nicht der pure Bösewicht, sondern wird als Staatsmann skizziert, der schwierige Entscheidungen fällen muss. Das Spiel insbesondere von Schrader, Schubert und Eisermann ist beeindruckend.

Ob die Festspiele 2003 fortgesetzt werden, steht in den Sternen, denn obwohl die zwölf Vorstellungen seit Monaten ausverkauft sind, bleiben 700 000 Euro Schulden übrig.