„Tristan und Isolde“ in der Oper Brüssel: Liebesduett im Baum aus Körpern

„Tristan und Isolde“ in der Oper Brüssel : Liebesduett im Baum aus Körpern

Der enthusiastische Applaus, mit dem Alain Altinoglu vor der Premiere von Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ begrüßt wurde, zeigt die Beliebtheit, die sich der Maestro als Musikchef der Brüsseler Oper erarbeitet hat.

Und gleich das Vorspiel leuchtete so plastisch und vorwärtsstürmend auf wie aus den besten Jahren Karl Böhms. Die orchestrale Qualität ist es letztlich, die der Neuproduktion ihren besonderen Akzent verleiht. Leider nimmt Altinoglu dabei wenig Rücksicht auf die Sänger, die sich gegen die fulminanten Klangfluten des Orchesters nur mit riskanten Kraftakten durchsetzen können. Gesund für die Stimmen ist das nicht. Und werkdienlich letztlich auch nicht.

Regieteam mit wenig Erfahrung

Das wirkt sich auf das vokale Niveau hörbar aus. In Brüssel sind die Hauptrollen zweifach besetzt. In der Premiere überzeugte Ann Petersen als Isolde durch eine ausgeprägte emotionale Intensität in Darstellung und stimmlichem Ausdruck, auch wenn sie in den Höhepunkten hörbar forcieren muss. An Ausstrahlung kann Bryan Register nicht mit der Kollegin konkurrieren. Er sparte seine Kräfte für den anstrengenden dritten Akt so extrem auf, dass er in den ersten beiden Aufzügen seine Stimme streckenweise nur zu markieren schien. Rundum überzeugend kann auch Nora Gubisch als Brangäne nicht, die sich mit ihren vibratoreichen Spitzentönen als überfordert zeigt. Nobel wie gewohnt charakterisiert Franz Josef Selig den König Marke, und auch Andrew Foster-Jenkins als Kurwenal entspricht dem Niveau des Hauses.

Für die Inszenierung wurde mit dem Filmemacher Ralf Pleger und dem bildenden Künstler Alexander Polzin ein Team mit nicht allzu großen Erfahrungen im Musik-
theater verpflichtet. Für ein aktionsarmes Stück wie den „Tristan“ eine gewagte Wahl. In der Tat verlassen sich beide auf starke Bilder, wobei Pleger der eigentlichen Handlung fast hilflos ausgeliefert schien.

Es sind die Bilder Polzins, die Aufmerksamkeit erregen. Weiße, an bedrohliche Eiszapfen erinnernde Tuch-Arrangements schweben im ersten Akt über dem Liebespaar. Ein aus menschlichen Körpern zusammengesetzter verwachsener Baum bildet nicht nur die Kulisse, sondern auch die Spielstätte des Liebesduetts, und vor einer gespenstisch ausgeleuchteten Rückwand stellt sich Tristan seinem Todeskampf. Wie auch die von Akt zu Akt wechselnde Kostümparade von Wojciech Dziedzic wirkt das optisch anregend, bringt letztlich jedoch nicht mehr als Plegers These, Wagners Werk müsse „in erster Linie eine bezaubernde, sinnliche und visuell beeindruckende Erfahrung sein.“

Das reicht aber nicht, um die komplexe Beziehung des einst auf den Tod verfeindeten und letztlich bis in den Tod miteinander verwachsenen Paares interpretieren zu können. Doch über diesen zentralen Aspekt erfahren wir nicht das Geringste. Die Personenführung erschöpft sich in stilisierten Gesten aus dem Nähkästchen Robert Wilsons. Immer wieder laufen die Figuren hilflos an der Rampe umher. Wie willkürlich Pleger mit dem diffizilen Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen den beiden Titelhelden umgeht, lässt auf eine Ratlosigkeit schließen, die auch den Schluss befällt.

Da haben in der letzten Zeit Fachmänner wie Romeo Castellucci und Olivier Py in Brüssel wesentlich Nachhaltigeres zum Thema Wagner beigetragen. Das Premieren-Publikum ließ die musikalischen Akteure hochleben, während der Beifall für das szenische Team verhalten blieb.

Die nächsten Aufführungen im Brüsseler Theátre de la Monnaie: 7., 8., 10., 12., 14., 16., 17. und 19. Mai. Kartentelefon: 0032-2233939.