Bayreuther Festspiele: Licht und Schatten am Grünen Hügel

Bayreuther Festspiele : Licht und Schatten am Grünen Hügel

Die Diskussionen über Tobias Kratzers von „genialisch“ bis „abwegig“ empfundene Neuinszenierung des „Tannhäuser“ bestimmt nachhaltig das Umfeld der diesjährigen Bayreuther Festspiele.

Dass Kratzer ein originelles, gut und pfiffig aufbereitetes Roadmovie gelungen ist, bei dem es mehr zu lachen gibt als in den „Meistersingern“, trifft ebenso zu wie die Tatsache, dass sich Kratzer den Teufel um Libretto und Musik schert und das um Sexualität und religiöse Morallehren kreisende Kernthema des Stücks völlig negiert.

Selbstherrliche Attitüde

Eine selbstherrliche Attitüde, mit der er auf dem „Grünen Hügel“ nicht allein steht. Auch Barrie Kosky interessiert sich im Falle der „Meistersinger von Nürnberg“ mehr für die braun gefärbte Geschichte des späteren Wagner-Clans als für das Werk selbst. Mit grotesken Entgleisungen, wenn ausgerechnet der jüdische Dirigent der Uraufführung des „Parsifal“, Hermann Levi, in die wirklich unsympathisch und verbohrt gezeichnete Rolle Beckmessers schlüpfen muss und zugleich, als er von den genervten Bürgern verprügelt wird, als prähistorisches Opfer des Holocaust überzeichnet wird.

Mindestens so ärgerlich, wenn vor lauter Kritik an den dunklen Seiten Bayreuths Wagners Intentionen nicht einmal ansatzweise begriffen werden. So stellt Kosky die Nürnberger Meister als debile, hinterwäldlerische Hanswürste dar und lässt den Junker Walther von Stolzing als progressive Lichtgestalt erscheinen. Dabei würdigt Wagner die Meister ausdrücklich als ehrwürdige, wenn auch etwas skurrile und konservative Bewahrer des Handwerks, der Grundlage jeder Kunst, verbunden mit dem Appell, sich jedoch Neuem zu öffnen.

Arroganter Junker

Gleichzeitig weist er den arroganten Junker von Stolzing zurecht, der glaubt, sich allein aus seiner sozialen Postion heraus in den Stand eines Meistersingers drängen zu können: „Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst.“ Davon ist bei Kosky nichts zu sehen.

Von derartigen Über- und Fehlinterpretationen bleibt Yuval Sharons „Lohengrin“ auch im zweiten Jahr unberührt. Mit dem Nachteil, dass er auf jede Deutung verzichtet und sich damit begnügt, die Figuren mehr oder weniger steif zu positonieren. Das rätselhafte Umspannwerk, das die Bühnenbilder von Neo Rauch und Rosa Loy bestimmt, lindern die Erklärungsnot auch nicht. Es sind einige eindrucksvolle Wolkenlandschaften, die die Szene beleben. Ansonsten erweist sich der „Lohengrin“ als die langweiligste und fantasieloseste Inszenierung des diesjährigen Aufführungs-Zyklus‘.

Allerdings punktet der „Lohengrin“ durch das sensationelle Dirigat von Christian Thielemann, der seine reichen Erfahrungen mit der spezifischen Akustik des Festspielhauses so leuchtkräftig, präzise, in jedem Detail ausgewogen und internsiv einbringt, dass das routinierte, wenn nicht schlampige Dirigat von Valery Gergiev im „Tannhäuser“ noch stärker abfällt.

Katharina Wagners Entscheidung, den neuen „Ring“ im nächsten Jahr mit einem Newcomer wie Pietari Inkinen zu betrauen, ist mutig, verdient aber Respekt, wenn vielbeschäftigte Stars à la Gergiev ihre Aufgabe nur halbherzig erfüllen.

An die Qualität Thielemanns reicht Philippe Jordan in den „Meistersingern“ zwar noch nicht heran. Immerhin findet er sich mittlerweile doch gut zurecht mit den gerade für die „Meistersinger“ schwierigen Bedingungen.

Bayreuther Niveau, wie man es erwarten darf, erreicht der „Tannhäuser“ lediglich mit seiner sensationellen Besetzung mit Stephen Gould in der Titelrolle und Lise Davidsen als Elisabeth an der Spitze. Das aber in voller Bandbreite. Diese Messlatte können weder der „Lohengrin“ noch die „Meistersinger“ erreichen.

Abnutzungserscheinungen

Obwohl mit Klaus Florian Vogt ein Publikumsliebling sowohl den Lohengrin als auch den Walther von Stolzing stemmt und der donnernde Applaus an beiden Abenden kaum abreißen wollte, lässt sich nicht überhören, dass sich bei Vogt in den Höhen Abnutzungserscheinungen und Härten einstellen. Und Camilla Nylund, die eine bewegende Elsa singt, ist mittlerweile aus der Rolle des Evchens hinausgewachsen. Michael Volle gestaltet den Sachs als rüstigen, bisweilen ungewohnt aggressiven Witwer, deklamiert entsprechend scharf und verbreitet, in der Kluft Richard Wagners über die Bühne wirbelnd, mehr Unruhe als weise Gelassenheit.

Mit „Tannhäuser“, „Lohengrin“, den „Meistersingern“ und dem „Parsifal“ stehen diesmal vier große Choropern auf dem Programm. Und unabhängig von den szenischen und vokalen Leistungen gehört der präsente und machtvolle Festspielchor zu den Sensationen auch dieses Festspiel-Sommers.

Mehr von Aachener Nachrichten