Rammstein sorgt in neuem Video mit KZ-Anspielungen für Empörung

Das bewährte Prinzip der Provokation : Rammstein sorgt mit KZ-Anspielungen für Empörung

Als die Bilderbuch-Provokateure der Berliner Band Rammstein am Mittwoch 35 Sekunden Bildmaterial als Hinweis auf ihre Mitte April erscheinende, neue Single über Instagram zeigen ließen, wurde unmittelbar Kritik laut. Im Kurzclip ist die Band zu sehen, deren Kleidung an die von KZ-Gefangenen erinnert.

Am Revers des Gitarristen Paul Landers hängt ein aufgenähter Stern, der dem Judenstern ähnelt. Die Musiker stehen dabei jeweils am Galgen. Am Ende des Videos ist in Frakturschrift das Wort „Deutschland“ zu lesen, über dem in römischen Ziffern das Datum 28.3.2019 eingeblendet wird.

Es ist klar, dass die Band damit auf ihre neue Single „Deutschland“ hinweist, die wiederum als Vorbote des Mitte Mai erscheinenden, neuen Albums dient. Ist das notwendig? Natürlich nicht. Ist das Kunst? Rammstein verstehen ihr Video sicher entsprechend. Ist das zeitgemäß? Bedauerlicherweise. Die Pop- und Rockmusik war immer entweder Spiegel der Gesellschaft oder deren antagonistischer Gegenentwurf. Und Rammstein spielte gegen den Political-Correctness-Habitus der Generation Coldplay stets brav martialisch und patriarchalisch an. Zum Zwecke der Provokation.

Ihr öffnete ausgerechnet das konservative Amerika der 80er-Jahre Tür und Tor. Als der ehemalige Senator Albert Gore Jr. 1988 in mehreren amerikanischen Bundesstaaten für die Wahl zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten aufgestellt worden war, jubelte er, dass er sich auf dem Weg ins Präsidentenamt befände. Etwa zeitgleich bejubelte der englische Sänger George Michael jeden Gang zur Bank. Gores Ehefrau Tipper war drei Jahre zuvor Mitinitiatorin des so genannten „Musik-Ressourcen Zentrums für Eltern“ gewesen.

Zum Schutz vor Rock und Pop

Die Vereinigung mit Sitz in Washington D.C., hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder und Teenager vor den textlichen Inhalten von Rock- und Popplatten zu schützen. Stein des Anstoßes war damals das „Purple Rain“-Album von Prince. Im enthaltenen Song „Darling Nikki“ schwadronierte der ehemalige Funk-Erneurer lüstern über ein Mädchen, das masturbierte. Mit einer zusammengerollten Zeitung. Nach Ansicht von Tipper Gore und einer Reihe weiterer Senatoren-Ehefrauen, verstieß Prince damit klar gegen jede Sitte und Moral. Hektisch wurde versucht, die amerikanische Plattenindustrie mit einer Art Freiwilliger Selbstkontrolle, wie sie bei Filmen seit jeher üblich war, zur Selbstzensur zu zwingen.

Das Resultat: rund anderthalb Millionen weiterer verkaufte Exemplare von „Purple Rain“ – amerikanische Teenager wollten schließlich dringend auch den vielfach propagierten, „schmutzigen“ Song hören. Auch die „Parental Advisory“-Sticker, die seither jedes drittklassige Rap-Album zieren, gehen auf das Treiben von Mrs. Gore zurück. Der Aufkleber war eine Art unfreiwilliger Ritterschlag. Madonna beispielsweise legte es mit ihrem „Erotica“-Album, in dem sie auch SM-Fantasien thematisierte, geradezu darauf an, mit dem Sticker beklebt zu werden. George Michael, dessen „Faith“-Album gerade veröffentlicht war, bevor sich das puritanische Amerika der Reagen-Ära an seinem „I Want Your Sex“-Song stieß, bedankte sich öffentlich bei Tipper Gore. Für die Aufmerksamkeit, die sie seiner Platte zuteil werden ließ, indem sie gegen dessen „obszöne Inhalte“ vor jeder Kamera Hof hielt. „Vielleicht kann sie jetzt, da ihr Mann sich als Präsidentschaftskandidat der Demokraten wähnt, dabei helfen, noch ein paar weitere Millionen Exemplare meines Albums zu verkaufen“, spottete George Michael von einem Tour-Stopp in Perth aus.

Mehr als 30 Jahre später greifen die Mechanismen der Provokation immer noch. Besser denn je sogar. Nicht nur die Produktionsmittel sind erschwinglicher geworden, um einen öffentlichen Skandal herbeizuführen. Das polarisierte, gesellschaftspolitische Klima dieser Tage und die Schnelligkeit moderner Kommunikationswege, lässt die Sirenen der Mahnung und Moral unmittelbar aufheulen, wenn die Rock- und Popprominenz Tabus als Stilmittel der Provokation einsetzt. Schlüpfrige Szenen in Pop-Videoclips, die man sich früher heimlich im Jugendzimmer ansah, während die Eltern kegeln waren, lassen nunmehr nur noch müde gähnen.

Massaker in Zeitlupe

Seitdem Pornografie und Massenhinrichtungen, wie das Massaker von Neuseeland, über jedes Smartphone in Zeitlupe zu sehen sind, werden radikalere Geschütze zur Stiftung von Aufmerksamkeit aufgefahren. Vom rechten politischen Rand ließen sich Rammstein, die als einträglichster deutscher Rock-Export gelten, nie vereinnahmen.

Das komplette „Deutschland“-Video entkräftet den Vorwurf nicht, gestellte Bilder von KZ-Häftlingen zu Werbezwecken zu nutzen. Aber es widerspricht der These, dass Rammstein Neonazis zuspielen deutlich. Während Sänger Till Lindemann „Übermenschen überdrüssig“ singend grollt, kommt es zur Umkehrszene: KZ-Häftlinge drohen, Männer in SS-Uniformen zu erschießen. Es ist deshalb nicht weniger wichtig, dass Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Anspielungen auf Konzentrationslager im neuen Rammstein-Video kritisiert. Genauso wichtig ist aber auch das Verständnis dafür, dass die Sensationsgier jedes Einzelnen eine Band wie Rammstein erst dazu befähigt, mit fragwürdigen Mitteln für ihre Platten zu werben.

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