1. Kultur
  2. Musik

Neues Album von Van Morrison: „The Prophet Speaks“

Neues Album von Van Morrison: „The Prophet Speaks“ : Die Freude an der Sache steckt an

„The Prophet Speaks“ ist das 40. Studioalbum von Van Morrison. Und das 14 Songs umfassende Werk lässt vermuten, dass der Ire ganz offensichtlich gerade seinen zweiten Frühling als Künstler erlebt. Mit 73 Jahren. Wie ließe es sich sonst erklären, dass „Van The Man“, wie er von seinen Fans genannt wird, schon wieder eine neue Platte am Start hat? Seine fünfte innerhalb von zwei Jahren!

Nach weiteren fünf Monaten erschien schließlich im vergangenen April „You’re Driving Me Crazy“, eine Zusammenarbeit mit dem Hammondorgel-Spezialisten und Trompeter Joey DeFrancesco. Der war in jungen Jahren mit Miles Davis im Studio gewesen und wurde als Orgelspieler im Trio von John McLaughlin weltberühmt. Zusammen heckten die beiden, unterstützt von DeFrancescos Band, beseelte Neubetrachtungen von Standards und Morrison-Stücken aus.

Heute, gut sieben Monate später, wird „The Prophet Speaks“ veröffentlicht. Keine Frage, Morrison ist so produktiv wie nie zuvor in seiner Karriere als Solokünstler, die er 1967 begann. In den mehr als vier Jahrzehnten seither, gab es zwar zwei Phasen, in denen er schon mal zwei Alben pro Jahr unters soulhungrige Volk brachte. Aber gleich eine Hand voll Platten innerhalb von 24 Monaten kredenzt zu haben, ist auch für ihn ein Novum.

„The Prophet Speaks“ folgt der Richtung, die Van Morrison mit „Roll With The Punches“ einschlug. Sechs Kompositionen aus eigener Feder stellt er acht seiner Lieblingssongs aus der Jazz- und Soul-Geschichte gegenüber. Den Schwerpunkt setzte er aber diesmal auf Blues-Material, dem er sich nahe fühlt. Überhaupt scheint er Musik heute vor allem aufzunehmen, weil er sich auf seine alten Tage seiner Berufung mehr bewusst ist denn je.

Freiheitliche Zielsetzungen

„Songs zu schreiben und das Musikmachen sind das, was mich meinem Selbstverständnis nach ausmacht“, sagt Morrison. „Mit großartigen Musikern zusammenarbeiten zu können, gestaltet das alles umso erfreulicher. Für das neue Album war es mir wichtig, wieder mit neuer Musik ins Studio zu gehen und gleichzeitig Blues-Nummern aufzunehmen, die mich von Beginn meiner Karriere an inspirierten.“

Das erste Stück der Platte, „Gonna Send You Back Where I Got You From“, ist in Van Morrisons Lesung ein gutes Stück weiter dem Swing zugewandt als die Frühversion von Eddie „Cleanhead“ Vinson. Zwar im Blues verortet, gibt dieser Songeinstand trotzdem eine eher freiheitliche Zielsetzung vor, der die ganze Platte folgt. Wie immer eigentlich mäandert Morrison zwischen den Polen Jazz, Soul und Blues. Zumeist auch innerhalb einzelner Stücke.

Begleitet wird er dabei abermals von Joey DeFrancesco, der auch den alten John-Lee-Hooker-Gassenhauer „Dimples“ mit seiner Hammond feinsinnig schwingen lässt. Morrisons Tenor-Gesang belegt das musikalische Geschehen derweil mit dem nach wie vor intakten Soul-Feuer, das seiner Stimme innewohnt. In seiner Eigenkomposition „Got To Go Where Love Is“ trägt er es als Schwerenöter Richtung Rhythm & Blues, den er mit feiner Jazz-Brass aufwertet.

Das hingehauchte „Yeah“ während der Gesangsimprovisation zu Beginn von „5 AM Greenwich Mean Time“ unterstreicht derweil die Spontaneität, auf der die Musik fußt. Nichts wurde soundtechnisch aufgemotzt. Dem direkten musikalischen Ausdruck zugewandt, wird auf „The Prophet Speaks“ der Freude wegen gegroovt. Die steckt unmittelbar an.

Aus Liebe zur Musik

„I Love The Life I Live“ heißt eine alte Willie-Dixon-Nummer, die Morrison sich auf seinem neuen Album zu eigen macht. Der Titel ist ganz offensichtlich Programm im derzeitigen Karriereabschnitt des Sängers. Hier macht einer, was er will, und er macht es, Marktgesetzen zum Trotz, aus Liebe zur Musik.

„Im Grunde genommen steht man mit jedem neuen Album im Wettbewerb zu dem Werk, das man bereits geschaffen hat“, erklärt Morrison seinen ungebremsten Enthusiasmus. „Ab einem bestimmten Karrierepunkt wiederholen Musiker sich manchmal nur selber. Mir ging es immer darum, mich und meine Musik weiterzuentwickeln. Das ist, wohlgemerkt, nicht leicht nach fast 55 Jahren. Aber der Versuch ist lohnenswert.“

In seiner Entwicklung legt er sein Augenmerk derzeit klar auf Dynamik. Statt auf Overdubs, also Nachbearbeitungen von Aufnahmen, legt er großen Wert auf die eigentliche Performance vor dem Studiomikro. Dadurch gewinnt die Musik an Kraft, Intensität und Swing. „Als ich anfing zu singen, ging man in ein Studio, gab sein Bestes, und dann stand ein Song. Das ganze Computer-Zeug, mit dem Aufnahmen heute gefahren werden, verschlingt enorm viel Zeit“, mault er vergnügt. „Und es schafft eine spürbare Barriere zwischen Musiker und Zuhörer. Meine Musik ist Soul. Die verträgt keine Barriere. Und das hört man dem neuen Album auch an.“