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Neue Badekultur in Chaudfontaine

Neue Badekultur in Chaudfontaine

Chaudfontaine (an-o) - Königin Astrid ist trocken, Prinz Albert ist trocken und auch aus der Marguerite kommt kein Tropfen. Trotzdem dreht sich im alten belgischen Thermalbad Chaudfontaine alles ums Wasser. Dahin führt das C der Serie Euregio von A-Z.

Der erste Eindruck ist trostlos; die nach belgischen Royals benannten Quellen im Zentrum sind von Unkraut überwuchert, die Mitte der Stadt von Bauarbeiten zerfurcht, und eine Beton-Wüste erzählt die Geschichte eines Freizeitparks, der wegen Fehlplanung nie aufgemacht wurde. Zu allem Überfluss ist vor einem Monat der Pavillon Fourmarier mit der berühmten Quelle abgebrannt und derzeit geschlossen.

Der Impuls: Trost suchen beim einarmigen Bandit im Kasino. Doch die braune 60er Jahre-Bausünde schreckt ab, und so ist es besser, gut betuchten älteren Paaren mit Windhund den Vortritt zu lassen.

Gegenüber steht noch eine Baussünde, die einladender wirkt, weil sie eine Terrasse hat. Das "Hotel Palace" war mal das erste Haus am Platz, heute gibt es zu jedem Kaffee einen Eierlikör mit Sahnehäubchen - die Spezialität des Hauses - serviert von einem gelangweilt vor sich hin schlurfenden Kellner.

Ein Reiz von Chaudfontaine ist dieser: Wer Lust an der Beobachtung von skurrilen Szenen, Gestalten oder Bauten hat, kommt mit Bildern gut gefüllt zurück.

Mit ein bisschen Geduld, finden sich aber auch Plätze, die eine reale Wende zum Guten andeuten. Der liberale Bürgermeister Daniel Bacquelaine will Chaudfontaine nach vorne bringen, indem er die alte Badekultur wiederbelebt und Bauruinen in Sehenswürdigketien mit fließendem Quellwasser umbaut. In Teilen hat das schon geklappt. Das "Chateau des Thermes" ist ein prächtiges Schloss aus dem 18. Jahrhundert, das inmitten eines großen öffentlichen Parks mit jahrhunderte alten Bäumen am Flüsschen Vesdre liegt. Im Schloss befüllt das 36,6 Grad warme Thermalwasser, das Chaudfontaine (heißer Springbrunnen) seinen Namen gab, die Becken. Hohe Gastronomie wird am Außenpool serviert und Menschen schön geknetet und gecremt.

Bis vor anderthalb Jahren lag die Anlage brach, das Schloss verfiel, die einzige heiße Quelle Belgiens versickerte im Nichts. Niemand glaubte wirklich an eine Renaissance der glorreichen Zeit. Doch die Restaurierung des Schlosses wurde EU-Projekt und damit die Finanzierung für einen Investor weniger riskant. Seitdem kann man am Beckenrand die Füße in das gleiche Wasser halten, das oberhalb in Flaschen gereicht wird. Beides musste durch einen 240 Meter tiefen Stein und hat rund sechzig Jahre gebraucht, um vom Regentropfen zum Thermalwasser zu werden. 200 Millionen Liter davon füllt das Werk "Chaudfontaine Monopole" jährlich in Flaschen und verkauft es natur, mit Zitrone oder Orangengeschmack in Belgien, Frankreich und die Niederlande.

Kanister und leere Flaschen

Einige der 21.000 Einwohner holen sich das Wasser aber nicht im Supermarkt, sondern fahren mit dem Auto und dem Kofferraum voller leerer Flaschen zu den "Belles Fontaines". Dort füllen sie sich ihr Trinkwasser ab und finden garantiert jemanden für einen Plausch über die verheißungsvolle Zukunft des Thermalbades oder den TGV. Denn in Chaudfontaine wird es bald nicht nur die einzige heiße Quelle sondern auch den längsten Tunnel Belgiens geben. Für den Hochgeschwindigkeiteszug zwischen Brüssel und Köln werden gerade knapp sechs Kilometer zwischen Chaudfontaine und Soumagne unterhöhlt.