Katie Melua fühlt sich mit ihrem achten Album frei

Ohne Buchhalter im Nacken : Katie Melua fühlt sich mit ihrem achten Album frei

Ihr erster Vertragsgeber setzte alles auf ihr Talent. Das brachte Katie Melua den erhofften Erfolg, aber auch eine Psychose ein. Mit ihrem achten Album fühlt sie sich endlich befreit.

Rund 16 Jahre im Dienst der Popballade machten aus der blutjungen Katie Melua eine vorsichtig extrovertierte Erwachsene. Mit inzwischen 34 Jahren zählt sie zwar nicht zum Nachwuchs, aber für sie beginnt das Musikabenteuer gerade erst wieder neu. Vor ihrem Konzert am 31. August in Aachen spricht sie über die Kehrseiten der Disziplin, den Spuk im Kopf und ihre gefundene Freiheit als Mensch.

Frank Zappa ahnte es schon früh: „We‘re Only In It For The Money“, wir tun‘s nur fürs Geld, lautete die Standpauke, die der alte Sarkast seinen Pop-Kollegen vor mehr als 50 Jahren hielt. Suspekt waren ihm millionenschwere Bühnenakteure, die juveniles Aufbegehren und gesellschaftspolitische Revolutionsgedanken vertonten und kommerzialisierten. Zur eignen Profitmaximierung, versteht sich. Katie Melua war zwar nie die Stimme der Aufbegehrenden, aber es gab Zeiten, in denen auch sie der Gewinnmaximierung wegen funktionierte.

Ihr Mentor und Manager engagierte sogar eigens eine Stylistin, damit sein Goldkehlchen immer adrett-verführerisch aussah, wenn es Interviews gab oder eine Bühne betrat. Entsprechend saß man Anfang des Jahrzehnts bei jeder Begegnung mit ihr einem Haarspraymonster gegenüber. Unnahbar statisch-gestylt, war die Melua in dieser Zeit nur noch ein Schatten der Katie, die zehn Jahre zuvor in ganz Europa willkommen war. Damals, Ende 2003, Anfang 2004, kam die Botschaft von der Insel herübergeweht, dass die Engländer sich in ein blutjunges Folkpop-Ding verknallt hatten. Es war die Zeit nach dem Riesenaufschlag von Norah Jones, und die Menschheit hatte scheinbar immer noch nicht genug vom Kaminzimmer-Pop bekommen, in den sich hin und wieder auch ein paar Blue Notes einschlichen.

Brave Balladen, die weder an- noch aufregten, spiegelten das damalige gesellschaftliche Befinden. Die Popwelt befreite sich just aus den Klauen von Britney Spears und den artifiziellen Boybands der 90er Jahre. Oasis klopften derweil, ganz Arbeiterklasse, Tony Blair auf die Schultern, bevor dessen soziale Hoffnungsblase platzte und der wahre, neokonservative Geist seiner Politik sichtbar wurde. Katie Melua spielte mit ihren Verbeugungen vor Joni Mitchell den Soundtrack zum Entschwinden vor den weltumspannenden Umbrüchen nach 9/11 und dem Irakkrieg.

Ohne Requisiten, allein auf der Bühne mit der akustischen Gitarre: Die verletzliche Seite, die Katie Melua zeigt, ist Teil ihres Erfolgs. Foto: Mark Watson.

Haus verpfändet

Das, sagt sie heute rückblickend, sei ihr alles bewusst gewesen. Aber weder wollte sie ihre Musik als Gegengewicht zu Bestehendem verstanden wissen noch dem Zeitgeist zuspielen. „Ich war einfach nur froh, überhaupt die Chance gehabt zu haben, ein Album aufzunehmen.“ 2002 hatte sie gerade die Brit School Of Performing Arts im englischen Croydon, in der auch Amy Winehouse die Schulbank drückte, verlassen, als Mike Batt einen Vertrag mit ihr schloss. Der englische Komponist, Pianist und Arrangeur sah in ihr die Chance, seine Vision vom weltweiten Erfolg realisieren zu können, der ihm selbst nie vergönnt war. Zwar hatte er für Art Garfunkel den „Bright Eyes“-Evergreen geschrieben, aber seinen ambitionierten Soloalben wurde nie die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm vorschwebte.

Katie Melua zuliebe gründete er eigens ein Plattenlabel, schrieb ihr eine Reihe Lieder auf den Leib und verpfändete sogar sein Haus, um die Werbekampagne für ihr Einstandsalbum zu finanzieren. Sein Wagnis warf satte Dividende ab. Nachdem Meluas Debüt „Call Off The Search“ im Vereinigten Königreich in Windeseile mit Vierfach-Platin prämiert worden war, ging es für die damals 19-Jährige auch hierzulande los. Ihre Single „Closest Thing To Crazy“ avancierte zum Radiodauer­brenner, ihre Live-Spielstätten wurden größer und ihre Platte wurde palettenweise aus den Läden getragen.

Weil sie, das zierliche Mädchen mit der Gitarre, ohne Bühnenrequisiten noch selbst in die Saiten einer Akustischen griff und ihre eigene Verletzbarkeit gesanglich offenbarte. Das kam nach der Party-Offensive der 90er Jahre ausgesprochen gut an. Meluas zweites Album „Piece By Piece“ warf den Hit „Nine Million Bicycles“ ab, erreichte in England die Top-Position der Verkaufshitparade und wurde hierzulande doppelt so erfolgreich wie ihr Erstling. Melua tourte und tourte, nahm noch zwei Studioalben und eine Live-Platte auf, stellte eine Werkschau zusammen, funktionierte und warf enormen Gewinn ab. Bis sie schließlich im September 2010 einen Nervenzusammenbruch erlitt.

Sechs Wochen verbrachte sie anschließend in der teuren psychiatrischen „Nightingale“-Privatklinik im Londoner Stadtteil Marylebone. Diagnose: akute Psychose. „Zwei Wochen lang war ich nicht mehr bei Verstand“, erinnert sie sich. „Ich litt unter Paranoia, hatte das Gefühl, ständig in Gefahr zu sein und konnte nicht mehr zwischen Albträumen und Realität unterscheiden. Das erste, was ich meinen behandelnden Arzt fragte, war: ‚Wo ist meine Banane?‘. Es war bizarr, überhaupt nicht greifbar, was ich verbal von mir gab.“

Einen gesicherten Grund für ihre Erkrankung hat sie nie gefunden. „Es war wohl eine Kombination aus sieben Jahren konstantem Unterwegssein für die Karriere und einer Identitätskrise, die letztendlich das Fass zum Überlaufen brachte“, meint sie und klärt auch gleich den Haarspraymonster-Verdacht auf. Zwei Jahre lang sei sie einer medikamentösen Therapieempfehlung gefolgt, die sie zwar ruhiger aber auch unnahbarer werden ließ.

„Seit 2012“, klopft sie auf Holz, „lebe ich ohne Medikamente und ich fühle mich heute deutlich wohler. Vielleicht auch, weil ich meine Musik jetzt wieder intensiver genießen kann und nicht nur funktionieren muss, damit andere ihr Investment wieder einfahren, dass sie auf mich gesetzt hatten. Die Luft bei meiner alten Plattenfirma wurde immer dünner für mich, weil alle, die dort arbeiteten, in erster Linie vom Erfolg meiner Alben abhängig waren. Nach meiner Krankheit hatte ich unglaubliche Lust auf Leben, auf Musik, auf Begegnungen. Dieser Drang, dieses Bedürfnis, ist geblieben.“

Wie zum Beweis ihres gesteigerten Selbstwertgefühls sitzt keiner ihrer früheren Aufpasser mehr einen Sessel weiter, wenn man sie zum Gespräch trifft. Locker, aufmerksam und höflich formuliert sie, wie verhältnismäßig frei sie sich fühlt. „Seit dem Ende meiner Zusammenarbeit mit Mike Batt, dem ich viel verdanke, habe ich das Gefühl, die neue Kreativdirektorin einer Musikwerkstatt zu sein, die bereits etabliert ist und meinen Namen trägt. Ich bin stolz auf alles, was ich bislang aufgenommen und erreicht habe. Darauf kann ich jetzt aufbauen. Das neue Album, an dem ich gerade arbeite, fühlt sich wie meine zweite Platte an, obwohl es bereits meine achte Studioeinspielung sein wird.“

Ihr feines Englisch, in dem hier und da der Cockney-Akzent aufblitzt, artikuliert sie bedächtig und präzise. Vermutlich ist ihr Duktus dem Umstand geschuldet, dass Englisch gar nicht ihre Muttersprache ist.

Georgische Wurzeln

In der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien geboren, wanderten ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder zunächst nach Irland aus als sie acht Jahre alt war. Kurze Zeit später in England angekommen, griff Melua zu Gitarre und Bleistift, um erste eigene Songs zu verfassen.

„Ich bin in Georgien anders sozialisiert worden als meine englischen Freunde. Wenn ich deren Kinderfotos mit meinen verglich, standen deren Farbaufnahmen aus der Digicam gegen meine Schwarzweiß-Abzüge. Ich hatte anfänglich in England ständig das Gefühl, eine alte Seele zu haben. Ich hätte mich mit Rentnern unterhalten müssen, um mich darüber austauschen zu können, wie es sich anfühlt, für Brot Schlange zu stehen“, beschreibt sie ihre Kindheit auf der Insel. „Inzwischen habe ich gelernt, dass die Zukunft nicht der Feind der Vergangenheit sein muss. Aber als ich in England ankam, wusste ich nicht, wo ich hingehörte. Daraus entsprang mein Ansporn, englischer als meine englischen Freunde zu werden.“

Inzwischen haben sie und ihre Familie längst einen englischen Pass und auch ihre Selbstfindungssuche scheint voranzuschreiten. Ihre Platte „Ketevan“ trug ihren georgischen Vornamen als Titel, während sie ihr letztes Studioalbum in Teilen mit einem georgischen Frauenchor in ihrem Geburtsland aufnahm. Der wird sie während ihres allerersten Konzerts in Aachen zwar nicht begleiten. Aber ein Ausnahmekonzert während ihrer Sommer-Tour stellt ihr Gastspiel im Kurpark am Eurogress wegen der Begleitung des Sinfonieorchesters Aachen trotzdem dar. „Ich werde ruhige Nummern nur mit meiner eigenen Gitarrenbegleitung spielen, das Orchester vergrößert ein paar meiner Songs mit seinem riesigen Klangkörper“, kündigt sie an.

Überwältigende Gefühle

„Und für die Tour habe ich extra eine neue Band zusammengestellt, in der endlich auch mein Bruder Zurab als Gitarrist mitmacht. Für mich werden die Konzertabende besonders schön, weil ich nicht vor mein Publikum trete, um ein neues Album vorzustellen. Ich möchte ein lockeres Programm spielen, natürlich auch die Hits. Aber so, wie sie ohne Druck im Hintergrund klingen.“ Fühlt sie sich auf Bühne heute entsprechend freier als früher?

„Unbedingt“, sagt sie. „Die Bühne ist ein Ort der Leidenschaft, und, wenn es besonders gut läuft, ein Ort der Seelenverbindung zwischen mir, meinem Publikum und der Musik. Man kann sich auf eine Tournee vorbereiten, wochenlang proben und ein Programm minutiös planen. Überwältigende Gefühle sind aber nicht planbar, und ich empfinde sie umso intensiver, wenn sie passieren. Dieses Bewusstsein macht natürlich verletzbar, aber mit ihm lässt es sich allemal wahrhaftiger Musik machen als wenn einem der Buchhalter im Nacken sitzt.“