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Packend: Brittens Oper „Peter Grimes“ in Köln

Kölner Oper : Verzweifelter Außenseiter gegen einen Mob der Gewalt

Szenisch und musikalisch äußerst packend: Brittens Oper „Peter Grimes“ in Köln. Der heimliche Star ist der Chor.

Dass es Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ als eine der ganz wenigen Opern des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts zu Repertoire-Ehren geschafft hat, ist kein Zufall. Die Geschichte um den Fischer Grimes in einer bigotten, selbstgerechten Dorfgemeinschaft setzte Britten so packend in tonale, gleichwohl niemals anachronistisch anmutende Töne um, dass gute Aufführungen nach wie vor gewaltige Eindrücke hinterlassen können.

Dazu gehört mit Sicherheit die Kölner Neuproduktion, die sowohl szenisch als auch musikalisch zu den besten Beiträgen der vergangenen Jahre zählt. Regisseur Frederic Wake-Walker ist im Fischerdorf Aldebourgh aufgewachsen, aus dem der Dichter George Crabbe stammt, auf den das Libretto zurückgeht, und in dem Britten den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Dennoch verzichtet der Regisseur darauf, sich zu stark an diesem Dorfszenario zu orientieren. Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Jones lässt auf der oft leeren oder nur spärlich bestückten Bühne den Chören große Freiräume und begnügt sich mit den Umrissen einer verfallenen Methodistenkirche. Die Bänke werden geschickt genutzt, um die Szene in eine Schänke oder in die Wohnstube des Titelhelden zu verwandeln.

Am Ende, wenn sich der verzweifelte Grimes im Meer versenkt, steigt er in eine blau ausgeleuchtete Kellerluke wie in eine bizarre Gruft hinab. Beäugt von den Dorfbewohnern, die mit ihren einheitlich weißen Masken jede individuelle, sprich: christliche Regung verloren zu haben scheinen und zu einem Mob der Gewalt zusammengeschmolzen sind. Ein mit knappen, aber präzisen Mitteln ausgerichtetes Szenario, dem die außergewöhnlich genaue Charakterisierung der vielen Figuren entspricht.

Grimes, den ehrgeizigen Fischer, in dessen hartem Dienst zwei Jungen ums Leben kommen, zeichnet Wake-Walker als Täter und Opfer zugleich, wobei die von der Dorfgemeinschaft ausgehende Gewalt noch drastischer zum Ausdruck kommt als die des Außenseiters. Selten geht von der vorbildlichen Chorführung eine solch dynamische Energie aus wie in dieser Produktion. Zu Beginn präsentieren sich alle Dorfbewohner als geschlossene Kirchengemeinde, aus dem sich allmählich die einzelnen Figuren lösen. Eine Gemeinde, die sich gegen den Außenseiter Grimes abzugrenzen scheint. In der Schänke legt der Regisseur die Profile der Figuren bloß, wobei die Bigotterie in den Mittelpunkt gestellt wird, die im Verlauf des Stücks in brutale Gewalt gegen den ungeliebten Fischer umschlägt. Fackelzüge bedrohen Grimes mit einer Intensität, die unter die Haut geht.

Eine rundum packende Inszenierung auf der Höhe der musikalischen Umsetzung durch den jungen Dirigenten Nicholas Collon, der die farbige, herb getönte Partitur in allen Schattierungen zum Klingen bringt und dabei die dramatischen Höhepunkte ebenso sicher trifft wie die inneren Konflikte der Figuren. Dabei erweist er sich als so sängerfreundlich, dass niemand vom Orchester überrollt wird. Marco Jentzsch in der Titelrolle vermag mit seinem kerngesunden Tenor jede Stimmungsnuance sicher und tonschön auszudrücken. Ivana Rusko als einfühlsame Ellen Orford steht ihm in nichts nach. Wie auch Robert Bork als Balstrode und das gesamte vielköpfige Ensemble. Der heimliche Star der Produktion ist jedoch der groß besetzte und verstärkte Chor der Kölner Oper, der nicht nur gestalterisch über sich hinauswächst, sondern auch die vielen Tücken der äußerst komplexen Chorpartie souverän meistert. Besser geht es kaum.

Entsprechend begeistert fiel der Beifall des Publikums aus.