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Essen: Neuer Stern am niederländischen Literaturhimmel: A.F.Th. van der Heijden

Essen : Neuer Stern am niederländischen Literaturhimmel: A.F.Th. van der Heijden

Masse ist nicht gleich Klasse. Wenn Masse aber derart viel Klasse besitzt wie in diesem Fall, kann selbst ein Romanzyklus von 3640 Seiten (!) zum Lesevergnügen werden. „Die zahnlose Zeit” hat der Niederländer A.F.Th. van der Heijden sein Mammutwerk in sieben Bänden betitelt.

Mit AZ-Redakteur Thomas Thelen traf sich der 51-Jährige vor einer Lesung in Essen.

Sie sind unbestritten ein Vielschreiber. Wie arbeiten Sie?

van der Heijden: Ich kann sehr konzentriert und diszipliniert arbeiten, jedenfalls so lange ein Buch noch nicht fertig ist. Habe ich mir vorgenommen, ein Kapitel fertig zu schreiben, dann bleibe ich auch diszipliniert am Ball. Wenn ich nach drei Wochen konzentrierter Schreibarbeit mal ein Wochenende Pause mache, kann es sein, dass sofort Chaos entsteht, weil ich dann aus dem täglichen Rhythmus herausgerissen werde und ich in den folgenden Wochen nur sehr wenig arbeite.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?

van der Heijden: Dann gehe ich Freunde besuchen oder mal in eine Kneipe. Wenn es aber im Sinne eines neues Buches erforderlich ist, kann ich sehr wohl eine tägliche Disziplin an den Tag legen. Die halte ich dann auch zwei oder drei Monate lang durch. In diesen arbeitsreichen Perioden ist es sehr wichtig, dass sich bestimmte Abläufe täglich nach einem genauen Muster wiederholen. Das fängt schon damit an, dass ich morgens immer zur selben Zeit aufstehe und frühstücke.

Schreiben Sie in Amsterdam?

van der Heijden: Ich habe den ganzen Sommer im Chateaux St. Gerlach bei Maastricht gearbeitet. Es handelt sich um einen Hotelkomplex mit Appartements - ein ehemaliges Kloster. Ich kann dort wohnen, so lange ich will, so lange es meine Arbeit an einem Buch erforderlich macht. Wenn ich dort bin und arbeite, dann tue ich das nach der Vorgabe einer täglichen Routine. Ich habe natürlich einen Plan, wenn ich ein Buch schreibe. Abends, bevor ich mich schlafen lege, schaue ich dann nach, ob ich mein Pensum erreicht habe und wo ich am nächsten Tag weiterarbeiten muss. Ich nehme mir dann auch immer konkret vor, wieviele Seiten ich am folgenden Tag fertigstellen will.

Haben Sie während der Arbeit an einem neuen Buch überhaupt mal Zeit für die Familie?

van der Heijden: Meine Frau und meine Kinder kommen mich am Wochenende in St. Gerlach besuchen oder ich fahre zu ihnen nach Amsterdam. Fünf Tage die Woche konzentriere ich mich dann aber voll auf meine Arbeit. Ganz diszipliniert. In diesem Sommer schreiben ich meinen neuen Zyklus weiter - er trägt den Titel „Homo duplex”. Der Prolog ist in den Niederlanden bereits erschienen. Ich wollte das Buch aber nicht schon wieder Prolog nennen. Es trägt jetzt den Titel „Homo duplex Null”. Es ist im Februar in den Niederlanden erschienen. Ich hoffe, dass im November - da habe ich übrigens ein Jubiläum, da bin ich nämlich 25 Jahre Schriftsteller - der zweite Teil erscheint. Mit diesem zweiten Teil will ich das Jubiläum feiern.

Wer so diszipliniert arbeitet, neigt gewiss auch zu Ordnung auf seinem Schreibtisch . . .

van der Heijden:Ich habe große Ordnung auf meinem Schreibtisch. Das ist sehr wichtig für mich und meine Arbeit. Was die Ordnung in meinen Büchern angeht: Da werde ich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, meine Bücher wären zu ungeordnet, zu wenig einer Chronologie folgend. Mache sagen, dieser Verzicht auf Chronologie mache meine Bücher unrealistisch. Als ob Chronologie umgekehrt für Realismus stehen würde . . .! Man braucht doch nur in sein eigenes Gehirn zu schauen, Erinnerungen sind doch niemals chronologisch abrufbar.

Man sieht draußen einen Vogel und denkt an eine bestimmte Situation, die sich vor 30 Jahren ereignet hat. Im nächsten Moment denkt man an etwas, das erst gestern passierte. Man springt durch die Zeit. Wenn das auch auf Papier in einem Roman so möglich ist, dann ist das doch viel realistischer als wenn man nur einer Chronologie folgt. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich versuche, realistisch zu schreiben. Für mich ist es wichtig, eine Geschichte zu erzählen, die nicht einer Chronologie folgt, sondern einer Assoziation.

Arbeiten Sie mit einem Computer?

van der Heijden: Oh nein! Wenn man sein gutes Gedächtnis behalten will, dann sollte man nach Möglichkeit auf den Einsatz eines Computers verzichten. Man hat mir mein Gedächtnis als Instrument mitgegeben. Ich finde das selbst nicht besonders außergewöhnlich. Das Gedächtnis ist für mich ein Instrument, von dem ein Schriftsteller Gebrauch machen kann.

Oft sagt man zu mir, versuche es doch mal mit einem Computer, dann kannst du all diese Dinge viel einfacher machen. Ich entgegne dann: Ich liebe es aber, die Dinge genau so zu machen, wie ich es nun mal tue. Und wie ich es immer gemacht habe. Ich liebe beispielsweise bei meiner Arbeit auch den Einsatz einer ganz normalen Büroschere. Ich schneide die Seiten an bestimmten Stellen entzwei und kann so ganze Kapitel völlig neu zusammensetzen. Da kann ich die Reihenfolge ganz neu ordnen. Das ist eine echte Frickelei, die mir aber Spaß macht. So wie man früher in der Schule mit Papier und Schere die tollsten Sachen gemacht hat. Ich liebe das, es macht einen so niedrig! Ich will es gar nicht anders haben.

Auch wenn ich mir mit einem Computer vieles erleichtern könnte und ich mir nicht die Hände schmutzig machen würde - ich will es einfach nicht. Es ist genau richtig so wie es ist. Ich will frickeln!

Schreiben Sie demnach per Hand?

van der Heijden: Ich schreibe meistens zuerst mit der Hand vor und dann tippe ich den Text in die elektrische Schreibmaschine. Es kommt aber auch vor - wenn es besonders gut läuft -, dass ich direkt in die Maschine tippe. Es passiert auch, dass ich auf der Maschine eine erste Version entwerfe, die ich dann später mit der Feder verfeinere. Auf jeden Fall ist meine Schreibarbeit eher handwerklich - immer zwischen Feder und Maschine.

Es gibt Schriftsteller, die haben einen genaue Vorstellung davon, was in ihren Büchern passiert, bevor sie mit dem Schreiben beginnen. Wie ist das bei Ihnen?

van der Heijden: Ich weiß, bevor ich anfange zu schreiben, längst nicht alles. Glücklicherweise sogar. Die Handlung, die sich da auf dem Papier vor mir ausbreitet, muss für mich selbst auch spannend bleiben. Harry Mulisch sagt: „Man schreibt nicht über das, was in Wirklichkeit passiert, sondern das Schreiben selbst auf Papier ist eine Geschichte, das ist das große Abenteuer.”

Manchmal wird aus einem einzigen Satz eine ganze Geschichte, die man sich vorher gar nicht vorgestellt hat. Das macht es sehr spannend. Natürlich ist es nicht verkehrt, sich zuvor ein Schema, einen Rahmen zu geben. In dem Rahmen selbst muss man sich aber alle Möglichkeiten offen lassen. Bei meinem nächsten Zyklus, „Homo duplex”, habe ich mir auch sehr viel vorher überlegt, die Geschichte ist über sieben Bände angelegt. Trotzdem habe ich mir auch ganz bewusst den Raum gelassen, um beim Schreiben unerwartete Dinge geschehen zu lassen.

Sie suchen als beim Schreiben das Abenteuer?

van der Heijden: In meinen Büchern räume ich der Intuition einen viel Platz ein. Der Intuition des Schriftstellers. Das gibt mir trotz aller Vorarbeit die Möglichkeit, beim Schreiben doch noch in alle nur denkbaren Richtungen zu gehen. Ich glaube zum Beispiel, dass Leon de Winter in seinen Büchern viel mehr einem Roten Faden folgt. So hat halt jeder seinen eigenen Stil.

Stört es Sie, wenn man über ihre Bücher sagt, sie sind auch unterhaltsam?

van der Heijden: Wenn meine Bücher nicht nur unterhaltend sind, ist das absolut okay.

Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen niederländischen Autoren?

van der Heijden: Man hat Kontakt zu einigen Kollegen. Man soll ja eigentlich nur eine Stammkneipe haben, ich habe in Amsterdam aber gleich zwei. In beiden Kneipen treffen sich Schriftsteller und andere Künstler. Eine dieser Begegnungsstätten ist im alten Zentrum von Amsterdam. Da treffen sich Schriftsteller zwischen 25 und 55 Jahren. Sie gehen dabei nicht immer nur freundlich miteinander um. Dann gibt es noch eine Kneipe beim Konzertgebäude. Da treffen sich alle Arten von Künstlern. Komponisten, Schriftsteller, bildende Künstler.

Man sucht einander. Es gibt natürlich wie überall im Leben auch große Feindschaften in der niederländischen Literatur. Meine Übersetzerin sagt immer - sie kennt die deutsche und die niederländische Literaturszene-, dass die Missstimmungen unter den Literaten in den Niederlanden ärger seien als beispielsweise die unter Deutschen. Man muss aber auch hinzufügen, dass sich die niederländischen Schriftsteller sehr oft begegnen, die stehen sich ja fast auf den Füßen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Harry Mulisch?

van der Heijden: Mein Verhältnis zu Harry Mulisch ist sehr gut. Natürlich sind wir in erster Linie zwei Schriftsteller, die sich ab und zu austauschen. Zwei verschiedene Generationen von Schriftstellern, die sich ab und zu sehen. Harry Mulisch ist immer sehr gerührt, wenn ihm ein Kollege freundlich und mit Respekt begegnet. Er neidet seinen Kollegen auch nicht deren Erfolg.

Was halten Sie vom Schriftsteller Mulisch?

van der Heijden: Ich liebe seine Megalomanie (Größenwahnsinn). Er ist ein Schriftsteller, der es sich erlauben kann, zu sagen: „Ich bin mit nichts weiter zufrieden, als mit einem Totalroman.” Er kann sich das rausnehmen! Ich will nicht behaupten, dass ich ihm das bewusst nachgemacht habe, doch ich will auch nicht abstreiten, dass diese Megalomanie auch bei mir durchschlägt. Mulisch hat immer gesagt, er wäre ein Autor von eher kleinen Büchern. Ein Roman sollte nicht länger sein als beispielsweise das Attentat - fünf Kapitel wie eine griechische Tragödie.

Vielleicht hat Harry Mulisch sich ja von meinen dicken Büchern inspirieren lassen und sich gedacht, er müsse auch mal einen dicken Roman schreiben, wer weiß . . . (lacht). Darüber haben wir uns auch noch nie unterhalten. Ich muss immer daran denken, was er mir mal von seiner Mutter erzählt hat, die heute nicht mehr lebt. Irgendwann hat er zu ihr gesagt: „Mutter, zum ersten Mal schreibe ich ein sehr dickes Buch, mehr als 900 Seiten”. Und seine Mutter hat geantwortet: „Mein Junge, dass kann ich ja noch nicht mal in meinem Schoß halten, das ist einfach zu schwer . . . ”

Niederländische Autoren neigen dazu, die Umgebung, in der sie leben, detailliert zu beschreiben. Ihre Heimatstadt Amsterdam spielt in Ihren Büchern eine große Rolle, Plätze und Straßen werden immer wieder genau dargestellt. Was ist der Grund dafür?

van der Heijden: Vielleicht verbindet man mit der Beschreibung von Häusern, Straßen und geographischen Details die Hoffnung, dass sich darin auch die Stimmung des Hauptcharakters eines Roman widerspiegelt, dass sich die Stimmung einer Romanfigur auf Häuser oder ganze Stadtteile projiziert. Es gefällt mir offensichtlich, in meinem Büchern über derartige ästhetische Dinge zu philosophieren. Man könnte ja auch sagen: Warum macht man sich die Mühe, eine Straße in allen Details zu beschreiben? Man könnte doch einfach eine Straße Straße sein lassen.

Vielleicht mache ich es dem Leser ja auch zu leicht, in dem ich ihm die Straße zu genau beschreibe. Vielleicht würde er sich die Straße ja viel lieber in seiner Phantasie ausmalen. Das hieße, man würde sich auf das Urbild von einer Straße beschränken. Das könnte natürlich auch genügen, klar. Was Amsterdam betrifft: Ich finde, dass es die Mühe lohnt, eine Amsterdamer Straße zu nachzuzeichnen. Ich glaube, dass ich mich da wie ein Maler fühle, der seine Stadt zeichnet. Nur mit Worten eben.

Die Veröffentlichung der einzelnen Bände des Zyklus´„Die zahnlose Zeit” hat selbst in den Niederlanden für reichlich Verwirrung gesorgt. Wie lief das genau ab?

van der Heijden: „Schlacht um die Blaubrücke” kam 1983 mit „Fallende Eltern” zusammen raus - das waren Prolog und Band I. Dann gab es zwei Jahre später „Das Gefahrendreieck” - Band II. Dann gab es ein Intermezzo - „Der Widerborst”. Und dann kam „Der Anwalt der Hähne” als Band IV. Als Anwalt der Hähne erschien, gab es ein richtiges Loch zwischen Band II und Band IV und die Leute in den Niederlanden fragten, wo ist bitteschön Band III? In der Kneipe steckten mir die Leute anonyme Bierdeckel zu, auf den stand - wo bitteschön bleibt denn Band III? Böse Zungen behaupteten, das wird er nie mehr rausbringen.

Ein Lektor riet mir sogar, ich sollte es tatsächlich bei dieser Lücke belassen. Mach Teil fünf und Teil sechs - aber behalte auf jeden Fall diesen Mythos um Band III bei. Ich habe mir dann allerdings gedacht, dass ich die Menschen zu sehr verwirre, sie haben als Zeitungsredakteur ja auch offensichtlich ihre Schwierigkeiten mit dieser Form der Veröffentlichung . . . Und so habe ich mich schließlich entschieden, Band III rauszubringen - wenn auch in zwei Teilen, nämlich Band 3.1. „Der Gerichtshof der Barmherzigkeit” und Band 3.2. „Unterm Pflaster der Sumpf”.

Der Suhrkamp-Verlag war offensichtlich anfangs etwas zögerlich, was die Veröffentlichung des gesamten Zyklus betrifft . . .

van der Heijden: Ich glaube nicht, dass der Suhrkamp-Verlag am Anfang die Gesamtveröffentlichung der „zahnlosen Zeit” im Kopf hatte. Die Frage war natürlich am Anfang, womit man in Deutschland beginnen kann. Man entschied sich dann für „Anwalt der Hähne”, weil das in den Niederlanden sehr erfolgreich war. Doch „Anwalt der Hähne” zum Auftakt als erstes Buch auf dem Deutschen Markt, das hat man sich auch nicht getraut.

1993 waren die Niederlande Schwerpunktland auf der Frankfurter Buchmesse, da wollte Suhrkamp unbedingt etwas von mir haben. Man hat sich dann für „Der Widerborst” entschieden, eben ein kleineres Buch. Zwei Jahre später kam dann „Der Anwalt der Hähne”. Wenn man das Buch natürlich auf den ganzen Zyklus bezieht, war dies zugegebenermaßen schon eine eher merkwürdige Veröffentlichungspolitik. Zuerst ein Intermezzo, dann Band IV, dann „Fallende Eltern”, dann „Das Gefahrendreieck” und dann den Prolog und jetzt die letzten zwei Bücher...

Macht es nicht Sinn, die Bücher in der von Ihnen gedachten Reihenfolge zu lesen?

van der Heijden: Ich glaube, und ich hoffe auch, dass es so, auf diese Art gelesen, also in der Kassettenform, einen Mehrwert besitzt. Ich habe das ganze Werk ja schließlich schon ganz bedacht in dieser Form komponiert.