Wie Campino auf die Politik und das Land blickt: Mit Mitte 50 noch auf Klassenfahrt

Wie Campino auf die Politik und das Land blickt : Mit Mitte 50 noch auf Klassenfahrt

Die Toten Hosen bringen ihr zweites Akustik-Album heraus: „Alles ohne Strom“. Sänger Campino spricht im Interview über Volksmusik, die Nachwehen des Eklats bei der Echo-Verleihung und die Vorteile einer Jugenschule.

Ganz offensichtlich ist Campino nicht zum Frühstücken gekommen, jedenfalls stürzt sich der Sänger der berühmtesten Düsseldorfer Söhne sogleich auf den Teller mit Keksen, die sie im Hotel zum Kaffee reichen. Der Sänger der Toten Hosen ist hier, um über „Alles ohne Strom“ zu sprechen. Die Band hat das Unplugged-Album im Sommer in der ehrwürdigen Tonhalle in Düsseldorf aufgenommen. Es bietet unorthodoxe Versionen bekannter Hits, ein paar neue (aber eher unauffällige) Songs sowie vier Coverversionen. Aber auch jenseits der neuen Musik gibt es so einiges mit dem 57-jährigen Campino, der mit bürgerlichem Namen Andreas Frege heißt, zu klären.

Campino, was hat euch daran gereizt, ein Akustik-Album aufzunehmen?

Campino: Wir haben uns vorgestellt, wir sind eine Balkangruppe, die für Gelegenheiten wie Hochzeiten, Beerdigungen und runde Geburtstage gemietet werden kann. Die Herausforderung war, auf die klassischen Waffen einer Rockband, laute Gitarren etwa, zu verzichten, dafür andere Instrumente zu spielen, musikalisch differenzierter zu sein, trotzdem Gas zu geben und einen Abend voller Energie abzuliefern.

Ihr habt viele Bläser dabei, es klingt nach Ska und Reggae.

Campino: Genau. Auch der Akkordeonspieler bringt einen Schwung rein, der mir total Spaß macht. Speziell die Polka-Sounds passen sehr gut zu unserer Energie. Kein Wunder, dass die Pogues in Punk- und Indie-Kreisen so beliebt sind.

Sind die Toten Hosen insgeheim eine Volksmusik-Truppe?

Campino: Tatsächlich ist uns Volksmusik nicht fern – aber ich meine damit nicht die verwässerte, verschmuste, schlagerartige Form, die in Deutschland üblich ist, sondern eher das, was man zum Beispiel in Irland darunter versteht. Im ursprünglichen Sinn habe ich überhaupt nichts gegen den Begriff.

Die Band existiert seit über 35 Jahren. Ist so ein Album auch der Versuch, keine Routine aufkommen zu lassen?

Campino: Im Grunde geht es uns immer um den Wunsch, einen Anlass für eine neue Tournee zu haben und den Geist einer Klassenfahrt wiederaufleben zu lassen.

Mit Mitte 50?

Campino: Dieses Bedürfnis geht nicht weg. Ich war auf einer reinen Jungenschule, und speziell am Anfang waren die Hosen eine sehr männerbezogene Angelegenheit. Jetzt fahren Gott sei Dank auch Frauen mit, das tut dem Umgangston sehr gut. Aber das Gefühl, Matrosen auf einem Schiff zu sein, das ist immer noch da.

War es hart, auf einer Schule nur für Jungs zu sein?

Campino: Ich steckte mitten in einer Übergangsphase. Irgendwann wurde auf gemischte Klassen umgestellt, die späteren Jahrgänge hatten alle Mädels. Meine war praktisch die letzte nur mit Jungs. Rückblickend bin ich ganz froh darüber, genau in dieser Klasse gewesen zu sein, denn ich kenne niemanden, der noch so eine tiefe Verbundenheit zu seinen alten Schulkameraden hat wie wir. Wir fahren immer noch alle fünf Jahre für ein paar Tage ins Schullandheim und erzählen uns, wie es so geht. Breiti (Gitarrist Michael Breitkopf, Anm. der Red.) gehört auch zu dieser Klasse.

Ist der Campino von früher denn weitgehend noch der Campino von heute?

Campino: Ich glaube, dass wir alle gut beraten sind, unsere Einstellungen, auch die grundsätzlichen, immer wieder zu überprüfen und zu justieren, flexibel zu bleiben und sagen zu können „Ich habe mich geirrt“. Insofern hoffe ich, dass ich nicht mehr derselbe Typ bin, der damals sitzengeblieben ist und dann die Schule mit einem miserablen, aber immerhin einem Abitur verlassen hat.

Die Toten Hosen haben nach eineinhalb Jahrzehnte ihr zweites Akustik-Album veröffentlicht. Foto: dpa/David Young

Hast du je radikal deinen Weg gewechselt?

Campino: Für mich sind die Entwicklungen relativ nachvollziehbar. Tatsächlich kann ich in meiner Biografie keinen großen Bruch erkennen.

Du hast vor gut einem halben Jahr die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Wa­rum eigentlich?

Campino: Meine Mutter war Engländerin. Ich trage also immer schon beides in mir, das Britische und das Deutsche. Für mich schließt sich mit dieser Formalität ein Kreis, der längst hätte geschlossen werden sollen. Es fühlt sich richtig an.

Macht es einen Unterschied, ob man als Brite oder als Deutscher denkt, handelt und fühlt?

Campino: In 95 Prozent aller Fälle macht das keinen Unterschied. Aber als halb Engländer, halb Deutscher war ich immer gespalten, was mein Verhältnis zu Deutschland angeht.

Heute immer noch?

Campino: Draußen in der Welt habe ich irgendwann entdeckt, was schön ist an zu Hause. Ich habe vieles von dem, was meine Heimat prägt und ausmacht, inzwischen liebgewonnen. Das Wegfahren hat mir mein eigenes Land nähergebracht.

Was hast du an Deutschland lieben gelernt?

Campino: Deutschland ist um einiges vielfältiger, als ich früher gedacht habe. Das Land hat eine wahnsinnige Bandbreite, an Natur wie an Menschen. Die Leute bei uns sind, im Verhältnis zu anderen Ländern, ziemlich selbstkritisch und zum großen Teil auch tolerant. Insgesamt haben wir eine gesunde Einstellung zu uns selbst und zu unserer Nation. Das Bewusstsein gegenüber unserer Geschichte ist immer noch in großen Teilen da und wird bis heute berücksichtigt. Manche Politiker versuchen, das wegzustampfen, aber im Vergleich zu anderen Ländern sind wir ordentlich aufgestellt.

Nun haben wir im Vergleich zu anderen Ländern . . .

Campino: . . . auch für größere Katastrophen gesorgt, keine Frage. Unser Denken und Handeln ist eine Folge unserer faschistischen Vergangenheit. Engländer, aber auch Franzosen stellen ihre Nation viel weniger infrage als wir, was manchmal sympathisch ist, manchmal aber auch unangenehm.

Im ursprünglich 1988 veröffentlichten Song „1000 gute Gründe“, den ihr auf „Alles ohne Strom“ neu aufgenommen habt, singst du noch: „Es gibt 1000 gute Gründe, auf dieses Land stolz zu sein/Warum fällt uns jetzt auf einmal kein einziger mehr ein?“

Campino: „1000 gute Gründe“ gehört zu den Liedern, die grundsätzlich aktuell geblieben sind. Aber wenn man ins Detail geht, hat sich in den 30 Jahren einiges geändert. Die CDU hatte damals zum Beispiel viel schärfere Konturen und bot deshalb eine ganz andere Angriffsfläche als heute. Wenn wir den Song jetzt schrieben, käme die Partei wahrscheinlich gar nicht mehr darin vor.

Foto: zva/Campino amazon

Du hast vor über 20 Jahren ein Interview mit Angela Merkel gemacht. Mit welchem Politiker oder welcher Politikerin würdest du dich aktuell gerne mal hinsetzen?

Campino: Das käme auf meinen Gemütszustand an. Wenn ich sehr wütend wäre und Christian Lindner hätte mal wieder einen Spruch gebracht, dann würde ich sagen „Her mit dem Mann für ein Streitgespräch“. Auch eine Diskussion mit Horst Seehofer über die Widersprüchlichkeit der CSU könnte interessant sein. Andererseits: Diese Partei bringt immer noch gut auf den Punkt, was für ein Bundesland Bayern ist – einerseits stockkonservativ, anderseits voll anarchistisch. Dieser sehr eigene Menschenschlag ist mir normalerweise jedoch zutiefst sympathisch.

Wie wird man eigentlich vom Punk zum verantwortungsvollen, fast schon staatstragenden, Künstler und Bürger?

Campino: „Staatstragend“ geht mir zu weit. Ich könnte und wollte auch niemals ein Politiker sein. Ansonsten hat das mit Lebenserfahrung zu tun. Man begegnet immer wieder klugen Menschen und wird in seinen Ansichten eines Besseren belehrt. Dadurch wird auch der eigene Horizont erweitert, ob man will oder nicht.

Bist du zuversichtlich, dass wir den Rechtspopulismus in Deutschland in den Griff bekommen?

Campino: Ich bin in dieser Frage zu besorgt, als dass ich denken würde, wir regeln das problemlos. Aber ich schöpfe Hoffnung, weil es immer mehr Menschen gibt, die gegen rechts auf die Straße gehen und sehr deutlich machen, dass sie in der Mehrheit sind.

Als vor anderthalb Jahren ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag die Rapper Kollegah und Farid Bang einen Echo bekamen, hast du live auf der Bühne klar Stellung gegen die Entscheidung und die Texte der beiden bezogen. Wie ging es dir danach?

Campino: Schlecht. Noch bevor der Abend stattfand, wusste ich, was passieren würde, und es fühlte sich ätzend an. Ich bin niemand, der Streit sucht und Spaß am Provozieren hat. Diese Rede war mir unangenehm, aber sie musste gehalten werden. Es geht um Werte. Dass eine solche Diskussion geführt wird, halte ich für richtig. In der Kürze der Zeit konnte ich leider gar nicht zum Ausdruck bringen, was mich da alles angekotzt hat – angefangen beim Fernsehsender Vox, der den Ernst der Situation überhaupt nicht verstanden und noch versucht hat, beide Seiten gegeneinander auszuspielen, und dabei die Frechheit besaß, sich selbst komplett rauszuhalten. Das fand ich widerlich.

War es gut, den kompletten Musikpreis einfach abzuschaffen?

Campino: Nein. Das fand ich feige. Meiner Meinung nach wäre es die richtige und saubere Lösung gewesen, den Echo fortzuführen und zu sagen „Wir haben aus der Sache gelernt.“

Würdest du alles wieder so machen?

Campino: Wahrscheinlich schon. Und es würde mir wieder nicht gut gehen.

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