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Aachen: Neuanfang im Morgenlicht bleibt fraglich

Aachen : Neuanfang im Morgenlicht bleibt fraglich

Den britischen Bühnenautor Simon Stephens, Jahrgang 1971, konnte das Aachener Theaterpublikum bereits vor zwei Jahren kennen lernen - mit seinem schonungslosen (Anti-)Kriegsdrama „Motortown”.

Bereits 2006 wurde „Motortown” von Theater heute zum „Ausländischen Stück des Jahres”, 2008 Stephens´ selbst zum besten ausländischen Dramatiker gewählt.

Sein Schauspiel „Harper Regan” ist die Geschichte einer Frau und ihrer Reise zu sich selbst. Die 41-Jährige ist jemand, der seine eigenen Bedürfnisse eher zurückstellt. Sie hat Familie und einen Job, den sie nicht verlieren darf.

Die bizarre Auseinandersetzung mit ihrem Chef wirkt fast surreal - Harper bittet und fleht um zwei freie Tage, damit sie ihren sterbenden Vater noch einmal sehen kann. Der über Gott und die Welt schwafelnde Vorgesetzte (Rainer Krause) setzt die Frau jedoch unter Druck. Sie könnte ihre Arbeit verlieren, wenn sie trotz des Verbot frei nimmt, so seine Drohung.

Schlicht und zurückhaltend

Bettina Scheuritzel spielt die gequälte Frau schlicht und zurückhaltend, als wisse sie um die Gefahr, einfach auszubrechen und etwas „Verrücktes” zu tun. Das kalte Metallgestänge in den Kammerspielen hält hierbei die Figuren in ihren Schranken (Bühne, Kostüme und Beleuchtung: Matthias Koch). Die Begegnung Harpers mit dem depressiven Tobias (Felix Strüven) auf einer Brücke gipfelt immerhin in dem wohlmeinenden Rat des Jungen: „Fahren Sie zu Ihrem Vater!”. Zuhause hört der Vater die Tochter Sarah in Geologie ab. Emilia Rosa de Fries spielt den aufbrausenden Teenager mit pubertärer Energie.

Irgendetwas stimmt nicht in der Familie, das ist quälend spürbar. Und glaubt man anfangs noch, Joey Zimmermann spiele den Vater Seth auf irritierende Weise, wird später klar: Diese Gestalt steht wirklich neben sich. Seth hat keinen Autorität mehr in der Familie. Ein Familiengeheimnis wie bei Tennessee Williams, dem der Autor Stephens hier auf der Fährte ist. Harper Regan, die den Auf- und Ausbruch gewagt hat, kommt zu spät - der Vater ist bereits gestorben. Die Szene mit der jungen Krankenschwester (Emilia Rosa de Fries) hat einen tragisch-komischen Akzent.

Statische Regie

Die Regie von Ronny Jakubasch wirkt etwas zu statisch und in der Folge leider uninspiriert. Krause und Strüven bleiben sichtbar unter ihren Möglichkeiten. Die Bar-Szene mit dem rassistischen Journalisten (Philipp Manuel Rothkopf) ist gelungen, doch den tätlichen Angriff mit einem Glas nimmt man Scheuritzels Harper nicht so recht ab. Ihre äußere Verwandlung mit sexy Bluse und (geklauter) Lederjacke führt geradewegs zum Sex mit einem zärtlichen Fremden (überzeugend: Benedikt Voellmy).

Ein wahrer Glanzpunkt ist der Auftritt von Elisabeth Ebeling als Harpers Mutter. Faszinierend echt zwischen egoistischem Lamento, weiblichen Allüren und Tragik brilliert die Schauspielerin im Duett mit Scheuritzel als Tochter. Eine typische Mutter/Tochter-Konstellation stellt sich da berührend und spannend dar. Die Reise zu sich selbst endet im verwirrenden Schluss mit glücklich vereinigten Familienmitgliedern im sonnigen Morgenlicht. Wirklich ein Neuanfang? Oder doch nur trügerische heile Welt? Viel Beifall für die 90-minütige Reise.

„Harper Regan”, Schauspiel von von Simon Stephens, Kammerspiele Theater Aachen, 20 Uhr. Weitere Aufführungen: 22. und 29. März , 1., 9. und 13. April.