Sarah Schiffer aus Herzogenrath möchte keine zweite Helene Fischer sein

Sängerin aus Herzogenrath: Sarah Schiffer möchte keine zweite Helene Fischer sein

Sarah Schiffer aus Herzogenrath steht seit ihrem 15. Lebensjahr als Sängerin auf der Bühne. Zunächst mit Interpretationen bekannter Songs anderer Künstler, inzwischen aber längst auch mit ihren eigenen Liedern.

14 davon hat sie für ihr aktuelles Album „Freier Fall“ in Eigenregie aufgenommen, eingesungen und veröffentlicht. Mit Erfolg. Eine der drei noch verbliebenen, großen Plattenfirmen vertreibt ihre Musik. Und die mittlerweile 30-Jährige arbeitet bereits am Nachfolgewerk. Mit Hingabe, aber auch mit dem Wissen, dass Erfolg nie das Resultat von Selbstüberschätzung sein kann. Im Gespräch mit Michael Loesl erzählt Sarah Schiffer warum die Welt keine zweite Helene Fischer braucht und wie Singen den Charakter formen kann.

Frau Schiffer, trägt Ihr aktuelles Album den Titel „Freier Fall“, weil jeder Bühnenakteur zwangsläufig das Risiko des Scheiterns in Kauf nehmen muss?

Sarah Schiffer: Ein Song auf dem Album, in dem es eher um eine Liebesbeziehung geht, heißt „Freier Fall“. Aber tatsächlich habe ich den Albumtitel gewählt, weil es keine Sicherheiten gibt, wenn man eine Platte produziert, die mit dem eigenen Namen versehen ist. Ich hatte mir das Album komplett selber erarbeitet, alles auf eine Karte gesetzt. Wenn man sein „Baby“ schließlich loslässt, befindet man sich im freien Fall und hofft, dass man weich landet. Alles, was jemand in der darstellenden Kunst auf die Beine stellt, ist immer mit dem Risiko des Scheiterns verknüpft.

Aber birgt jedes Risiko nicht auch die Chance, dass man im Falle der harten Landung etwas über sich selbst lernt?

Schiffer: Natürlich. Zum Glück durfte ich mit dem Album ziemlich weich landen. Dennoch habe ich dabei auch eine Menge über mich lernen dürfen.

Dass es sich lohnt, dafür einzustehen wer man ist?

Schiffer: Unbedingt. Rückblickend kann ich sagen, dass ich auf dem Weg zu dem Album geradezu über mich selbst hinauswuchs. Bei Treffen mit Managern beispielsweise, denen ich mit einem gewissen Unbehagen entgegensah, bestand ich kompromisslos auf meinen Vorstellungen. Ich ging zitternd in diese Treffen, dachte, diese Leute niemals überzeugen zu können. Als ich sie dann verließ, hatte ich alles, was ich wollte, in der Tasche. Sich selbst zunächst zu unterschätzen und danach feststellen zu können, dass man viel überzeugender sein kann, als man denkt, ist das schönste Gefühl überhaupt. Das lernte ich, während das Album Gestalt annahm.

Dabei lebt doch gerade die Musikbranche von Marktschreiern, die sich in ihren Eitelkeiten immer erstmal selbst überschätzen.

Schiffer: Das ist aber nicht meine Art. Ich weiß, was ich kann. Und mit meinem Können und mit meinem Charakter zu überzeugen, fühlt sich richtig an. Etwas Gestalterisches in die Welt zu setzen, das meine Handschrift trägt und mit dem ich andere Menschen berühren kann, bereitet mir Freude.

Ist es nicht anstrengend, sich mit jedem neuen Lied der Prüfung der Zuhörer zu stellen?

Schiffer: Ich kenne es nicht anders, war nie fest angestellt, sondern immer selbstständig. Also ständig ich selbst. Wenn ich mit Songwritern an meinen Liedern arbeite, hören wir nicht um 17 Uhr damit auf, zusammen zu komponieren. Es findet also eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit mir selbst statt. Dazu zählt auch, sich ständig den Prüfungen zu stellen. Als anstrengend empfinde ich die nicht. Sie sind eher selbstgeschaffener Ansporn, meinen eigenen Vorstellungen gerecht zu werden. Ich identifiziere mich mit meiner Musik und kann gut für sie einstehen.

Ein bisschen schmusen: Sarah Schiffer und eines ihrer Alpakas. Foto: Fabian Schiffer

Gab es in Kinderjahren ein Schlüsselerlebnis für Sie, das Sie zum Gesang brachte?

Schiffer: Auch ich stand im Alter von drei Jahren vor dem Spiegel und habe in die Bürste als Mikrofonersatz gesungen. Aber damals wusste ich natürlich noch nicht, dass das Singen meine Leidenschaft und mein Beruf werden würde. Die Schulaufführung des Musicals „Tanz der Vampire“ war mit 15 Jahren mein Schlüsselerlebnis. Ich hatte vorher immer und überall gesungen, aber nie öffentlich. Plötzlich sang ich die Hauptrolle des Musicals und spürte, wie ich Menschen mit Musik, mit meinem Gesang berühren konnte. Ich bin ein Mensch, der Sicherheiten braucht. Gesang als Beruf ist mithin einer der unsichersten Jobs, die es gibt. Aber ich folge mit meinem Beruf meinem Herzen.

Die vielen Casting-Shows im Fernsehen gaukeln dem Gesangsnachwuchs vor, dass man relativ schnell ein sogenannter Superstar werden kann. Sind Sie auch schon der Versuchung erlegen, einer von denen werden zu wollen?

Schiffer: Ich finde es gerade in meinem Beruf wichtig, realistisch zu bleiben. Das vermittle ich auch den Nachwuchssängerinnen und -sängern, die bei mir Unterricht nehmen. Wie viele wirkliche Superstars gibt es auf der Welt? Zwei Hände voll vielleicht. Wichtig ist in erster Linie die Leidenschaft, nicht das gut gefüllte Bankkonto, das sich manche mittels des Gesangs erträumen. Es ist schon ein Segen, wenn man vom Singen überhaupt normal leben kann. Alles was darüber hinausgeht, ist Glück. Allen Illusionisten, die etwas anderes prophezeien, sollte man nicht allzu leichtgläubig begegnen.

Gab es Macher, Manager, die aus Ihnen einen Superstar machen wollten?

Schiffer: Natürlich gibt es welche, die aus einem die zweite Helene Fischer machen wollen. Die erzählen einem in blumigen Worten, was sie alles bewerkstelligen können, damit man einen Vertrag mit ihnen schließt. Und oft geschieht dann exakt nichts, aber man hat sich an einen Manager gebunden.

Sind Sie statt der zweiten Helene Fischer nicht viel lieber die einzige Sarah Schiffer?

Schiffer: Exakt das sage ich immer, wenn mich jemand fragt, was ich in meiner Karriere erreichen möchte. Britney Spears und Helene Fischer gibt es bereits. Ich wünsche mir, Menschen mit meiner eigenen Musik zu erreichen, nicht als Kopie von irgendwem. Natürlich ist Helene Fischer für alle in unserer Branche ein Vorbild, weil sie alles richtig gemacht hat. Sie liebt es zu singen und hat viel gearbeitet, was letztlich zusammen mit dem Glücksfaktor zu ihrem großen Erfolg geführt hat.

Hatten Sie schon als Teenager ein großes Mitteilungsbedürfnis?

Schiffer: Nein, im Gegenteil. Ich war in der Schule eher still. Mich hat das Singen rückblickend auf charakterlicher Ebene enorm geöffnet.

Haben Sie die Bühne deswegen bewusst als Ort gesucht, an dem Sie Seiten Ihres Charakters ausleben können, die Sie im Privaten eher in Schach halten?

Schiffer: Auf die Bühne wurde ich von meinem damaligen Gesangslehrer eher geschubst. Er nahm mich zu seinen Auftritten mit, gestand mir einen kleinen Teil seines Programms zu. Bis ich schließlich mein eigenes Programm auf die Beine stellte, mit 16. Seither habe ich beinahe jedes Wochenende irgendwo gesungen. Aber Sie haben recht, beim Singen lebe ich Seiten aus, für die es im Privaten keinen Platz gibt. Singen hilft der Charakterbildung ungemein. Das erlebe ich auch bei meinen Gesangsschülerinnen und -schülern, die mit zunehmenden Auftrittserfahrungen immer selbstbewusster werden.

Ist Singen ein Vehikel für Ihre Sehnsüchte?

Schiffer: Auf jeden Fall. Ich lerne mich dabei immer intensiver selber kennen. Es ist aber nicht nur das Singen selber, es sind auch die Rahmenbedingungen, die einen formen. Man ist oft nicht zu Hause, ich kenne keine geregelten Arbeitszeiten, muss meine Energie meist aus mir selbst schöpfen. All das spielt dabei eine Rolle. Aber unterm Strich betrachte ich auch Entbehrungen als Investitionen in mich selbst.

Warum haben Sie Ihr Album selbst finanziert?

Schiffer: Ich habe alles selbst in die Hand genommen, um mich nicht von irgendwem anderen leiten lassen zu müssen. Nicht jedes Lied auf dem Album habe ich selber geschrieben. Aber ich habe von der Cover-Gestaltung über die Auswahl der Lieder bis hin zur Wahl des Produzenten alles allein bestimmen können, weil ich meine Ersparnisse, die sich über die Jahre angesammelt hatten, investiert habe. Das ist ein gutes Gefühl. Es schafft mehr Selbstbewusstsein.

Aachen gilt vielen als Showgeschäft-Diaspora. Hat es Sie je in Städte wie Berlin, München oder Hamburg gezogen?

Schiffer: In Hamburg habe ich eine Musical-Schule besucht. Das war eine interessante Erfahrung für mich, aber ich bin hier in der Aachener Umgebung familiär verwurzelt, was mir viel bedeutet. Für einen TV-Auftritt kann man immer in eine der großen Medienstädte reisen, aber dort leben möchte ich nicht. Außerdem sind die Auftrittsmöglichkeiten in und um Aachen herum für mich nicht gerade gering.

Singen Sie Ihr Programm auch im Karneval?

Schiffer: Ich möchte, dass sich Menschen von meinem Programm gut unterhalten fühlen. Auch im Karneval. Ich bin nicht im klassischen Sinne karnevalistisch unterwegs, aber ich singe im Rahmen meiner Karnevalsauftritte eine Reihe Cover-Songs, die man gut mitsingen kann. Die Musik selbst kennt keine Berührungsängste und ich freue mich auf jeden Auftritt, egal in welchem Rahmen.

Ist Schlager entsprechend kein Schimpfwort für Sie?

Schiffer: Ich mag kein Schubladendenken, weder in der Musik noch in unserer Gesellschaft. Als Schlagersängerin empfinde ich mich nicht, aber wenn mich jemand darauf festnageln will, verteidige ich den Schlager. Die Grenzen zwischen den Genres sind heute so fließend, dass es töricht wäre, mich als Künstlerin selbst einzuengen. Ich mache deutschsprachige Musik. Punkt.

Und wie wird Ihr kommendes Album heißen, an dem Sie gerade arbeiten? „Sarah Schiffer - Die Zweite“?

Schiffer: Es gibt noch keinen Titel, aber danke für den gut klingenden Vorschlag. Ich weiß zumindest, dass ich mein musikalisches Spektrum auf dem kommenden zweiten Album erweitern werde.

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