Neues Album von Pianistin Yuja Wang: „The Berlin Recital“

„The Berlin Recital“: Neues Album von Pianistin Yuja Wang : Im Spannungsfeld  der Emotionen

Mit ihrem neuen Soloalbum „The Berlin Recital“ schließt sich für die Pianistin Yuja Wang ein Kreis. Es war russische Musik, die der in China geborenen Musikerin den Zugang zur klassischen Musik des Westens öffnete. Zu der findet sie jetzt zurück.

Begeisterung entfachte auch Berlin in der Kosmopolitin. Wang verbachte ihr zweites Lebensjahrzehnt des Studiums wegen vornehmlich in Kanada. Seither ist sie in New York gemeldet. Aber richtig zu Hause ist sie in praktisch jeder größeren Stadt, wie sie sagt. In Berlin habe sie inzwischen etliche private Freunde, und die Energie der Spree-Metropole sei ihr stete Inspirationsquelle, führt sie weiter aus. Seit 2013 ist sie regelmäßiger Gast in der Berliner Philharmonie. Von Solostücken über Kammermusik bis hin zu Klavierkonzerten hat sie darin bereits verschiedene Werke aufgeführt. Im Juni dieses Jahres schließlich spielte sie einen Klavierabend vor ausverkauftem Haus, dessen Mitschnitt ihrem neuen Album zugrunde liegt.

Dessen Repertoire entstammt ausschließlich den Federn dreier russischer Komponisten, die Wang seit Beginn ihrer Karriere begleiten: Prokofjew, Rachmaninoff und Skrjabin. Quasi als Ergänzung legt sie noch drei Etüden des Ungarn Ligeti obendrauf. Auch, um eindrücklich zu beweisen, dass ihre Spieltechnik auch eher motorisch wirkende Kompositionen sinnlich-fantasievoll zum Leben erwecken kann.

Im Vordergrund aber steht die klassische Musik Russlands. „Diese russischen Stücke bringen irgendwie alle Emotionen heraus, die Gefühle der Sehnsüchte in uns“, schwärmt Wang. „Wir fühlen uns bei deren Hören durch und durch menschlich. Aber gleichzeitig erscheinen sie überlebensgroß. Sie handeln von etwas, das gewaltiger ist als wir. Aber gleichzeitig bleiben sie unterhaltsam.“

Unterschiedliche Handschriften

Wie unterschiedlich die Handschriften der drei Komponisten bei allen verbindenden emotionalen Intensitäten sind, wird deutlich, wenn man Wangs neues Album hört. Prokofjews Stücke sind dunkel, kraftvoll, und er kann bisweilen bissig, sarkastisch, sogar gereizt in Erscheinung treten. Rachmaninoff wirkt hingegen einfach romantisch, mitunter sogar ein bisschen jazzig. Der Moskauer Skrjabin führt mit seiner sogenannten „mystischen Chromatik“ vor, was in der Zwölftontechnik später mit Akkorden, die auf Quartschichtungen basierten, weiter ausgearbeitet und kultiviert wurde.

Wangs „Berlin Recital“ beginnt mit einem der bekanntesten Stücke von Rachmaninoff, der Prelude in g-Moll op 23 Nr. 5. Hier packt Wang leidenschaftlich zu, arbeitet aber im Mittelteil polyphone Strukturen heraus, die vielen Pianisten bislang verborgen blieben. Es folgen zwei von Rachmaninoffs „Etudes-Tableaux“, in denen Wang die zwischen Tondichtung für das Klavier und Chopin-Prägung changierenden Feinheiten kraftvoll ausarbeitet.

Den zweiten Block der CD nimmt die aus einem Satz bestehende, zehnte Klaviersonate Skrjabins aus dem Jahr 1913 ein. Das aus dem Spätwerk des Komponisten stammende Werk wird selten im Konzert gespielt. Vermutlich wegen der Komplexität, die Wang mit Bravour meistert. Die Vogelrufe, die sich nach und nach in das Stück einnisten, steigern sich am Ende zu einem irrwitzigen Zwitschern.

Drei Etüden Ligetis aus dessen Spätwerk wählte Wang als Bindeglieder zwischen Skrjabin und Prokofjew. Besonders in der polyrhythmisch vertrackten Etüde Nr. 1, die Ligeti mit dem Wort „Chaos“ belegte, zeigt Wang, mit welcher Lockerheit sie metrische und melodische Vielfalt lyrisch verdichten kann.

Ihr neues Album endet mit der letzten von Prokofjews sogenannten „Kriegssonaten“, Nr. 8 in B-Dur op. 84. Beschaulich beginnt Wang das Stück, und man hat den Eindruck, dass es entsprechend versöhnlich seinen Verlauf nimmt.

Zunehmend turbulenter

Aber der Schein trügt. Im Kopfsatz steigert sie das musikalische Geschehen dramatisch und spielt zunehmend turbulenter. Im Mittelsatz klingt sie dann wieder beinahe freundlich, bis das Finale mit dissonant grollenden perkussiven Klängen ins Inferno führt.

Es steckt viel geschmackvoll gestaltete Dramaturgie, reichlich mitreißende Feinmotorik und Leben in „The Berlin Recital“. Während des Spielens dieses Repertoires könne sie sich nicht wappnen gegen Gefühle, sagt Wang. Die unterschiedlichsten Empfindungen würden in ihr korrespondieren, meint sie. Beklemmung und Glück, Furcht und Freude, Zweifel und Zuversicht empfand sie während des Konzerts in Berlin.

„Das Leben ist immer voller Emotionen“, sagt Yuja Wang. „Ich glaube, ich reagiere intensiver auf Musik als auf irgendwas sonst. Es fühlt sich manchmal so an, als ob ich sie wie eine Art Nahrung brauche. Klavier spielen ist so taktil, so körperlich, dass daraus wieder Emotionen entstehen. Ich nehme und gebe in und mit der Musik. Das wird nie langweilig und hält hellwach. Mein neues Album zeugt hoffentlich davon.“

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