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Jazz-Quartett Redman, Mehldau, ­McBride, Blade: Nach 26 Jahren wieder vereint

Jazz-Quartett Redman, Mehldau, ­McBride, Blade : Nach 26 Jahren wieder vereint

1994 hat Joshua Redman mit seinem Quartett ein Jazz-Album geschaffen, das zum Klassiker wurde. Nun spielt der Saxofonist erneut mit Brad Mehldau, Christian McBride und Brian Blade.

Ein gutes Vierteljahrhundert nach ihrer ersten und bisher einzigen Aufnahmesession als Band haben Joshua Redman, Brian Blade, Christian McBride und Brad Mehldau ein neues Album eingespielt. Jeweils längst in ihren mittleren Lebensabschnitten angekommen, kommunizieren die vier Künstlerschwergewichte des Jazz heute nicht weniger temperamentvoll, aber deutlich profunder miteinander – als ob sie nur darauf gewartet hätten, sich noch ein gutes Stück beseelter zusammen artikulieren zu können. Genau diesen Austausch sieht Redman akut in Gefahr.

Es ist früher Nachmittag in der Bay Area. Joshua Redman sitzt im T-Shirt auf der Terrasse seines Hauses in Berkeley und genießt die Frühlingssonne, während er sich pünktlich zur verabredeten Gesprächszeit per Videoanruf meldet. 2004 sei er von New York in seinen Geburtsstaat Kalifornien zurückgezogen, erzählt der Saxofonist, Komponist und Bandleader. Der Familiengründung, aber auch seiner damals dort ansässigen Mutter wegen, die im November 2016 starb. „Eine Woche nachdem Trump zum US-Präsidenten gewählt worden war, ist sie gegangen“, sagt Redman. „Ich vermisse sie, aber ein kleiner Trost ist, dass ihr viel von dem, was sich in diesem Land und in der Welt seither zugetragen hat, erspart geblieben ist. Von den momentanen Kontaktbeschränkungen ganz zu schweigen.“

Anfang September des vergangenen Jahres dachte derweil noch niemand ans Abstandhalten, als der kleine Club The Falcon in Upstate New York an zwei aufeinanderfolgenden Konzertabenden aus allen Nähten platzte. Auf dem Programm standen Redman, Mehldau, McBride und Blade.

Improvisieren und erzählen

Deren Debütalbum „MoodSwing“ wurde 1994 unverzüglich nach der Veröffentlichung mit dem Gütesiegel „Klassiker“ versehen, weil die Platte nicht zuletzt den Startschuss für die jeweiligen internationalen Karrieren der einzelnen Bandmitglieder markierte. Ganze anderthalb Jahre lang bestand die glorreiche Viererverbindung damals, bevor ihre seinerzeit bereits hoch gehandelten und gefragten Mitglieder in Richtung eigener Ensemblegründungen ausflogen. Die Kontakte zwischen ihnen brachen freilich nie ab. Blade blieb konstant Redmans erste Drummer-Wahl, McBride und Blade nahmen als Rhythmusgruppe unter anderem jeweils in Trio-Besetzungen mit Mehldau und Chick Corea Fahrt auf, während Redman und Mehldau ihre gegenseitige Wechselwirkung als Duo ausloteten.

Die Option, noch mal gemeinsam als Band zu firmieren, stand während der vielen Begegnungen in der Interimszeit zwar nicht direkt im Raum, aber sie beflügelte zumindest Redmans Imagination kontinuierlich. Die besondere Qualität der „MoodSwing“-Phase bestand in seinen Augen im Finden eines gemeinsamen Duktus, der sowohl von improvisatorischem als auch von erzählerischem Streben geprägt war, meint er.

Kein Solist im Vordergrund

„Konzeptionell scheinen die beiden Disziplinen, spontan, im Moment zu agieren, und dabei strukturell-kompositorisch einen Erzählbogen zu wahren, in Opposition zueinander zu stehen“, führt Redman sein künstlerisches Leitmotiv aus. „Aber genau dieser vermeintliche Widerspruch schafft die Magie der Jazz-Dialektik, sofern sie mit Wissen und Mut zur Freiheit ausgeführt wird“, meint er. „Brad, Christian, Brian und ich teilten die Auffassung, nach der die Verbindung aus Improvisation und Storytelling endlos viele Möglichkeiten birgt, bereits bevor wir ‚MoodSwing‘ aufnahmen. Entsprechend konnten wir dem Narrativen schon damals als Kollektiv zuspielen.“

Er betont: „Es ging nie darum, einen Solisten in den Vordergrund zu stellen, der seine Geschichte erzählte, während die anderen drei das Background-Setting dazu schufen. Vielmehr griff jeder von uns ins Erzählerische des anderen ein, was letztlich unseren Band-Sound ausmachte.“ Über die Jahre habe er sich oft gefragt, wie sie wohl nach all den dazugewonnen Erfahrungen in dieser Hinsicht als Band aktuell klingen würden. „Wie sich herausstellte, musste ich keine Überzeugungsarbeit leisten, um uns vier wieder zusammenbringen zu können“, sagt er. „Vielleicht auch, weil wir uns schnell darauf einigen konnten, nichts von dem nachbilden zu wollen, was wir vor 26 Jahren auf die Beine gestellt hatten.“

Die Sache mit den Gemütsschwankungen

Er besteht darauf, dass die Band heute nicht mehr als das Joshua Redman Quartet bezeichnet werden soll. Zwar sei er der organisatorische Dreh- und Angelpunkt der Wiederzusammenkunft gewesen, räumt er ein. Aber die sollte wunschgemäß deutlicher von Kollaboration geprägt sein als Anfang der 90er Jahre. So ist auch ­„RoundAgain“, der Titel des neuen Albums, keine Einzelentscheidung gewesen. „Darüber bin ich wirklich froh“, sagt Redman und lacht, „denn, um ehrlich zu sein, halte ich ‚MoodSwing‘, rückblickend betrachtet, für einen ziemlich beknackten Plattennamen. Ich wollte die unterschiedlichen Stimmungslagen unserer ersten Offerte mit dem Swing, auf dem die Musik fußte, in einem Wort kombinieren, woraus etliche Leute Gemütsschwankungen lasen.“ Dass die Band heute bewusst als Redman, Mehldau, ­McBride, Blade firmiert, lässt sich auch mit dem Beisteuern von Kompositionen aller vier Musiker erklären. War Redman 1994 noch alleiniger Materialschöpfer, stammen von den sieben neuen Stücken diesmal jeweils eins von Blade und McBride, zwei von Mehldau und drei von ihm. Sein knapp siebeneinhalbminütiges „Undertow“ führt mit reichlich Feinsinn für swingende Dynamik in die Platte. Im rasch aufeinanderfolgenden Wechselspiel zwischen abebbender Melodieführung und ihrer flutartigen Rückkehr unter Beibehaltung von metrischer Spannung steht das Stück exemplarisch für das komplette Album.

Mehldaus „Moe Honk“ zeugt mit anfänglichen 5/8-Mikrotime-Taktungswerten, die im Mittelteil in einen leidenschaftlichen Straight-Ahead-Swing mitsamt Piano- und Kontrabass-Soli übergehen, von der gewachsenen Dialogfreiheit der Band und ihrer enormen Flexibilität. „Silly Little Love Song“ ist ein Musterbeispiel für die Möglichkeit des Kollektivs, ein einfaches Thema sinnlich-anregend zu gestalten. McBrides und Blades Interaktion schafft dabei in ihrer Einfühlsamkeit reichlich Platz für Redmans Tenor-Sax als Lust definierenden Faktor. Die erzählerische Stärke der Band bildet unterdessen ihre kollektive, humanistisch geprägte Lebens- und Weltanschauung ab, inklusive zugehörigem Humor. McBride dachte beim Verfassen des leicht ungleichgewichtig schwingenden Blues „Floppy Diss“, in dem Redman zum Sopran-Sax greift, dem Vernehmen nach an Monk und die Pantomimen von Jerry Lewis.

Konzerte im Sommer unmöglich

Die nonchalant akzentuierte Swing-Nummer „Right Back Round Again“ ähnelt einem Tanz in bester Geben-und-Nehmen-Manier. Die vier Musiker spielen sich darin konstant gegenseitig Ideen und emotionale Informationen zu. Gleichzeitig entwickeln sie dabei spontan Fährten, die wie Hinweise zum Ausfüllen freier Räume wirken. Brian Blades Ballade „Your Part To Play“ beschließt beinahe wehmütig ein Album, in dem die juvenile Neugierde der „MoodSwing“-Ära auf die Tiefe und den Erfahrungsschatz treffen, den 26 zusätzliche, offenherzig vollzogene Lebens- und Musikerjahre nach sich ziehen. Nach einem Probennachmittag und den beiden Konzerten im Falcon wurde „RoundAgain“ im Studio eingespielt. Das Zustandekommen der eigentlich für den Sommer und Herbst geplanten Live-Präsentation des Materials hält Redman für unmöglich. „Die Corona-Pandemie stellt die größte Bedrohung für den Jazz dar, die ich je erlebte“, wird der ewige Optimist zum Schluss ernst.

„Und ich rede nicht mal von den verheerenden ökonomischen Folgen des Virusausbruchs für viele Jazzmusiker. Jazz ist die Kunstform, die am wenigsten Abstandsregeln verträgt. Nimm einem improvisierenden Instrumentalisten die Chance, mit anderen Musikern auf der Bühne in Echtzeit zu spielen, und du beraubst ihn seiner künstlerisch-kreativen Existenzgrundlage“, sagt er. Virtuelles Jammen über das Internet sei „ganz nett“, aber kein spontaner musikalischer Austausch, sondern „das Schichten von Sounds“. „Ich weiß, dass wir die Pandemie überstehen werden, aber der Preis, den viele junge Jazzer dafür zahlen müssen, ist sehr hoch“, bedauert Redman.

Er selbst spiele heute ohnehin keine 300 Gigs mehr pro Jahr und sei eine Auszeit gewohnt. „Aber auch bei mir haben die letzten zwei Monate ohne direktes Zusammenspiel ein Loch gerissen. Es ist nicht mal ein künstlerisches, sondern vor allem ein emotionales Loch.“ Die Vorstellung, dass er noch ein Jahr lang darauf verzichten müsse, mit anderen Musikern im selben Raum spielen zu können, sei beängstigend. „Ohne egoistisch klingen zu wollen, bin ich froh darüber, dass wir ‚RoundAgain‘ vor der rasanten Ausbreitung des Virus eingespielt haben. Es war ohnehin schwierig, dafür freie Tage in unseren jeweiligen Terminkalendern zu finden. Jetzt hätte jeder von uns die Zeit, gleich noch ein Album einzuspielen, aber eben auch die berechtigte Furcht vor einer Infektion. Seltsame Welt!“