Solo-Debütalbum „Werkzeugkasten“ von Schauspielerin Anna Loos

Debütalbum von Anna Loos : „Ich bin keine Prinzessin“

Zwei Jahre lang hatte Anna Loos das Gefühl, dass in ihr etwas schlummert. Jetzt ist ihr Solo-Debütalbum „Werkzeugkasten“ da – und es klingt stilsicher von übermütig bis melancholisch.

Flankierende Musikvideos im Breitwandformat zeigen die Sängerin, Schauspielerin und Ehefrau von Jan Josef Liefers in einem neuen Look: geheimnisvolle graue Wimpern, platinblondes Haar, schneeweiße Kleidung. Im Interview mit Olaf Neumann spricht die 48-Jährige, wie ihr der Schnabel gewachsen ist – über sich und ihr Leben, ihre Arbeit und die Trennung von der Band Silly.

Frau Loos, wie sind Sie an Ihr Solodebüt herangegangen?

Anna Loos: Die Arbeit am Album habe ich mir mit dem Produzenten Mic Schroeder geteilt. Wenn man für Silly schreibt, versucht man die Themen immer anzugleichen, damit sie für vier Leute passen. Diesmal wollte ich wirklich so schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, meine ganz persönlichen Themen erarbeiten und schauen, wo es mich musikalisch so hinführt.

„Ich bin, wer ich bin, ich gehör da nicht hin/Da wo ihr hinrennt, macht für mich keinen Sinn.“ Was wollen Sie mit diesen Zeilen sagen?

Loos: Damit will ich sagen, dass man sich nicht nach dem Tempo und Gerede der anderen richten, sondern lieber auf sich selbst hören soll. Man muss einfach sein Ding machen, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Damit meine ich nicht, dass man nicht auf seine Mitmenschen Acht geben soll. Aber ich möchte gern jeden motivieren, der sich fragt, ob sein Tempo das Richtige, seine Idee stark genug ist, oder ob er mal gegen den Strom schwimmen soll. Die größten Dinge waren einmal belächelte Schnapsideen. Wir sollten aufhören, nach links und rechts zu schauen, wenn wir uns fragen, wo wir hin sollten.

Wie geht es mit Silly weiter? In der Boulevardpresse war von einem Streit die Rede ...

Loos: Nein, das ist Quatsch! Die Jungs machen ja auch etwas schönes Neues. Sie wollten live alte Alben spielen, ich wollte etwas Neues machen. Eine kreative Pause kann nur gut für uns sein. Die Band war an einem Punkt, wo keiner wusste, wie ein nächste Silly-Album klingen sollte, und hatte auch nicht den Drang, daran zu arbeiten. Uwe Hassbecker und Jäcki Rezniceck machen schon lange andere musikalische Projekte. Ich denke, auch das ist eine gute Inspiration für die Band. Für mich war die Zeit reif, dieses Album zu schreiben, und jetzt freue ich mich, dass es da ist.

Welche Hindernisse mussten Sie aus dem Weg räumen, um ein Soloalbum machen zu können?

Loos: Eigentlich keine. Das Album hat sich irgendwann verselbstständigt wie ein rollender Schneeball. Ich wollte einfach mal ausprobieren, einen eigenen Weg zu finden, ohne zu wissen, ob es klappt. Das hat mir großen Spaß gemacht, weil ich viele Themen habe. Ich bin eine 48-jährige Frau, die einiges erlebt hat. Ich hab eine Reise durch mein Leben gemacht und besonders emotionale Momente extrahiert und konserviert. Auch wenn unsere Leben verschieden sind, so sind unsere Gefühle doch ein großer gemeinsamer Nenner.

Sind Künstler darauf ausgelegt, perfekt zu sein und immer zu funktionieren?

Loos: Man erlebt immer wieder Situationen, in denen einem alles zu viel wird oder Dinge schief gehen. Und dazu kommt vielleicht noch ein kranker Papa oder ein krankes Kind. Und man sitzt in der Stadt und kommt da nicht weg, weil ein Konzert gespielt oder ein Film gedreht werden muss. Man fährt dann durch die Nacht und schläft nicht. In dem Song „Kaputt“ stelle ich am Ende die Frage: „Muss ich denn funktionieren?“ Meine Antwort darauf ist: Nein, man muss nicht immer funktionieren.

Was tun Sie in solch einer Situation?

Loos: Ich habe Mechanismen entwickelt, mich aus dunklen oder leeren Momenten wieder rauszuholen. Das kann niemand sonst erledigen, sondern nur ich. Ich fange dann an, die Probleme zu strukturieren oder zu verteilen. Man muss erst einmal herausfiltern, warum es einem schlecht geht, um das korrigieren zu können. Ich sehe die Welt gerne positiv. Ich war schon als Mädchen ein Sonnenschein.

Müssen Sie Ihren Mann manchmal aufbauen?

Loos: Jani ist ein sehr positiver Mensch, aber er hat natürlich auch müde Phasen. Wir sind die Positivisten.

Jan Josef Liefers und Sie sind viel beschäftigte Künstler. Müssen Sie sich gezielt verabreden, wenn Sie mal etwas zusammen unternehmen wollen?

Loos: Nein. Natürlich müssen wir unseren Urlaub planen, aber das muss ja jeder machen. Wir sind auch viel zu Hause. Ich drehe gar nicht mehr so viel, seit die Musik wieder in mein Leben gekommen ist. Ich will sie nicht mehr missen. Wir haben bei uns im Keller ein kleines Demostudio eingerichtet mit ein paar Geräten und vielen Instrumenten. Ich liebe es, zu Hause zu arbeiten, weil ich gern bei den Kindern bin. Ich übernachte nicht so gern in Hotels, wenn meine Familie in einer anderen Stadt ist.

Warum klingen viele Ihrer Songs so melancholisch?

Loos: Weil ich eine Melancholikerin bin. Ich bin ein großer Fan von Curt Kobain. Ich mag das Unperfekte und Marode. Manchmal, wenn etwas ganz Tolles passiert, werde ich komischerweise melancholisch.

Wie kam der Nirvana-Frontmann Kurt Cobain in Ihr Leben?

Loos: Ich bin 1988 in den Westen gegangen. Das war die Anfangszeit von Nirvana. Jungs wie Kurt Cobain und Chris Cornell fand ich echt geil. Leider sind beide schon tot.

In dem Liebeslied „Werkzeugasten“ singen Sie die drastische Zeile „Verpiss dich, du Arschloch!“ Haben Sie dergleichen schon einmal zu jemandem gesagt?

Loos: Ja, zu einem Mann, der mich sehr geärgert hatte und den ich nicht wiedersehen wollte. Ich bin keine Prinzessin, ich bin mit vielen Jungs befreundet und kann auch derbe in meiner Sprache werden, wenn es sein muss.

Was bringt Sie auf die Palme?

Loos: Vor allen Dingen Dummheit. Das ist für mich die schlimmste Strafe, die man mich erleiden lassen kann. Ich mag auch keine falschen Fuffziger. Diese Leute habe ich aus meinem Leben aussortiert. Ich bin oft ausgenutzt worden. Wenn mir das heute passiert, bin ich sofort weg.

Wir leben in einer Zeit voller Hass und Polarisierung. Sollte man als Künstler darauf reagieren?

Loos: Für das letzte Silly-Album habe ich gemeinsam mit Alexander Freund den Song „Wutfänger“ geschrieben. Darin geht es um Radikalität in jeder Form. Das Schlimmste, was man seinen Mitmenschen antun kann! Vielleicht waren auf dem „Wutfänger“-Album ein paar politische Botschaften zu viel. Ich habe mir überlegt, bei meiner Solotour vielleicht jeden Abend ein T-Shirt mit einer anderen Textbotschaft zu tragen. Es gibt eine Firma, die bedruckt Shirts mit Sprüchen zu Themen wie Homosexualität, Rechtsradikalität, Globalisierung, Fremdenfeindlichkeit. Prominente sind Vorbilder. Sie sollten mit ihrer Meinung für eine gute Sache stehen. Eine Gesellschaft hat ein Problem, wenn Vorbilder sich plötzlich schwulenfeindlich oder rassistisch äußern.

Lebt man als erfolgreicher Künstler in einer Blase?

Loos: Nein. Wir leben ein ganz normales Leben. Unsere Kinder gehen zur Schule und wir zu den Elternabenden. Wir gehen ganz normal einkaufen. Ich arbeite mit vielen Menschen zusammen, und es kam schon vor, dass jemand, der früher links war, auf einmal rechts wählt, weil er sagt, es reiche ihm hier alles. Man kommt an manche Personen nicht mehr ran. Das ist erschreckend.

Viele junge Menschen orientieren sich heute konservativ. Wie erklären Sie sich das?

Loos: Beim letzten Kongress der Jungen Union kam einem Frau Merkel mit ihrer Rede als die Jüngste von allen vor. Die jungen Nachkömmlinge waren viel spießiger als die Kanzlerin. Das muss man erst mal schaffen. Meine Kinder sind zum Glück nicht so. Alles, was die Persönlichkeit stärkt, ist gut für die Gesellschaft. Sprich Bücher lesen, Bilder angucken, Kunst und Kreativität. Ich plädiere für die Fächer „Querdenken“ und „Reisen“ in der Schule.

Sind Sie eine Rebellin? Rebellieren Sie gegen den Konservatismus?

Loos: Ja, ich glaube schon. Ich bin jemand, der keine Erwartungen erfüllen möchte. Ich mache es oft anders, als man denkt. Das möchte ich mir bewahren. Ich bin jetzt 48, und mir geht es relativ gut. Ich habe das Glück, viel arbeiten zu können. Meinem Mann geht es ebenso. Ich will etwas erschaffen, das anders ist und sich neu definiert, etwas, das bleibt. Ein paar verrückte Ideen werde ich in den nächsten Jahren schon noch umsetzen.

Sie gehen jetzt auf Ihre erste Solotournee, während der sie auch am 26. März im Kölner Gloria auftreten. Warum wollen Sie unbedingt Musik machen und live auftreten?

Loos: Weil es das Allerschönste ist, was ich je gemacht habe. Aber ich liebe auch die Schauspielerei. Wenn es für mich eine Droge gibt, dann ist es die Musik. Ein paar Sekunden vor einem Konzert denke ich immer, ich habe alle Songs vergessen. Aber sobald ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich so sehr am Leben, es ist wie ein Bad der Sinne, wenn all die Leute vor der Bühne stehen. Jeder Abend und jede Stadt sind anders.

Welches war die Droge Ihrer Jugend?

Loos: Ich habe schon in meiner Jugend in Brandenburg Musik gemacht. Es gab auch in der DDR Leute, die Gras rauchten. Aber die Droge der DDR war Alkohol. Es wurde echt viel getrunken. Kokain gab es bei uns nicht. Ich habe in meiner Jugend eine Menge ausprobiert. Aber ich fand es nie toll, die Kontrolle zu verlieren. Das reale Leben ist viel aufregender. Das Problem mit Drogen bei Jugendlichen wird heute in Deutschland unterschätzt. Die Psychiatrien sind voll mit Kids zwischen 14 und 18, die zu viel kiffen und so ihren ganzen Gehirnstoffwechsel durcheinanderbringen. Das ist nicht lustig, und ich frage mich auch, warum das kein Thema in den Medien ist. Besonders wenn man darüber spricht, Drogen zu legalisieren.

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