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Mettmann: Neandertaler lüftet seinen Leder-Schurz

Mettmann : Neandertaler lüftet seinen Leder-Schurz

Dass ein Spritzer Erotik die Verkaufszahlen etlicher Produkte ansteigen lässt, gehört inzwischen zu den gesicherten Erkennnissen: „Sex Sells” lautet demzufolge einer der zentralen Glaubenssätze der modernen Konsumkultur.

Dass Zeugnisse der Lust an der Liebe kreuz und quer durch die gesamte europäische Kultur vom ersten Auftreten des Urmenschen bis heute helfen, mehr Mensch in eine Ausstellungsstätte zu locken, hoffen Dr. Barbara Auffermann und ihre Kollegen vom Neanderthal-Museum. „100.000 Jahre Sex” heißt die Schau, die bis zum 20. Mai den Tourismus in das Museum und das stille Tal auf dem Gebiet der Stadt Mettmann bei Düsseldorf ankurbeln soll.

Viel Aufregung hatte es schon vor der Eröffnung gegeben. Erst nach einigem Zögern hatte der Landesbetrieb Straßen gestattet, an Verkehrswegen in Nordrhein-Westfalen Plakate und Banner, die auf die Ausstellung aufmerksam machen und eine griechische Vase mit einem Paar in eindeutiger Lebenslage zeigt, zu präsentieren.

Der Rundgang indes zeigt, dass die Schau an sich harmlos ist. Das sehen wohl auch zahlreiche Eltern so: Am Eröffnungstag hatten viele Mütter und Väter ihre Söhne und Töchter mitgebracht. Mit ihnen gemeinsam nahmen sie die Exponate, Kabinette und Texttafeln in Augenschein. Bedenken, dass das Gezeigte den Kindern schaden könnte, meldete selbst auf Nachfrage keiner der erwachsenen Begleiter an.

Nichts wirkt im Neanderthal-Museum peinlich; nichts bietet eine Steilvorlage für Voyeure - denn die Ausstellungsmacher aus Mettmann, die ihr Projekt in Zusammenarbeit mit den Kollegen vom Drents Museum in der nordniederländischen Stadt Assen ins Werk gesetzt haben, stellen das Thema aus dem kulturgeschichtlichen Blickwinkel und somit distanziert dar. Feige sind sie deshalb noch lange nicht und verschweigen ihrem Publikum keineswegs, dass es in Casanovas Venedig ein Geschäft mit ganz besonderen Dingen für Damen gab.

Aber auch da beherrschen die Ausstellungmacher ihr Metier und wissen, wie sie einen nicht ganz einfach zu präsentierenden Sachverhalt darstellen können. Wenn sie zum Beispiel das älteste erhalten gebliebene Kondom, das im frühen 19. Jahrhundert in Schweden gefertigt wurde, und die vom Zahn der Zeit ziemlich angenagten Fischblasen-Verhüterli, die aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts stammen und im Abwassergraben von Dudley Castle in England gefunden wurden, in einer Vitrine zur Schau stellen, wirkt das im Grunde doch ziemlich unschuldig.

Bei vielen Exponaten geht es noch nicht einmal direkt um Sex, sondern um Bilder dessen, was in der jeweiligen Zeit als erotisch empfunden wurde. Da sind die korpulente „Venus von Willendorf” (um 25.000 vor Christus) oder die Streichholz-großen Statuetten aus der frühen Menschheitsgeschichte, die nur durch den gewölbten Bauch überhaupt als Zeichen des Weiblichen zu erkennen sind.

Rätselhaft und magisch wirken auch die steinernen Sheela-na-Gig-Figuren, die im Mittelalter den Torbogen über manchem Kirchenportal in Irland krönten. Selbst das Thema „Reizwäsche” wird nicht ausgespart, wie das aus Schnüren geflochtene und überaus durchsichtige Röckchen der im heutigen Dänemark gefundenen „Frau von Naestved” (1400-1200 vor Christus) und perforierte altrömische Unterhosen aus Leder dokumentieren.