Oktobermusik im Aachener Dom: Kriegsgedenken mit musikalischer Überraschung

Oktobermusik im Aachener Dom : Kriegsgedenken mit musikalischer Überraschung

Auf der Suche nach vernachlässigten oder gar vergessenen Schätzchen der Chorliteratur für die traditionellen „Oktobermusiken“ im Hohen Dom ist Domkapellmeister Berthold Botzet in diesem Jahr bei Franz von Suppé fündig geworden. Das ist anspruchsvoll und ungewöhnlich, aber durchaus passend.

Ein Zeitgenosse von Johann Strauss, der fast vollständig aus dem Blickfeld geraten ist, auch wenn es bis vor wenigen Jahrzehnten wenigstens noch die Ouvertüren zu einigen seiner Operetten wie „Die schöne Galathea“ oder „Leichte Kavallerie“ zu einer gewissen Beliebtheit gebracht haben.

Ein Werk, das dem „jährlichen Gedenken an das Kriegsende in Aachen im Oktober 1944“, dem das Domkapitel die regelmäßigen „Oktobermusiken“ widmet, angemessen wäre, erwartet man von dem Operetten-Komponisten nicht. Insofern durften sich die Besucher im voll besetzten Dom über eine Überraschung freuen, als Suppés „Missa de profunctis“ auf dem Programm stand.

Gemeint ist damit nichts anderes als ein vollständiges „Requiem“, das der Komponist 1855 seinem verstorbenen Förderer Franz Pokorny widmete. Durchsetzen konnte sich das Werk allerdings nie so richtig. Dafür wirkt es zu opernhaft. Einerseits ungewöhnlich kraftbetont, andererseits geradezu beschwingt, aber nur selten spirituell so tiefgründig, wie man es von einer Totenmesse erwartet. Angesichts dieses Mankos machte es durchaus Sinn, dass Botzet das 70-minütige Hauptwerk mit zwei Bearbeitungen der ersten und letzten Strophe des Chorals „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Felix Mendelssohn Bartholdy umrahmte.

Souveräne Chorleistung

Dennoch handelt es sich um ein handwerklich vorzüglich gearbeitetes Werk mit anspruchsvollen Chorpartien und melodisch wohl geratenen Solo- und Ensemblepassagen. Alle wesentlichen Attribute, die lyrischen Schönheiten wie auch die dramatisch etwas plakativ aufgepeppten Elemente, arbeitete Botzet stilgerecht aus, wobei die Instrumentation des nicht übermäßig groß besetzten, dennoch üppig tönenden Orchesterpart zu klanglichen Verdickungen führte, die Botzet mit dem Aachener Sinfonieorchester hätte mildern können.

Angesichts eines hochromantischen Chorwerks ist der Klang eines reinen Knaben- und Männerchores zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Gleichwohl erhielten alle Teile vor allem durch die hellen Knabenstimmen klare, lupenrein intonierte Konturen. Wie überhaupt die nicht geringen Anforderungen durch den wie gewohnt vorbildlich vorbereiteten Chor souverän erfüllt wurden.

Nicht ganz so homogen präsentierte sich das Solistenquartett, aus dem der ebenso markante wie warme Alt von Barbara Ochs und die ausdrucksstarke Stimme des lebendig phrasierenden Bassisten Rolf Schneider herausstachen. Dagegen verblasste der Tenor von Andreas Karasiak ein wenig und dem an sich leuchtkräftigen Sopran von Christina Rümann fehlte es an der nötigen Geschmeidigkeit.

Insgesamt ein ungewöhnlicher, aber durchaus passender Beitrag zum 70. Jahrestag des Aachener Kriegsendes, den die Besucher mit lang anhaltendem Beifall belohnten.

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