Johannes-Passion im Aachener Dom

Würdige Einstimmung : Dramatische Johannes-Passion im Aachener Dom

Zum 50. Jubiläum erklingt das bekannte Werk von Johann Sebastian Bach weder gemütlich noch salbungsvoll. Domkapellmeister Berthold Botzet gelingt mit Domchor und Concert Royal Köln eine spannende Interpretation.

Seit genau 50 Jahren sorgt die Aufführung einer der großen Passionen Johann Sebastian Bachs im Aachener Dom für eine würdige Einstimmung auf die bevorstehende Passionszeit. In diesem Jahr stand die Johannes-Passion auf dem Programm. Auch wenn das in zweijährigem Turnus präsentierte Werk zum Standardrepertoire des Aachener Domchors gehört, konnte im voll besetzten Dom von einer routinierten Wiedergabe nicht die Rede sein.

Die Johannes-Passion ist gegenüber dem Schwesterwerk nach Matthäus nicht nur kürzer und straffer, sondern auch erheblich dramatischer, streckenweise geradezu opernhaft ausgerichtet. Domkapellmeister Berthold Botzet arbeitete in den zahlreichen Turba-Chören die Aggressivität der den Tod Jesu fordernden Volksstimmen noch härter und rhythmisch markanter aus als in früheren Aufführungen. Damit setzte Botzet das Stück unter eine dauerhafte Spannung, die dem Chor ein Höchstmaß an Konzentration und Flexibilität abverlangte.

Hier zahlte sich nicht nur die gründliche Arbeit mit dem Chor aus, sondern auch die Vertrautheit mit dem Werk, so dass selbst extrem komplexe, kontrapunktisch eng verschlungene Passagen ebenso präzise ausgeführt wie dramatisch erfasst werden konnten. Das schließt auch die zahlreichen Choräle ein, die Botzet meist eher drängend als salbungsvoll gestaltete.

Diesem Konzept passte sich auch das nicht ganz homogene Solistenquintett an, so dass etwa der Bassist Andrew Nolen den Christusworten mit seiner eher herben Stimme keinen weihevollen, sondern einen realistisch-rauen Anstrich verlieh. Auch Daniel J. Tilch unterstrich mit seinem perfekt geführten, hellen und beweglichen Tenor als Evangelist den dramatischen Gehalt des Werks und erwies sich zugleich als exzellenter Interpret der Arien, bei denen seine Stimme lediglich in einigen Koloraturen an Substanz einbüßte. Ansonsten eine prächtige Leistung.

Blass blieb dagegen Johannes Weinhuber mit seinen Bass-Arien, und die an sich vorzüglichen Stimmen der Sopranistin Els Crommen und der Altistin Marion Eckstein wurden so weit entfernt von den begleitenden Solo-Instrumenten postiert, dass sich kein homogenes und auch nicht immer ein synchrones Klangbild ergeben wollte. Schade.

Dabei blieben sowohl die Sängerinnen als auch die Instrumentalisten ihren Aufgaben nichts schuldig. Das gilt auch für das bewährte Concert Royal aus Köln, das sich Botzets alles andere als gemütlicher Interpretation mühelos anschließen konnte, auch wenn der Gebrauch historischer Instrumente immer wieder zu gewissen Intonationstrübungen führt.

Insgesamt eine spannende und die wohl bisher „dramatischste“ Passion unter der Leitung von Berthold Botzet. Lang anhaltender und begeisterter Beifall für alle Beteiligten. Zugleich ein erneuter Beweis, dass mit der Akzeptanz des eingefleischten Lutheraners Johann Sebastian Bach die Musiker in Sachen Ökumene manchen Kirchenoberen weit voraus sind.

Mehr von Aachener Nachrichten