Elvis Costello: Neues Album "Look Now"

Elvis Costello meldet sich zurück : Diesmal also ein elegantes Pop-Album

„Look Now“, der Titel des neuen Elvis-Costello-Albums, darf gerne wörtlich verstanden werden. Der im kanadischen Vancouver lebende Engländer hat mit seiner Band The Imposters neue Songs eingespielt, die vom Verlangen nach Sehen und Gesehen werden als zwischenmenschlicher Notwendigkeit erzählen.

Bevor er das Album fertigstellen konnte, musste Costello allerdings erst einmal Einsicht zeigen. Sein Arzt hatte einen kleinen, aber aggressiven Krebsherd in seinem Körper entdeckt und ihm geraten, die letzten Konzerte seiner kürzlich gelaufenen Europa-Tour abzusagen. Zwar will Costello nicht konkret offenbaren, welche Form von Krebs ihn heimsuchte. Aber in einer Botschaft richtete er sich speziell an Männer und riet dazu, sich nicht auf ein Roulettespiel einzulassen, wenn sie Veränderungen an ihren Anatomien feststellen. Von einem Kampf gegen den Krebs will er in seinem Fall nicht sprechen. Dafür sei der Herd zu klein gewesen.

Und auch sein Gesang, den er aufnahm, nachdem ihm die Diagnose mitgeteilt worden war, klingt, wie Costello immer klingt: neugierig-erzählerisch, aber nicht angstverhangen. „Ich hatte auch keine morbiden Gedanken beim Einsingen der neuen Stücke. Tatsächlich bin ich mit einem bekräftigten Willen und Gefühl ins Studio gegangen, um die Aufnahmen abzuschließen“, erinnert er sich.

„Look Now“ bildet Costello und seine Band The Imposters, zu der mit dem Tastenmann Steve Nieve und Schlagzeuger Pete Thomas auch zwei Musiker seiner Gruppe The Attractions zählen, im Istzustand ab. Wild und geschmackvoll. Eigentlich habe er gar kein neues Studioalbum mehr aufnehmen wollen, führt Costello aus. Er sei sogar so weit gegangen, darüber zu reden, dass seine Tage in Aufnahmestudios gezählt waren, sagt er. Gleichwohl sei ihm bewusst gewesen, dass noch ein elegantes Pop-Album in seinem Werk fehlte.

Die Gunst der Stunde

Zwei Momente befeuerten schließlich seinen Wunsch, mit den Imposters doch nochmal ins Studio zu gehen. Da war zum einen die Begegnung mit der James-Bond-Film-Produzentin Barbara Broccoli in London. Die Tochter des Bond-Machers Cubby Broccoli überredete Costello dazu, den Song „You Shouldn’t Look At Me That Way“ für den Abspann des Films „Film Stars Don’t Die In Liverpool“ zu schreiben. Der Weg in einen professionellen Aufnahmeraum war daraufhin unumgänglich für die Imposters.

Den zweiten Erweckungsmoment erlebte Costello während der vorigen Tour mit seiner Band. Die spielte in seinen Augen Abend für Abend so formidabel, dass er es später als Schande empfunden hätte, die Gunst der Stunde nicht zu nutzen, meint er. Wonach ihm nicht der Sinn stand, war Wiederholung – ein Rock’n’Roll-Album. „Davon gibt es in meinem Katalog genügend. Und für mich gibt es nichts Schlimmeres als eine Platte, die ungefähr so beworben wird: ‚Erinnert Ihr euch noch an Costello? Nun, sein neues Album könnte Euch gefallen, wenn ihr ihn ganz früher mochtet‘“, sagt Costello. „Mir schwebte eine Platte vor, die ich früher weder hätte schreiben noch hätte aufnehmen können.“

Es sollte Las Vegas sein

Schließlich buchte er ein Studio und plante, die Platte um Weihnachten 2017 herum zu veröffentlichen. Erstmals bringen wollte er das neue Material in Las Vegas, da, „wo alle Showgeschäft-Tragödien ihr Ende finden“, wie er bissig-ironisch anmerkt. Aber im Drama-Dreieck von „Look Now“ nahm Costellos Label unerwartet die Rolle des Täters ein. Die Buchhalter der Plattenfirma fanden Costello auf einmal nicht mehr relevant, und der Deal platzte. Was tun?

Songideen bahnten sich ihre Wege in Costellos Bewusstsein. Zuerst waren da zwei kontrastierende Songs: das Richtung 60s-Soul gelagerte „Mr. & Mrs. Hush“, eine Fabel über eifersuchtsgetränkte Albträume, und „Dishonor The Stars“, ein mehrere Tempowechsel durchlaufendes Liebeslied.

„Die meisten neuen Songs beinhalten Perspektiven anderer Menschen“, beschreibt Costello „Look Now“ inhaltlich. „Ich fand es nicht interessant, Lieder zu schreiben, die davon erzählen, was mir in den vergangenen zwölf Monaten passiert ist. Mich interessiert, wie Menschen sich gegenseitig betrachten, sehen. Einfache Liebeslieder können andere besser komponieren als ich. Meine Songs brauchen unterschiedliche Perspektiven. Und das neue Album umfasst etliche Blickwinkel auf Menschen.“

Gemeinsam mit Burt Bacharach

Dabei arbeitete Costello mit seinem Freund Burt Bacharach zusammen. Die Ballade „Don’t Look Now“ beschreibt die Perspektive des Models eines Künstlers, das versucht, die Blicke des Malers zu entziffern. „Photographs Can Lie“, die zweite, mit Bacharach komponierte Piano-Ballade, erzählt von einer Tochter, die vom Fremdgehen eines einst geliebten Elternteils desillusioniert ist. „Burnt Sugar Is So Better“ beschwört einmal mehr 60s-Soul herauf, während „Under Lime“ eine ähnliche Fährte aufnimmt, aber die Orchestrierung einer Brass-Band als Überraschungsmoment enthält.

Am Ende des Albums sieht man sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wie um alles in der Welt diese wirklich schöne Pop-Platte von einem Label abgelehnt werden konnte. Costello selbst antwortet pointiert auf die Frage: „Wer sagt, dass Wörter und Noten nichts zählen, keine Bedeutungen haben und Gefühle irrelevant sind? Nur Zyniker und Dummköpfe denken so.“

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