Bregenzer Festspiele: Unnötige Unruhe auf spektakulärer Seebühne

Bregenzer Festspiele : Unnötige Unruhe auf spektakulärer Seebühne

Das Gewitter brach, wie es sich für Giuseppe Verdis „Rigoletto“ gehört, nur auf der Bühne aus. Das aber aus vollen Rohren und allen Öffnungen des gigantischen Bühnenbildes, das auch in der neuesten Seebühnen-Produktion der Bregenzer Festspiele die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Die 7000 Premierenbesucher dagegen saßen in diesem Jahr im Trockenen und konnten sich bei seidenweichen Sommerlüftchen an dem Spektakel um den buckeligen Hofnarren erfreuen, der trotz seiner Popularität in den 73 Jahren der Festspiele in Bregenz zum ersten Mal seinen Rachegelüsten zum Opfer fällt. Das mag auf den ersten Blick verwundern. Allerdings gehört der „Rigoletto“ zu den psychologisch tiefgründigsten Werken Verdis und für derartige Feinheiten bietet die 90 Meter breite Seebühne nicht gerade die besten Voraussetzungen.

Atemberaubende Behändigkeit

Regisseur Philipp Stölzl, ohnehin Film und Rammstein enger verbunden als der Oper, sucht sein Heil denn auch in starken Bildern, viel Aktionismus und bühnenwirksamen Effekten. Sehr zur Freude des Publikums, das die Premiere einhellig bejubelte. Den Hof von Mantua verlegt Stölzl in ein turbulentes Zirkus-Milieu. Rigoletto erscheint wie ein Verwandter des „Bajazzo“ und die wirklich virtuosen Stunt-Profis des englischen „Wired Aerial Theatres“ wirbeln als Höflinge nicht nur mit atemberaubender Behändigkeit über die halsbrecherischen Bühnenkonstruktionen, sondern verzieren nahezu jeden Ohrwurm der Oper mit circensischen Sensationen vom Feuerschlucken bis zum Messerwurf. Damit lenkt Stölzl freilich zusätzlich von den inneren Konflikten der Protagonisten ab und verliert sich in arg plakativen und teilweise rätselhaften „Choreografien“, die nicht mehr einbringen als Unruhe.

Die berühmte Cavatine des Herzogs über die Flatterhaftigkeit der weiblichen Seele begleiten fünf an Marionettenfäden zappelnde Damen, das komplexe Quartett im letzten Akt wird durch einen Messerwerfer gestört und immer wieder stürzt sich jemand grundlos in die Fluten des Bodensees. Vom eigentlichen Drama erfährt man nicht sehr viel. Das dürften freilich auch die meisten Besucher nicht erwarten.

Technische Meisterleistung

Denn der gar nicht so heimliche Star der Seebühnen-Produktionen ist natürlich stets das Bühnenbild, das der Regisseur diesmal persönlich mit Heike Vollmer konzipierte. Den Blickfang bildet ein 14 Meter hoher Clownskopf, der im Laufe des Abends zu einer Totenmaske mutiert. Flankiert wird er von zwei entsprechend riesigen Händen, wobei sowohl der Kopf als auch die Finger der Hände ständig bewegt werden. Eine technische Meisterleistung.

Spektakulär auch ein heliumgefüllter Ballon, der mit Gilda 45 Meter in die Lüfte steigt. Und beim Sänger-Casting waren diesmal nicht nur die vokalen Qualitäten gefragt, sondern auch Standfestigkeit in Sachen Höhenangst und Trittsicherheit. Ausgerechnet der unschuldigsten Figur des Stücks, Rigolettos Tochter Gilda, wird hier etliches zugemutet. Melissa Petit ließ sich in der Premiere von den Höhenflügen und den Kraxeleien nicht einschüchtern und bot die gesanglich beste Leistung. Ihr ebenbürtig war auch der stimmgewaltige Rigoletto von Wladimir Stoyanov.

Dreifachbesetzung

Stephen Costellos Herzog wirkte etwas angestrengt, während Miklós Sebestyén als Sparafucile und Katrin Wundsam als Maddalena das insgesamt hochwertige Solistenensemble überzeugend abrundeten. Allerdings sind für die anstehenden 25 Aufführungen die meisten Rollen dreifach besetzt. Maestro Enrique Mazzola sorgte für einen zügigen, schlagkräftigen Ablauf des Abends, wobei die weiter verbesserte Tontechnik den Orchesterklang der Wiener Symphoniker aus dem benachbarten Festspielhaus nun noch leuchtkräftiger auf die Seebühne übertragen kann als bisher schon.

Begeisterter Beifall für alle Beteiligten. Augen und Ohren kommen auch beim neuen „Rigoletto“ voll auf ihre Kosten.

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