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Klaus Doldingers Album „Motherhood“: Und schon klingt’s frisch und modern

Klaus Doldingers Album „Motherhood“ : Und schon klingt’s frisch und modern

Rückblick und Standortbestimmung: Klaus Doldinger hat mit seiner Band Passport elf Titel neu eingespielt. „Motherhood“ ist eine Verbeugung vor dem Sound der gleichnamigen Band aus den 60er Jahren.

Klaus Doldinger kommt auf seinem neuen Album „Motherhood“ ganz groß in Vintage-Mode. Während einer Archivbegehung stieß der Saxofonist, Pianist, Komponist und Arrangeur vor zwei Jahren auf die beiden längst vergriffenen Alben seiner Band The Motherhood. Das Projekt diente dem heute 83-Jährigen 1969 und 1970 als Übergang zwischen seinem Quartett und Passport.

Eine Auswahl von Stücken aus jener Zeit hat er jetzt neu eingespielt. Ohne zeittypische Schlaghose, aber mit reichlich Jazzrock-Jive. Die schnell an Tonhöhe gewinnende Hammond B3 definiert gleich zu Beginn der Platte die Klangästhetik. Der Gitarrist spielt auf die Eins. Der Drummer versucht mittels allerlei Fills mehr Raum für sich zu deklarieren. Und Doldinger selbst bestimmt mit Vibrato im 16tel-Takt das Geschehen. Würde ein Frauenchor noch „wow, wow“ dazu singen, käme „Soul Tiger“, die Einstiegsnummer des Albums, der alten Erkennungsmelodie des TV-„Musikladen“ überaus nahe.

Mit der momentanen Besetzung von Passport aufgenommen, darf „Motherhood“ durchaus als neugedeutete Klangwerdung jener Weggabelung verstanden werden, an der er sich Ende der 60er Jahre befand, erzählt Doldinger in seinem Haus in Icking, nahe Bad Tölz. Hier lebt und arbeitet er, mit Blick auf die bayrischen Voralpen, seit 1968 an einem Berghang. Anderthalb Jahrzehnte zuvor hatte er mit Freunden und Kommilitonen seine erste Band gegründet: die Feetwarmers, eine Dixieland-Kapelle. „Ich wusste entsprechend schon früh, dass Jazz durchaus auch niveauvoll gespielte Tanzmusik sein konnte“, erinnert er sich. „Als ich dann 1962 mein Quartett vorstellte, verlor ich die tanzbare Musik zugunsten meiner Hinwendung zum Modern Jazz zwar kurzzeitig aus den Augen. Aber schon bald war ich damals wieder zweigleisig unterwegs gewesen.“

Klaus Doldinger´s Passport „Motherhood“, erscheint mit gut einmonatiger Verspätung am 8. Mai 2020. Foto: dpa/-

Genau genommen war Doldinger spätestens Ende der 60er Jahre musikalisch nicht nur zweigleisig orientiert. Er beanspruchte, um im Bild zu bleiben, gleich mehrere Gleise; nicht aus musikalischer Großmannssucht heraus, sondern weil ihm zum einen die unterschiedlichsten Angebote unterbreitet wurden. Zum anderen aber auch wegen seiner vielschichtigen Interessen. Er wurde zunehmend für das Vertonen von Werbe-Jingles engagiert, was wiederum zu Auftragsarbeiten für TV-Serien-Erkennungsmusiken führte. Seine Musik markiert noch heute Anfang und Ende von jedem ARD-„Tatort“.

Parallel komponierte er für sein Quartett und spielte Tanzmusik-Platten unter seinem Pseudonym Paul Nero ein. „Zusätzlich wollte ich aber noch eine am Soul orientierte Richtung einschlagen, die nicht nur Tanzmusik sein sollte, wie sie der Nero spielte“, erinnert sich Doldinger an die damalige Zeit. „Dafür brauchte ich einen weiteren Aufhänger. Und daraus entstand schließlich die Band The Motherhood.“ Als Boss dieser neuen  Band versammelte er eine Reihe blutjunger Musiker um sich, die vorher nur peripher mit ihm gearbeitet hatten. Und beinahe alle sollten später, früherzogen von „Mutti Klaus“, weite Rock- und Pop-Kreise ziehen: Udo Lindenberg als Deutschrock-Mitinitiator, Lothar Meid als Westernhagen-Produzent und Keith Forsey als millionenschwerer Produzent und Song-Autor.

Wie relevant das Motherhood-Projekt als Blaupause für Passport war, deutet das heute grooveintensiver geprägte Stück „Loco-Motive“ an. Erstmals 1978, also acht Jahre nach dem Ende von The Motherhood, auf dem populären Passport-Album „Ataraxia“ erschienen, wurde die Nummer nun von der aktuellen Passport-Besetzung für die neue Platte sozusagen stilistisch und klangtechnisch rückdatiert. Der ursprünglich deutliche Art-Rock-Anteil des Stücks wird von Ernst Ströers federführenden Conga-Grooves und brasilianisch anmutendem Background-Chorälen zugunsten eines homogenen Live-Band-Sounds neugedeutet. Damit steht das Stück symptomatisch für die neue, elf Songs umfassende Standortbestimmung der aktuellen Passport-Besetzung.

Unter Einsatz der kompletten siebenköpfigen Band wurden sämtliche Nummern live in Doldingers Heimstudio während des Jammens neu arrangiert und sogleich aufgenommen. Mit dem Ergebnis, dass die Songs alles andere als angestaubt, sondern frisch und modern klingen. „Das war auch unser Plan“, verrät Doldinger. „Deshalb haben wir alles live eingespielt, ohne die Songs vorher penibel zu proben.“ Für seine Begleitmusiker, mit denen Doldinger mitunter schon seit 20 Jahren zusammenspielt, seien die „Motherhood“-Songs bis dahin unbekannt gewesen. Der Erstkontakt mit dem Material habe seine Band im Studio aber zu musikalischen Glanztaten inspiriert.

Mutzke und Lindenberg

Das ursprünglich von Lindenberg getextete und von Max Mutzke neu eingesungene Existenzialisten-Lamento „Song Of Dying“ setzt dabei die eingeschlagene Jazzrock-Fährte als Ballade fort. Die Original-Gesangspur Lindenbergs hat Doldingers Tontechniker für das im geradezu comichaften Crescendo endende „Devil Don’t Get Me“ restauriert. Zur Neueinspielung der Ballade „Turning Around“ trat Doldinger selbst vors Gesangsmikrofon. Auch wenn er dabei eher die Figur eines Messdieners abgibt, der gerade im Kirchenchor gelandet ist, steht der Song doch geradezu exemplarisch für die entwaffnend begeisternde Naivität, die etlichen Stücken aus jener Zeit zugrunde liegt.

Dazu gehört natürlich auch das Hantieren mit damaligen Klischeesounds. In „Women’s Quarrel“, das von China Moses intoniert wird, setzt Martin Scales ordentlich aufs  Wah-Wah-Gitarren-Pedal. „Mir gefällt es“, sagt Doldinger. „Ich strebe weiterhin danach, mich in allem zu verbessern. Immer unterwegs sein, Altes anders spielen, das macht den Jazz ja erst so spannend.“