Bayreuther Festsspiele: Viel Beifall und ein paar offene Fragen

Bayreuther Festsspiele : Viel Beifall und ein paar offene Fragen

Die Bilanz der Premierenwoche in Bayreuth fällt insgesamt positiv aus. Bis auf einige „Buh“-Rufe waren es bislang friedliche Festspiele. Nun wartet alles auf den neuen „Ring“ 2020.

Mit Katharina Wagners Inszenierung des Liebesdramas „Tristan und Isolde“ ist die Premierenwoche der Bayreuther Festspiele mehr als versöhnlich zu Ende gegangen. Die Hoffnung der Leitung auf „friedliche Festspiele“ hat sich bisher erfüllt. Selbst Buh-Rufe waren kaum zu hören, trafen lediglich vereinzelt Katharina Wagner als Regisseurin, Star-Dirigent Valery Gergiev für sein routiniert-desinteressiertes „Tannhäuser“-Dirigat sowie den von Regisseur Tobias Kratzer als Drag-Queen engagierten Travestiekünstler „Le Gateau Chocolat“, der sich über die Reaktionen einiger weniger ewig Gestriger heftig beschwerte. Ebenso Gergiev, der zwar nach eigenem Bekunden auf Anraten von Georg Solti nie Kritiken zu lesen pflegt, auf die überwiegend negativen Pressestimmen jedoch wundersam empfindlich reagierte. Er fühle sich nur dem Komponisten verantwortlich, nicht denen, die über sie schrieben.

Lockere Stimmung

Ansonsten beherrschte die gesamte Woche über eine aufgeräumt-lockere Stimmung. Respekt hat auf jeden Fall Katharina Wagners in diesem Jahr letztmalig gezeigte „Tristan“-Inszenierung verdient. Eine unspektakuläre, dunkle, aber sehr dichte, eng an Text und Musik orientierte Deutung, mit glühender Nadel von Christian Thielemann dirigiert, der sich bereits im „Lohengrin“ als bester Dirigent dieses Jahres präsentierte. Von seidenweicher kammermusikalischer Intimität im „Lohengrin“ bis zu glühender Ekstatik im „Tristan“ wird bei ihm jede Faser der Partitur hörbar. Eigentlich der prädestinierte Favorit für den neuen „Ring“ im kommenden Jahr, für den Katharina Wagner das Wagnis eingeht, mit dem jungen Finnen Pietari Inkinen einen Newcomer einzuladen, der den „Ring“ bisher nur einmal im fernen Australien unter gänzlich anderen Bedingungen dirigiert hat. Pikant, dass Maria Grätzel, die Managerin von Inkinens Stamm-Orchester, der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern, bis vor einem Jahr als Assistentin von Christian Thielemann tätig war, bevor sie sich im Streit von ihm trennte. Wiedersehen macht Freude.

Ob Katharina Wagners Personalentscheidung, die einer Brüskierung ihres amtierenden „Musikdirektors“ Thielemann gleichkommt, Rückschlüsse auf Spannungen zwischen der Festspielleitung und dem Dirigenten zulässt, wie zurzeit auf dem „Grünen Hügel“ gemunkelt wird, gehört, wie so vieles in Bayreuth, ins Reich der Spekulation. Auffallend ist allerdings, dass Thielemann in der kommenden Saison nur den „Lohengrin“ dirigieren wird. Gleichwohl: Als Dirigent in Bayreuth ist er derzeit konkurrenzlos.

Für Verwunderung sorgt der Umstand, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters seit Wochen die Unterschrift unter die Vertragsverlängerung von Katharina Wagner als Festspielleiterin zurückhält. Sachliche Einwände dürfte es von politischer Seite aus nicht geben. Immerhin hat die Urenkelin des Meisters in den vergangenen zehn Jahren Ruhe in den Festspielbetrieb gebracht und mit ihren personellen Entscheidungen für manchen Diskussionsstoff und etliche positive Überraschungen im Orchestergraben und auf der Bühne gesorgt. Die Pleite mit Gergiev gehört da eher zu den Ausnahmen und wird vergessen sein, wenn im nächsten Jahr Axel Kober von der Deutschen Oper am Rhein den „Tannhäuser“ übernehmen wird.

Die Festspiele sind auch ein großes gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich die Prominenz gerne blicken lässt. In diesem Jahr war das unter anderem die Fernseh-Maus. Foto: dpa/Tobias Hase

Szenisch überragt Katharina Wagners disziplinierte und konzentrierte „Tristan“-Deutung die Arbeiten von Tobias Kratzers „Tannhäuser“ und Berrie Koskys „Meistersinger“ ebenso wie Yuval Sharons steifen „Lohengrin“ und auch Uwe Eric Laufenbergs bemüht multi-religiös ausgerichteten „Parsifal“, der heuer freilich vor allem im dritten Akt deutlich an menschlicher Wärme hinzugewonnen hat. Stabilisiert, wenn nicht sogar deutlich gesteigert hat sich das sängerische Niveau, wobei es Katharina Wagner gelungen ist, eine Art Ensemble zusammenzuschmieden, mit dem bereits in die Zukunft geplant werden kann. Stephen Gould gehört mit seinen überragenden Auftritten als Tannhäuser und Tristan dazu. Er wird im neuen „Ring“ den „Götterdämmerungs“-Siegfried singen.

Lise Davidsen ragt heraus

In diesem Jahr waren unter anderem Rosi Mittermaier und Ehemann Christian Neureuther dabei. Foto: dpa/Tobias Hase

Ebenso Publikumsliebling Klaus Florian Vogt als Lohengrin und Walther von Stolzing. Vogt ist als Siegmund vorgesehen, wobei sein weiches Timbre auf den ersten Blick nicht zu der Riesenstimme von Lise Davidsen passen dürfte, der wirklich sensationellen „Tannhäuser“-Elisabeth in ihrem Bayreuth-Debüt, auf deren Sieglinde man sich im kommenden Jahr freuen darf. Der Bassist Günther Groissböck, überragend als Pogner und Gurnemanz, wird sich als Wotan präsentieren, Petra Lang, die stimmstarke Isolde, wird die nächste Brünnhilde in der „Walküre“ darstellen“, und für Bass-Partien aller Art steht der immer überzeugende Georg Zeppenfeld zur Verfügung.

Das Jahr 2020 wird also im Zeichen eines neuen „Rings“ stehen, ergänzt durch Wiederaufnahmen der „Meistersinger“, des „Tannhäuser“ und des „Lohengrin“, wobei der für den „Ring“ vorgesehene Regisseur Valentin Schwarz zu den unbekannten Größen zählt. Bisher ist er nur mit Inszenierungen von Donizettis „Don Pasquale“ und einer Kagel-Oper hervorgetreten, eine „Turandot“ steht Ende August in Darmstadt bevor. Ziemlich wenig für die gewaltigste szenische Herausforderung, die Bayreuth zu bieten hat. Aber ein echter Superstar war Patrice Chéreau auch noch nicht, bevor er dem Grünen Hügel 1976 seinen Jahrhundert-„Ring“ bescherte.

In diesem Jahr war unter anderem Kanzlerin Angela Merkel dabei. Foto: dpa/Daniel Karmann
In diesem Jahr waren unter anderem Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit Ehefrau und Soyeon Kim dabei. Foto: dpa/Tobias Hase
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