Aachen: Neue Akzente für die Kunststadt Aachen

Aachen: Neue Akzente für die Kunststadt Aachen

Der Kunststadt Aachen eröffnen sich ganz neue Perspektiven: Soeben etabliert sich neben dem Neuen Aachener Kunstverein ein weiteres ambitioniertes Forum - das Kulturwerk Aachen e. V.

Gegründet vom Ortsverband des Bundesverbandes Bildender Künstler (BBK) sowie Förderern, Liebhabern und Sammlern zeitgenössischer Kunst, schreibt sich dieser Kunstverein vor allem die Pflege der regionalen und euregionalen Positionen auf die Fahnen. Vorsitzende sind die BBK-Künstler Axel Müller und Annely Kall.

Zum Beirat gehört neben Wolfgang Becker, dem ehemaligen Leiter der Neuen Galerie und des Ludwig Forums, auch Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Gleichsam als programmatisches Signal widmet sich das Kulturwerk in seiner ersten Ausstellung in der gerade frisch bezogenen Galerie in der Nähe des Kaiserplatzes (Ottostraße 80) den Anfängen der hiesigen Szene: den „Aachener Klassikern”.

Aufbruch nach dem Krieg

Ihre Namen stehen für den künstlerischen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg, und Aachen hatte mit ihnen entscheidenden Anteil daran: Karl Fred Dahmen, Karl Otto Götz, Herbert Kaufmann, Peter Lacroix, Fritz Martin, Hanns Pastor, Ludwig Schaffrath und Hubert Werden. Kaufmann, 1924 in Aachen geboren, ist der letzte Lebende dieser Pioniere.

Frühe und späte Arbeiten, das gesamte kreative Potenzial der heroischen acht, die mindestens mit Schaffrath, Götz und Dahmen unvergesslich in die Kunstgeschichte eingegangen sind, wird aufschlussreich abgebildet - in einer Art Werkstattumgebung, die den Beteiligten sicher sehr gefallen hätte. Wer Peter Lacroix gekannt hat, der kann sich noch bestens an seine rau-trockene Art erinnern, hinter der er sein in Wahrheit sensibles Herz gern versteckt hat.

Diesen charakterlichen Kontrast strahlt der Ausstellungsort mit seinen rohen Wänden und den bisweilen zarten Sujets der Exponate auf eigentümliche Weise selbst aus. Lacroix verblüfft hier jedenfalls einmal mehr selbst seine Freunde mit einer ruppigen Komposition aus gerissenem Zeitungspapier und Farbe aus dem Jahr 1960, deren Eleganz sich erst beim zweiten Blick offenbart. Selbst Wolfgang Becker - er wird bei der Eröffnung in die Ausstellung einführen - ist erstaunt.

Nachdem sich die beiden Museen der Stadt - das Suermondt-Ludwig-Museum und das Ludwig Forum - sowie auch der Neue Aachener Kunstverein (NAK) auf der einen Seite eindeutig wiedererkennbar perfekt in der Landschaft positioniert haben, aber andererseits im Resultat kein Forum mehr bieten können für die regionale Szene, verspricht das Kulturwerk ein Potenzial für verlorengegangenes Terrain zu werden. Und so gewährt gleich die erste Schau überraschende Einblicke in die der regionale Kulturgeschichte: Der Stolberger Karl Fred Dahmen zum Beispiel, der 1953 in Aachen die allererste gemeinsame deutsch-französische Ausstellung organisierte - hier sind Bilder vom Russland-Feldzug aus dem Jahr 1942, ein Porträt seines Bruders und Stolberg-Ansichten von 1948 zu sehen, da hat der spätere Professor an der Münchener Kunstakademie an seine Objektkästen und Polsterbilder, mit denen er berühmt werden sollte, mit Sicherheit noch nicht gedacht.

Keine Frage: Karl Otto Götz, der große Informelle, Förderer und geistige Vater einer ganzen Generation von heute weltberühmten Künstlern wie Sigmar Polke und Gerhard Richter, darf als Aachener Gewächs in solch einer Ausstellung der „Klassiker” nicht fehlen.

Hanns Pastor über Auschwitz

Tief beeindrucken zwei Werke des gebürtigen Jülicher Künstlers Hanns Pastor, der 2009 im Alter von 92 Jahren nach einem Autounfall gestorben ist: In den Arbeiten widmet er sich 1963 dem Thema Auschwitz und streift dabei das Trauma seines Lebens: Eigentlich 1940 als Marathonläufer für die deutsche Olympiamannschaft fest nominiert, wird er als Feldarzt zwangsrekrutiert und kurz vor Kriegsende wegen „Wehrkraftzersetzung” zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, aber zum Glück nach dem Einmarsch der Amerikaner befreit. Seine Arztberuf hat er nie mehr ausgeübt, er wurde Künstler und Kunsterzieher. Wie ein Fresko, das kein Künstler, sondern die grässliche Wirklichkeit selbst geschaffen hat, wirkt das Bild: Namen und Schriftzüge, wie mit Fingernägeln voller Verzweiflung in den Putz der Wand gekratzt . . .

Die Stadt Aachen signalisiert ihre Sympathie und Verbundenheit mit dem Kulturwerk: Kulturdezernent Wolfgang Rombey wird die Gäste der Vernissage begrüßen.