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Nervenkrieg hat nach sieben Stunden ein Ende

Nervenkrieg hat nach sieben Stunden ein Ende

Eschweiler. Hundertschaften der Polizei, abgesperrte Straßen, Schaulustige an den roten Flatterbändern, Krankenwagen, Feuerwehr. Die Geiselnahme im St. Anotnius-Krankenhaus in Eschweiler hält die Menschen in Atem.

Auf den Straßen brodelt die Gerüchteküche. Einige wollen wissen, der Geiselnehmer habe eine Bombe dabei, andere sind sich sicher, dass er ein Terrorist sei. Die Leute sind sich schnell einig: „Der gehört erschossen.” Und eine Frau sagt, sie habe eine Spezialeinheit gesehen - „die machen jetzt bestimmt den fanalen Rettungsschuss oder wie das heißt.” Die Geiselnahme bedeutet in Eschweiler vor allem: Ausnahmezustand in der Indesstadt. Ganze Straßen sind abgesperrt, im Umfeld des Krankenhauses ist es gespenstig ruhig, die einzige Bewegung kommt von Blättern, die im Wind hüpfen.

Drinnen im Krankenhaus arbeiten die Ärzte und Krankenschwestern weiter, um den vielen Kranken zu helfen. Sie werden dabei von dem 35-jährigen Geiselnehmer behindert, einem Kurden aus Syrien, der wahrscheinlich der Vater des Neugeborenen ist. Bei der Frau, die er als Geisel genommen hat, handelt es sich um seine Ex-Lebensgefährtin - vor drei Tagen hatte sie den gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht. Mit der Frau und dem Kind hat sich der Mann in einem Krankenzimmer verbarrikadiert. Nach unbestätigten Berichten hat er die Frau gewürgt an diesem Sonntag, wie in der Vergangenheit auch schon. Seinen neugeborenen Sohn hat er mit Benzin übergossen, wahrscheinlich gedroht, ihn anzuzünden.

Ein Mann steht draußen, in der Nähe der Absperrung, und wird verrückt vor Angst und Sorge. Sein Sohn liegt im Krankenhaus, ihm geht es nicht gut. Vater und Mutter dürfen „aus Sicherheitsgründen” nicht zu ihrem Kind. Getröstet werden sie, wie viele andere Angehörige auch, von Polizeiseelsorger Michael Lang. Er steht wie ein Fels in der Brandung, versucht zu beruhigen. „Es wird alles Menschen mögliche getan, um die Gefahr für alle so gering wie möglich zu halten”, versichert er. Die Geiselnahme erregt bundesweit Aufsehen, und so trudeln nach und nach Fotografen und Kameraleute, Schreiber und Radioreporter ein, stets auf der Suche nach den neuesten Entwicklungen.

Allein: Neuigkeiten gibt es nicht. Sicherheitsbedenken, wird gemunkelt. Will heißen: Die Polizei sagt fast gar nichts, und was sie sagt, muss hinterfragt werden. Es ist vorstellbar, dass der Geiselnehmer Radio hört oder Fernsehen schaut. Wenn dann ein Reporter die Wahrheit verraten würde über das, was die Polizei vorhat - dann könnte der Geiselnehmer reagieren, vielleicht ausflippen.

Am Nachmittag spitzt sich die Situation zu, die Menschen werden ungeduldig. Mittlerweile ist die Fußgängerzone gesperrt. Das Krankenhaus liegt von jeder Absperrung mindestens einhundert Meter entfernt. Die Schaulustigen stehen in kleinen Gruppen zusammen, das gibt Schutz vor dem schneidenden Wind an diesem klaren Wintertag. Sie spekulieren auf beste Aussicht: Das vielstöckige Krankenhausgebäude ist weithin sichtbar. Die Gerüchteküche weiß: Der Geiselnehmer hat sich in einem Zimmer auf der vierten Etage verschanzt. Und das könne man aus der Fußgängerzone sehen. Gleich neben dem großen Kaufhaus liegt die Sparkasse, ein ebenso hohes Gebäude, auf dem angeblich Scharfschützen darauf warten, einzugreifen.

Nur langsam sickern Informationen durch. Der Geiselnehmer ist Asylbewerber, steht kurz vor der Abschiebung. Er ist psychisch krank, nur deswegen noch hier. Vor kurzem hat ihn seine Freundin mal wieder verlassen, schwanger. Sie ist die Frau, der er jetzt drinnen droht. Ihr und ihrem Sohn. Was für ein Start in diese Welt.

Um kurz vor 15 Uhr berichtet Polizeipressesprecher Paul Kemen: Das Kind ist frei. Zu der Zeit sagt die Polizei noch, es gebe keinen Kontakt zum Geiselnehmer. Wie sich herausstellt, stimmt das nicht. Psychologisch geschulte Beamten haben mit dem Mann gesprochen, ihn am Telefon weich geredet. Ihm gesagt, dass er aus seiner persönlichen Tragödie nicht die anderer Menschen machen muss, soll. Das fruchtet. Um halb fünf heißt es, er habe auch die Frau freigelassen. Die Menschen spekulieren: Was macht der Mann jetzt, gibt er auf, erschießt er sich? Die Antworten bringt Polizeisprecher Michael Houba: Aus und vorbei. Der Mann hat sich ergeben, ist festgenommen worden. Es hat keine Verletzten gegeben, Frau und Kind sind wohlauf. Aufatmen, aus und vorbei.