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Neues Album von Udo Lindenberg: „MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik“

Das zweite Unplugged-Album von Udo Lindenberg : Ein Duett mit der „Tatort“-Kommissarin

Udo Lindenberg hat es wieder getan: Nach dem großen Erfolg seines ersten Unplugged-Albums, das 2011 erschien, legt er nun nach mit frischen Aufnahmen, die im Sommer in Hamburg entstanden sind. So heißt das neue Werk konsequenterweise „MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik“. Unter Udos Duett-Gästen ist auch die Schauspielerin Maria Furtwängler.

Udo Lindenberg sieht aus wie einer, der Udo Lindenberg parodiert: auffällige Sonnenbrille, markante Lippen und der obligatorische Hut, unter dem das Haar strohig hervor lugt. Beim Interview zu seinem zweiten Unplugged-Album im Hotel Atlantic in Hamburg sind die Privatperson und der Entertainer nicht mehr auseinanderzuhalten. Ohne Kopfbedeckung und dunkle Brille setzt der Exzentriker keinen Schritt vor die Tür. Entwickelt sich das Gespräch nach seinem Gusto, kommt mit etwas Glück irgendwann das Gesicht hinter der Maske zum Vorschein. Dann spricht er leise über die Selbstzweifel, die ihn in seiner zweiten Lebenshälfte plagten und die er oft in Alkohol ertränkte.

Udo Lindenbergs künstlerisches Tief währte fast zwei Dekaden. Umso überraschender sein Comeback: Die Alben „Stark wie zwei“ (2008), „MTV Unplugged – Live aus dem Hotel Atlantic“ (2011) und das Musical „Hinterm Horizont“ (2011) bescherten dem Sänger die „geilste Zeit“ seines Lebens und zudem die goldenen Jahre der Panik-Maschinerie.

Vor fünf Jahren fing er sogar an, Stadionkonzerte zu spielen. Dafür hat der selbst ernannte Exzessor einen Pakt mit sich selber geschlossen. Den Pakt, sich fit zu halten. Ohne ihn könnte er solche Konzerte gar nicht spielen, die einem Marathonlauf gleichkommen. Für 2019 sind rund 25 Shows in den größten Hallen der „Bunten Republik Deutschland“ gebucht.

Die Bühne ist sein Jungbrunnen, weshalb er im Juli 2018 in der Kampnagel-Fabrik in Hamburg-Winterhude auch ein zweites MTV-Unplugged-Konzert aufnehmen durfte. Abwechselnd begleitet von einer akustischen Band, dem legendären Panikorchester, den Streichern der NDR Elbphilharmonie, einem Kinderchor und handverlesenen Gastsängern.

Der 72-Jährige verfügt über einen Fundus von Hunderten Liedern. Frühe Songs wie „Cowboy Rocker“, „Kleiner Junge“, „Lady Whiskey“, „Alles im Lot auf dem Riverboot“ und „Der Malocher“ wirken in abgespeckter Version so frisch, als wären sie gerade erst geschrieben worden. Die Neufassung des „Radio Song“ von 1976 mit Andreas Bourani als Duettpartner besitzt sogar echtes Hitpotenzial.

Mit der leisen Country-Folk-Nummer „Hoch im Norden“ von seinem deutschsprachigen Debüt „Daumen im Wind“ gelang Udo Lindenberg 1972 ein erster Hit. Den singt er jetzt mit Jan Delay. Der gelernte Schlagzeuger konnte von Anfang an grandiose Melodien und deutsche Texte schreiben, die überhaupt nicht holprig klangen. Er verstand es, Stile von Rock über Pop bis hin zu Jazz zu vermischen, ohne sich am Hauptstrom zu orientieren.

Gurgeln mit Eierlikör

Natürlich klingt seine nölige Stimme heute tiefer als früher, aber irgendwie auch interessanter. Vielleicht liegt das ja am Eierlikör, mit dem er zwischen den Songs immer wieder gurgelt. Bei der noch aus dem kalten Krieg stammenden Agentenballade „Bist du vom KGB?“ klingt Lindenberg jedenfalls angenehm naturbreit. Er trällert sie gemeinsam mit der „Tatort“-Schauspielerin Maria Furtwängler vor. Sie singt in seinen Klamotten, die ihr sogar perfekt passen. Ein magischer Zwiegesang zwischen zwei Udos, dem femininen und dem maskulinen. Es ist Furtwänglers allererster öffentlicher Auftritt als Sängerin.

Zur Einstimmung nahm Lindenberg die Millionärsgattin mit in seine „Hippiebude“ im Hotel Atlantic, seine Villa Kunterbunt. „Sie fühlte sich auch geil, weil man in den Sachen ganz anders geht. Man hat einen anderen Groove drauf. Ein bisschen verrückt, lässig, easy und so. Also nicht so hochgeschlossene Abendkleider, sondern legerer. Und dann sagte ich zu ihr: ,Und jetzt noch singen!‘“

Und mit dem Schock-Rocker Alice Cooper liefert Lindenberg sich ein denkwürdiges deutsch-englisches Gesangsduell („No More Mr. Nice Guy/So’n Ruf musste dir verdienen“). Hinter den beiden Eminenzen liegen gemeinsame wilde Zeiten: „Wenn wir uns in den 70er und 80er Jahren immer im Hollywood Bowl, Whisky A Go Go oder im Rainbow auf dem Sunset Boulevard getroffen haben, lagen wir meist breit in der Ecke. Aber jetzt standen wir! Haha! Wir können auch im Liegen singen, aber bei Unplugged haben wir es im Stehen getan.“

„Wie siamesische Zwillinge“

Alice Cooper hatte wie Lindenberg lange mit seiner Alkoholsucht zu kämpfen und ist seit 30 Jahren trocken. „Wir sind wie siamesische Zwillinge“, findet Udo. „Brothers, die ganz genau die gleiche Scheiße durchgemacht haben. Auch er fing Anfang der 70er mit seinem Schock-Rock an. Und ich war damals ein deutscher Schock-Rocker. Irgendwann hat er seine harten alkoholischen Zeiten aufgegeben, und ich ja auch. Alice trinkt gar nichts mehr, und ich trinke gezielt.“ Das heißt, er gönnt sich mal einen Absinth, mal einen Eierlikör in Verbindung mit „geheimnisvollen fernöstlichen Kräutermixturen“. Das turnt auch gut. Denn der viele Alkohol hat ihn damals ziemlich platt gemacht.

Der Tod seines Bruders Erich vor zwölf Jahren war für Lindenberg ein Weckruf. Seitdem kann er auch ohne Alkohol wirklich tief berührende und auch sehr lustige Udo-Platten machen. Möge die wiederauferstandene Nachtigall noch lange zwitschern.