Neues Album von Annett Louisan: "Kleine große Liebe"

Annett Louisan präsentiert ein neues Doppelalbum : Schluss mit der Macht der Gewohnheit

„Die Materialfülle, die ich seit meinem letzten Studioalbum gesammelt hatte, war groß“, sagt Annett Louisan. „Zunächst wollte ich eine Songauswahl für nur eine Platte treffen. Aber je intensiver ich mich mit den Liedern auseinandersetzte, desto deutlicher wurde mein Bedürfnis, ein Doppelalbum aufzunehmen.“ Die Sängerin setzt auf ihrem neuen Werk „Kleine große Liebe“ neue Akzente. Und sie singt von sich selbst.

Annett Louisan schickt die Macht der Gewohnheit auf ihrem neuen Album „Kleine große Liebe“ in den Ruhestand. Mit spürbarer Erleichterung, überbordender Frische und Mut. Mut, sich selbst mit einem Maximum an eigener Wahrhaftigkeit in ihre Musik einzubringen. Ohne – und das ist ein Verdienst, mit dem sich das Werk schmücken darf – aufdringliche Nabelschau zu betreiben. Ein gutes Stück Kunst liegt auch im musikalischen Sujet der Platte begründet. Die Louisan weitet ihren Radius mit Nonchalance aus. 20 Stücke lang. Dass die nicht auf eine einzige Platte passen, ist klar. So ist es also ein Doppelalbum geworden.

Eines, das ihr bisheriges Gesamtwerk keineswegs in Abrede stellt. Die „alte“ Louisan ist in der aktuellen allgegenwärtig. Dennoch wohnt der kleinen großen Liebe ein Sendungsbewusstsein inne, das man gemeinhin bestenfalls von Debütanten kennt. Damit ist der kleinen Frau mit der großen Ausstrahlung das bislang beste Album ihrer Karriere gelungen.

Waren es früher vor allem fiktive Charakterrollen, die sie als unangefochtene Regentin des deutschsprachigen Chanson zum Beleuchten in ihr Chateau einlud, erzählt sie jetzt von sich. Von ihrer Kindheit mit dem Mireille-Mathieu-Haarschnitt an der Elbe im ehemaligen Osten, als sie „Bastard“ gerufen wurde, weil sie ohne Vater aufwuchs. Dass sie derlei Intimes nicht in ein Lamento, sondern in „Meine Kleine“, die herzliche Huldigung an ihre Mutter packt, ist große Lieddichterkunst.

Liebevoll und nuancenreich

Alle Songs auf „Kleine große Liebe“ erklären sich unmittelbar selbst, wenn man ihnen lauscht. Deren Inhalte werden aber so liebevoll und nuancenreich erzählt, dass jeder Zuhörer seine eigenen Lebensstationen abgleichen und aus einem anderen Blickwinkel betrachten darf.

Vor anderthalb Jahren kam Annett Louisans Tochter Emmylou Rose zur Welt, und was hätte näher gelegen als ein Mutti-Album? Es steckt tatsächlich auch ganz viel Muttergefühl in der Platte. Aber dergestalt schön formuliert, dass die Kleine irgendwann, wenn sie begreifen wird, wer sie ist, immens stolz sein wird auf die große Louisan. „Zweites erstes Mal“ verbindet Anfang und Ende des Lebens. Das Staunen beim ersten Anblick eines Schmetterlings und das wonnevolle Spüren der vorletzten Sonnenstrahlen auf dem Gesicht einer überaus liebenswerten alten Frau, die das große Glück im Kleinen gefunden hat.

Das viele Mittendrin, zwischen Lebensanfang und Ende, lässt die Louisan diesmal tanzen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Walzer, sanfte Kaminzimmerklänge und Country zählen immer noch zu ihrer musikalischen Sprache. Aber auf „Kleine große Liebe“ ist Annett Louisan auch Pop. Richtig viel Pop sogar. „Borderline“ erzählt von destruktiver Liebe und zitiert mit Retro-Sounds die 80er Jahre und Madonna.

In „Haie“, dem allerersten Dance-Track der Louisan, wird sogar ein Vocoder genutzt. „Belmondo“ wiederum ist eine große Verbeugung vor der Nouvelle Vague, Serge Gainsbourg, YeYe und der Blütezeit des dunklen Schlagers, mitsamt gesprochenen Textzeilen. „Ich rauche die Zigarette danach schon davor“, spricht die Protagonistin in naiv-pikiertem Ton, während sie darauf wartet, dass der Mann ihres gar nicht mehr so brennenden Begehrens vielleicht doch noch aufwacht.

Vortrefflich detailverliebt

Es ist kaum zu glauben, aber nach 15 Jahren Karriere und sieben preisgekrönten Studioalben lebt Annett Louisan erstmals ihr gesamtes gesangliches Können aus. Vortrefflich detailverliebt und bisweilen auch lautmalerisch. In „24 Stunden“, einem liedgewordenen Tag vor einem ersehnten Date, singt sie beinahe opernhaft-absurd sogar den Chor der Leidenden. Der kindlich-resolute, fast trotzige Gesang in der Utopie „Vielleicht“, lässt das Persönliche zur allgemeinen, gar politischen Hoffnung werden. „Keiner wird mehr einsam alt, keiner spricht mehr von Gewalt“ heißt es darin so frontal und ehrlich, dass beim Zuhören der Atem stockt.

„Herz gebrochen“, die Adaption eines Stücks von Samy Sorge alias Samy Deluxe, unterstreicht Louisans Sinn für Dramaturgie. Während sie über Schuldgefühle singt, tönt die Musik wie der Soundtrack zu einem Western, mitsamt eines markigen Erlösungsschreis zum Schluss. Das autobiografisch geprägte „Die schönsten Wege sind aus Holz“ knüpft im Erzählstil der Dietrich und der Knef an die große deutsche Liedkunst des frühen vorigen Jahrhunderts an.

So viel Liebe, mal klein, mal groß arrangiert, lässt keinen Zweifel daran, dass der Star Annett Louisan erst sterben musste, bevor die wahre Künstlerin Louisan geboren werden konnte. Und, beinahe ironisch, wird sie damit ein noch größerer, viel bedeutenderer Star. Sie ist natürlich nicht so hochmütig, diese Aussage zu bestätigen. „Aber es stimmt schon, dass die eigene Musik erst wachsen kann, wenn man bei sich selbst ankommt“, sagt sie. „Mir wird immer klarer, was Musik eigentlich für mich ist. Musik ist meine kleine große Liebe.“

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