Monschau: Neue Ausstellung: DDR-Fotografie im KuK

Monschau : Neue Ausstellung: DDR-Fotografie im KuK

1. Mai in Ost-Berlin: Am „Internationalen Kampf- und Feiertag für Frieden und Sozialismus“ sind die Werktätigen in der DDR wieder einmal aufgerufen, bei der großen Parade mitzumarschieren und Flagge zu zeigen. Harald Hauswald hält einen Moment davon mit seiner Kamera fest und benennt die Aufnahme später schlicht mit „1. Mai“.

Doch es ist keineswegs die erwartete heroische Pose kampfbereiter und stolzer Proletarier, die der 1954 in Radebeul geborene Fotograf auf seinen Schwarzweißfilm bannt, sondern verwischte Figuren, die hilflos mit Fahnen wedeln und in wilder Eile flüchten. Das Wetter hat mit Starkregen dem erhabenen sozialistischen Demonstrationsakt einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ein typisches Bild Harald Hauswalds, der als erster Fotograf der DDR in den 1980er Jahren in so bedeutenden westlichen Medien wie dem „Stern“ veröffentlichen konnte und mit seinen Aufnahmen voll feiner Ironie den „sozialistischen“ Alltag widerspiegelte.

Er ist einer von fünf DDR-Fotografen, die Nina Mika-Helfmeier, die Leiterin des Kunst- und Kulturzentrums der Städteregion Aachen in Monschau (KuK), ab diesem Sonntag in der fantastischen Ausstellung „Bilder aus einem vergangenen Land. Ostdeutsche Fotografie“ präsentiert.

Vor zwei Jahren hatte die Chefin der Stabsstelle für Kultur in der Städteregion die Idee, ein solches Projekt in Monschau zu realisieren, nachdem eine Berliner Kuratorin ihr einen Bildband von Bernd Heyden geschenkt hatte: „Idylle in Grau“ (Lehmstedt Verlag, Leipzig). Darin porträtiert Heyden zwischen 1970 und 1980 das Leben am Prenzlauer Berg, dort, wo er aufgewachsen ist — Augenblicke und Situationen von subtiler Sinnbildhaftigkeit: zum Beispiel das letzte gewerbliche Treiben der wenigen verbliebenen privaten Händler und Handwerker in Hinterhöfen und Souterrains.

Und er fotografierte in typischen Arbeitshaltungen die Menschen, die hier lebten — Schornsteinfeger, Kohlenhändler oder Straßenkehrer. Aufnahmen voller Einfühlsamkeit und Melancholie, die dabei den Mangel und die Misswirtschaft nicht verhehlen. Ein Leben voller Würde in einer Trümmerlandschaft — und doch jenseits aller Klischees.

Immer wieder ist Nina Mika-Helfmeier nach Berlin gefahren, um die Fotografen persönlich kennenzulernen und ihre Schätze zu heben. „Und das sind sie wirklich — wahre Schätze“, erzählt sie voller Begeisterung, die sich auf das Publikum im Monschauer KuK garantiert übertragen wird. Zur Eröffnung am Sonntag werden zwei der Fotografen anreisen: Harald Hauswald und Werner Mahler.

Er studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seit 2009 arbeitet er mit seiner Frau Ute Mahler an verschiedenen Fotoprojekten. Für seine Diplomarbeit porträtierte er mit 150 Ansichten das Leben in der Dorfgemeinschaft Berka in Thüringen — Menschen verschiedener Generationen, Bäcker, Sportler, Jugendliche, Bewohner bei der Hausschlachtung — auch eine Art von „Idylle in Grau“, Leben im Mangel, doch durchaus voller Fröhlichkeit.

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall hat Werner Mahler Berka wieder besucht — und so etwas wie einer Dorfgemeinschaft nicht mehr vorgefunden. Stattdessen: Menschen, deren Zurückhaltung bis zum Misstrauen reicht. Das Leben in Berka — es hat sich total verändert. Aber das zeigt Nina Mika-Helfmeier im nächsten Jahr, zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls.

Bis zum 10. Juni sind erst einmal die 130 Arbeiten von Hauswald, Heyden, Ute und Werner Mahler sowie Sibylle Bergemann (1941-2010) zu sehen. Sie hatte den offiziellen Auftrag bekommen, von 1975 bis 1986 die Entstehung des Marx-Engels-Denkmals von Ludwig Engelhardt in Berlin-Mitte fotografisch zu dokumentieren. Die Bilder, die dabei entstanden sind, dürften der SED-Clique kaum gefallen haben: verhüllte Figuren ohne Kopf, bereit zum Transport, oder Karl Marx an Seilen hängend — wie gefesselt wirkt der Philosophenheld. „Das ist Ironie ohne Worte“, erklärt Kuratorin Mika-Helfmeier. „Subtile Kritik am System.

Harald Hauswald bekam die Reaktion direkt zu spüren: Er durfte in der DDR nie ausstellen. Seine Stasi-Akte umfasste 1500 Seiten, geführt wurde er unter dem Namen „Radfahrer“. 2009 erschien ein Film über ihn unter diesem Titel. Für sein Lebenswerk erhielt er 2006 den „Einheitspreis — Bürgerpreis zur deutschen Einheit“. Er ist Gründungsmitglied der Bildagentur Ostkreuz. Vorbild war die Pariser Agentur Magnum.

Das Konzept der KuK-Ausstellung: Fünf Eingänge führen das Publikum zu den gleichen Themenschwerpunkten Alltag, Arbeit und Architektur — festgehalten aus fünf verschiedenen Perspektiven. Ein echtes Ausstellungs-Highlight in unserer Region.

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