Sensationell: Musiktheater „Der goldene Drache“ in Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach : Berührende Szenen im Schnellrestaurant

Peter Eötvös’ Musiktheater „Der goldene Drache“ ist in Mönchengladbach eine Sensation. Auch der ungarische Komponist zeigt sich bei der Premiere begeistert.

Peter Eötvös wollte sich selbst ein Bild machen, wie sein Werk „Der goldene Drache“ am Theater Mönchengladbach inszeniert und aufgenommen wird. Deshalb war der international hochgeschätzte und vielgespielte Komponist mit seiner Librettistin Mari Mezei zur Premiere gekommen.

„Zusehen, wie sich meine Kinder entwickeln“, nennt er das. Und plaudert freimütig über die Entstehung dieser „Reiseoper“, die er 2014 für das Ensemble Modern auf den dafür „idealen“ Theatertext von Roland Schimmelpfennig komponierte. „Billig und transportabel“ waren die Vorgaben, heraus kam ein Bühnenstück für fünf Sänger und ein gutes Dutzend Musiker, das seit der Frankfurter Uraufführung eines der meistgespielten Werke Eötvös’ ist.

Nach der Vorstellung schüttelte der Komponist auf offener Bühne begeistert die Hände der Sänger, umarmte die Hauptdarstellerin Panagiota Sofroniadou, den Dirigenten Yorgos Ziavras und applaudierte den Niederrheinischen Sinfonikern sowie der Regisseurin Petra Luisa Meyer. Ziavras und Meyer verantworten zusammen mit Bühnenbildnerin Dietlind Konold eine geradezu mustergültige Inszenierung dieses rasanten, von der Komödie ins Drama changierenden „Theaters mit Musik“.

Die Geschichten, die sich im Umfeld eines Mini-Chinarestaurants irgendwo in Deutschland abspielen, sind in Mönchengladbach hinter dem eisernen Vorhang auf der großen Bühne auf einem Laufsteg angerichtet. Ihrem Fortgang folgen die Zuschauer auf zwei gegenüberliegenden Tribünen. Eingefasst von metallenen Bauzäunen eine Asia-Küche, vis-à-vis ein Polstersessel, dazwischen ein schwarzes Podest. Und daneben, im Halbdunkel, das von zwei großen Schlagwerk-Batterien eingerahmte Orchester.

Eötvös entwirft ein hoch differenziertes Klangspektakel aus Streicher-Obertönen, gestopften und anders verzerrten Bläsern, Klavier, chinesischen Gongs, massenweise Schlaginstrumenten, in die sich von der Bühne Bierflaschen, Schneebesen, Rührschüsseln und Hackmesser mischen. Das reicht von nervenden rhythmischen Repetitionen bis zu großen melodiösen Phrasen. Und ist ebenso collageartig ineinander verwoben wie die 21 Szenen, die von Schimmelpfennigs 42 übriggeblieben sind. Aus dessen fünf Erzählsträngen werden vier. Vor allem aber bleibt die Lust an der oft absurden, karikierenden Collage und an dem Freiraum für die Fantasie der Zuschauer.

In deren Köpfen setzt sich die Geschichte vom kleinen Chinesen, der in der Fremde seine Schwester sucht und dessen Zahnschmerzen die Eröffnungsszene mit quälenden Klängen färben, mit den anderen zusammen: der ungewollt schwangeren Enkelin, ihrem brutalen Lover und fiesen Opa; der beiden Stewardessen, Gäste im „Goldenen Drachen“; der Parabel von der Grille und der Ameise; dem alten Mann, der noch mal jung sein will; der chinesischen Familie, die aus dem Loch des herausgerissenen Zahns erscheint. Traum, Wirklichkeit, Zeit – alles dreht sich. Und immer wieder tönt es verfremdend aus dem Orchester: „kleine Pause“, „große Pause“, „Pause“. Bevor der Strudel sich weiter beschleunigt bis zur finalen Arie des Kleinen, in der die junge Sopranistin Panagiota Sofroniadou, ehemalige Stipendiatin der Aachener Theaterinitiative, zu anrührendsten Klängen findet.

Die Leistung aller Sänger ist beeindruckend. Sie meistern nicht nur die komplizierten Partien, sondern wechseln immer wieder in Sprechgesang und Sprechen, dazu unentwegt die Rollen und damit unter Zeitdruck die Garderobe. Dass die einzelnen Szenen in all dem Tumult dennoch intensiv berühren, zwischen Poesie und Klamauk, großem Drama und Hardcore, ist die große Stärke des Regieteams und auch der Partitur. Tenor James Park fasziniert auf Pumps, sein Fachkollege Peter Koppelmann im Flodder-Look, Mezzo Susanne Seefing als böser alter Mann, Bariton Rafael Bruck als Stewardess. Eine packende, gewagte, mitreißende Musiktheaterproduktion. Sehr großer Beifall.

▶ Weitere Vorstellungen am 21. Oktober, 11. und 19. November. Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Aachen.

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