Neues Album von Stefanie Heinzmann: „All We Need Is Love“

Das neue Album von Stefanie Heinzmann : Die Rückkehr des Selbstbewusstseins

Musik kann eine therapeutischer Wirkung haben – im Fall von Stefanie Heinzmann hat sich das mal wieder bewahrheitet. Die Schweizer Sängerin hatte trotz großer Erfolge nämlich auch große Selbstzweifel. Meinungen von außen etwa zu ihrem Aussehen und kritische Kommentare machten ihr zu schaffen. Mit den Songs für ihr neues Album „All We Need Is Love“ kam der Respekt vor ihr selbst zurück.

„All We Need Is Love“ hat die Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann ihr neues Album genannt. Das weckt natürlich Erinnerungen an die Blütezeit der Popmusik Ende der 60er Jahre. Wie den ähnlich betitelten Gassenhauer der Beatles will sie ihre Frohbotschaft 2019 inhaltlich allerdings nicht verstanden wissen. Zumal sie nicht die, wie sie sie nennt, „globale Liebe“ im Sinn hatte, als sie ihre Platte benannte. Ihr geht es vielmehr um die Selbstliebe. Die spielt natürlich auch der „globalen Liebe“ zu. In Heinzmanns Augen ist sie sogar die Quelle der Nächstenliebe. Weil sie die Kehrseite der Selbstverachtung darstellt.

Selbst auf der Suche

Als Lebensberaterin will Heinzmann freilich nicht verstanden werden. Sie sei vielmehr selbst auf der Suche, sagt sie. „Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, so viel Liebe zu verbreiten, wie ich kann“, führt sie aus. „In der Hoffnung, dass irgendwo vielleicht etwas davon ankommt. Mich selbst gut zu finden, ist ein Prozess, der andauert. Aber wenn man nicht irgendwann damit anfängt zu versuchen, sich selbst zu akzeptieren, öffnet man Konflikten immer bereitwilliger Tür und Tor.“

Die Frage, warum sich ausgerechnet eine erfolgreiche Sängerin wie sie derlei Gedanken macht, drängt sich auf. Seit mehr als einem Jahrzehnt veröffentlicht sie erfolgreich Platten. Zwei ihrer bisherigen vier Alben wurden Top-10-Erfolge, eins davon wurde sogar hierzulande und in ihrem Heimatland Schweiz in Platin gegossen. Sie war Duett-Partnerin von Ronan Keating, Lionel Richie und Gentleman, hat erfolgreiche Tourneen gespielt und bekam als Protegé von Stefan Raab reichlich Aufmerksamkeit.

„Sensibles Fischchen“

Aber natürlich ist Erfolg nicht alles. Sie habe, ungeachtet ihres Ruhmes, Selbstzweifel, gibt sie zu. Und sie findet es wichtig, die auch mitzuteilen. Deswegen scheut sie sich auch nicht davor, Punkte zu benennen, die überhaupt erst zu ihrer Selbstreflexion führten. Sie, die sich als „sensibles Fischchen“ bezeichnet, fand sich als Teenager ganz schön doof, wie sie anmerkt. Sie hatte Mühe damit, sich ihre Weiblichkeit einzugestehen.

Alles, was an ihr weiblich war, fand sie per se blöd. Einerseits. Andererseits dachte sie, viel weiblicher sein zu müssen. Längere Beine, größere Brüste, all das, was die Werbeindustrie für weibliche Ideale hielt, besaß sie nicht in dem Maße, wie sie es sich wünschte. „Damit habe ich meinen Frieden geschlossen“, erzählt sie. „Aber Meinungen von außen, die plötzlich auf mich niederprasselten, als ich im Fernsehen zu sehen war, machten mir wirklich zu schaffen.“

Unter Fotos von ihr schrieben Leute Kommentare, die verletzend waren. Sie sei hässlich, ihre Brille sei viel zu groß, lauteten die Schmähschriften in der digitalen Welt. „Das hat mich wahnsinnig unsicher gemacht“ erinnert sie sich. „Bis ich den Entschluss fasste, mich selber okay zu finden. Nur, weil ich nicht in eine Schönheitsideal-Schablone passe, bin ich kein hässlicher Mensch. Mit dem Respekt vor mir selbst konnte ich auch andere Menschen noch besser respektieren. Aus diesem Bewusstsein heraus entstanden etliche Songs der neuen Platte.“

Dass die Musik therapeutische Wirkung hatte, unterstreicht gleich das erste Lied „Not Giving It Up“. In bewährter Soul-Manier schüttelt die 30-Jährige darin gleichzeitig Ängste ab und verkündet die Rückkehr ihres Selbstbewusstseins. Was Liebe wirklich ist und wie heilsam sie sich auf die Seele jedes Menschen auswirkt, erzählt sie im Titelstück des neuen Albums. Wie wichtig es ist, in sich selbst zu ruhen, gibt sie in „Home“ vor.

Öffnung Richtung Pop

Je weiter die Platte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass Heinzmann diesmal nicht im gewohnten Funk-Fundus fischt, sondern ihre Musik deutlich Richtung Pop öffnet. Das Prinzip der Gleichzeitigkeit als Merkmal der aktuellen Popmusik findet sie reizvoll. „Menschen hören längst nicht mehr nur noch eine Stilrichtung. Man ist offener geworden für alle möglichen Arten von Musik. Das freut mich natürlich, weil ich seit jeher immer viele verschiedene Genres hörte. Mein neues Album zollt meiner vielfältigen Musikauffassung Tribut“, sagt sie.

Ihr Gesang bleibt natürlich trotzdem weiterhin eine frontal-emotionale Angelegenheit. Stimmlich nach wie vor dem Soul verschrieben, manövriert sie einerseits ihre Stimmbänder wie einen kräftig-klärenden Windstoß durch sämtliche Untiefen menschlicher Ängste und Sehnsüchte, andererseits streichelt sie im Pianissimo die Seelen ihrer Zuhörer.

Natürlich hat sie von all den Großen der Soul-Zunft gelernt, von Aretha Franklin, von Stevie Wonder und Prince. Deren wegweisende Soul-Definitionen hält sie in Ehren. Aber in ihrer Wahrnehmung gibt es auch jüngere Künstler wie Bruno Mars, denen sie das Zeug zum Erneuern der Seelenmusik zuspricht. Ob sie sich selbst dort auch einreiht? Dafür ist sie selbstverständlich, trotz allen Selbstbewusstseins, viel zu bescheiden.

Vielleicht ist es gerade diese Genügsamkeit in Verbindung mit der Geschichte der Selbstermächtigung, die „All We Need Is Love“ zu einer angenehmen Angelegenheit macht. Stefanie Heinzmann predigt darin keine Selbstversuche, sie bietet ihre eigene Geschichte der Selbstliebe als Option zum Betrachten jeder einzelnen Lebensgeschichte an. Und sie gestaltet sie gleichsam so persönlich und universell, dass ihre Musik auch wirklich einladend klingt.

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