Paul Lovens: „Heute haben wir den Jazz!“

Ausgezeichnetes Lebenswerk : „Heute haben wir den Jazz!“

Der Aachener Schlagzeuger Paul Lovens ist ein gefeierter Improvisationsmusiker. Nun wird der 70-Jährige in Berlin geehrt – mit dem renommierten Albert-Mangelsdorff-Preis.

Er ist einer der weltweit bekanntesten Aachener Musiker. Doch auch vielen Musikliebhabern sagt sein Name nichts. Paul Lovens (70) ist ein Pionier und bis heute einer der Besten seiner Zunft, der Freien Improvisation. Eine Musik, entstanden in den 1960er Jahren aus dem Free Jazz, die aber längst kein Jazz mehr ist. Für sein Lebenswerk wird der Schlagzeuger nun mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis geehrt. Im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Axel Borrenkott blickt er zurück auf seine lange Karriere.

„Paul Lovens ist der Prototyp eines Improvisationsmusikers mit Erfindergeist, der eine immense Freiheit im Spiel verkörpert, der gerade im Team zu Hochform aufläuft“, heißt es in der Begründung des Preises. Was passiert in Freier Improvisation, was in anderen Genres nicht möglich ist?

Paul Lovens: Es ist absolute Kollektiv-Improvisation. Es herrscht Gleichberechtigung, aber auch gleiche Verantwortung, die jeder übernehmen können muss. Es ist also kein Solist, keine zentrale Figur, die von einer Rhythmusgruppe begleitet wird. Eine absolute Gleichverteilung der Rollen, die dann ineinandergreifen.

Es gibt keinerlei Vorgaben der Form, von Harmonien, des Metrums, keine Verabredungen?

Lovens: Nein, nichts. Deshalb auch das Lampenfieber.

Was hörst du, was nimmst du wahr während des Spiels? Kann man sich darauf vorbereiten?

Lovens: Nein, vorbereiten nicht. Außer, dass man das jahrelang macht und sich immer wieder ins kalte Wasser begibt. Es fängt an mit einem Ton. Ganz harmlos. Und der zweite bestimmt schon eine Richtung, in die gegangen wird. Dazu ist es natürlich essenziell, dass alle permanent aufeinander hören – und zwar auf das Ganze. Wenn jemand sein eigenes Spiel zu sehr liebt, kann er nicht mehr richtig zuhören, dann begibt er sich aus dem Kollektiv hinaus. Und: Man darf die Chance, den Zeitpunkt nicht verpassen, wo man eingreifen sollte, müsste.

Wie unterscheiden sich die Stücke? Zumal in deiner über Jahrzehnte beständigsten Gruppe, dem Schlippenbach-Trio mit Evan Parker.

Lovens: Eigentlich überhaupt nicht. Im Grunde wird immer dasselbe Material neu durch die Mangel genommen. Wir versuchen, auf demselben Gelände immer wieder neue Wege zu finden.

Auf der Bühne immer mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte: Paul Lovens. Foto: Bernd-Scholkemper

Schleichen sich nicht doch Routinen ein?

Lovens: Doch, natürlich. Aber die muss man kühl wahrnehmen – und dann vermeiden.

Wie kommt man zum Schluss, ein Mysterium der Freien Musik?

Lovens: (lacht) Ich weiß nicht, wie es funktioniert. Aber es ist eindeutig: Jetzt ist Ende.

Wer sind dir, von heute aus gesehen, die wichtigsten Menschen in deiner Karriere?

Lovens: Also, der Manfred Schoof hat mich entdeckt, bei einem Jazzkurs in Remscheid. Monate später hat er mich angerufen und mich in sein Quintett geholt, in dem Alexander von Schlippenbach Klavier spielte. Irgendwann waren die beiden nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge. Und von da ab bin ich mit dem Alex zusammen, seit 1970 also. Das ist meine Haupt-Universität, die ich besucht habe. Ganz wichtig war aber, dass ich Jahre später eine Zeit lang, in den 1990ern, mit Cecil Taylor gespielt habe. Zuerst habe ich nein gesagt, als ich gefragt wurde. Mit so einem Giganten: Das traue ich mich nicht. Dann hat Evan Parker, der immer auch mein Lehrer war, gesagt: „Du spielst mit dem, egal wie du dich fühlst!“ Ich habe nie viel mit Taylor über die Musik geredet. Aber ein solcher Könner hat eine Ausstrahlung, der man sich einfach nicht entziehen kann. Das hat mir Mut gegeben. Danach wusste ich: Jetzt kann mir nichts mehr passieren auf der Bühne.

Auf Youtube findet man dazu ein fulminantes Interplay zwischen Taylor und dir – unter dem vieldeutigen Titel „Desperados“. Bildende Kunst und Künstler bedeuten dir aber auch sehr viel.

Lovens: Ja. Vor allem Herbert Bardenheuer, der Maler, der verstorbene. Der hatte sein Atelier in der Aachener Rudolfstraße, wo ich wohne. Und das ging von null auf hundert, in zwei Tagen waren wir zusammen. Habe Stunden mit ihm gesessen, ihm zugeschaut, wie er gemalt hat. Es befruchtete sich, irgendwie.

Dein Name ist auch fest verbunden mit dem starreichen Globe Unity Orchestra – viele erinnern sich hier inniglich an das Gedenkkonzert für Robert Wenseler 2002.

Lovens: Wenn ich mich an dieses Konzert erinnere, läuft es mir heute noch kalt über den Rücken. Ja, im Globe Unity waren mal die tollsten Leute drin. Aber da bin ich ausgestiegen. Die blasen jetzt alle wie die Stiere.

Geniales Stichwort: Für Zuhörer ist solche Freiheit eine ziemliche Zumutung. Wie findet man den Weg vom Lärm zur Musik?

Lovens: Auf die Mechanismen achten, die da ablaufen. Da muss man natürlich über die schrägen Töne und die seltsamen Geräusche hinwegsehen. Das muss man lernen.

So wie man versucht, aus einem Pulk von quakenden Fröschen einzelne herauszuhören oder einem auf- und niederschwebenden Vogelschwarm zu folgen, wie der Jazzliterat John Corbett empfiehlt?

Lovens: Ja, das finde ich wunderbare Vergleiche.

Wie alles anfing: in Aachen, 1965, mit den Westend-Jazzmännern.

Lovens: Oh, ja . . .  Wir probten mehrmals die Woche beim Heinz Schauerte im Kohlenkeller. Wenn wir feststellten: „Heute haben wir den Jazz!“, hieß das: Es geht irgendwie besser als sonst. Dann haben wir mein Schlagzeug auf dem Bollerwagen beschafft, sind vom Hammerweg bis zum Elisenbrunnen und haben dann in der Rotunde gespielt. Die Leute fanden es wunderbar, und wir fanden es noch wunderbarer. Bis die Polizei kam: „Jetzt müsst ihr aber aufhören!“

Das war noch Dixieland.

Lovens: Ja, aber dann kam schon bald der Malteserkeller. Da traf ich dann auf Leute wie Uwe Haselhorst und Karl-Heinz Wiberny, wir wurden dann ein Quartett, und das ging so durch die Jazzgeschichte mit Hilfe von Schallplatten. Und dann kam der Schoof.

Doch vorher kam noch Robert Wenseler.

Lovens: Ja. Mein Vater war tot. Der Robert war mein Vater, mein Freund und mein Lehrer, alles auf einmal. Jeden Tag nach der Schule ging ich in die Passstraße, und da hat er mich vollgedröhnt mit all seinen Schallplatten-Schätzen. Das ist ganz groß, bis heute.

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