Kurpark Classix: Ein letztes Knarren, dann Applaus

Kurpark Classix : Ein letztes Knarren, dann Applaus

Das silbrig lange Haar fällt wie ein Schleier über ihr Gesicht. Evelyn Glennie hat sich behutsam auf den Boden gekniet, nimmt mit den Bewegungen einer archaischen Priesterin zwei Stäbchen zur Hand und streicht über kurze Röhren – krrrack, krrrrack. Das Geräusch ist schmerzlich und unerwartet, das Publikum horcht auf. Die britische Percussionistin (54), Herrscherin über rund 1500 Schlaginstrumente, überhäuft mit Ehrendoktorwürden, ist Stargast bei der „Last Night“ im Rahmen der Kurpark Classix in Aachen.

Generalmusikdirektor Christopher Ward begrüßt die Künstlerin , eine Musikerin von Weltklasse, mit tiefem Respekt. Konzentration ist angesagt bei Dirigent und Orchester, denn das Werk „Der gerettete Alberich“ von Christopher Rouse, eigens für Evelyn Glennie komponiert, hat heftige Tücken.

Mit der Ouvertüre zu Richard Wagners „Lohengrin“ hatte Ward den Reigen der „Epischen Sagen“ zuvor eröffnet. Der Weg von „Hagen“, einem Opern-Schwerpunkt der neuen Spielzeit in Aachen, zum Zwerg Alberich und der unglücklichen Geschichte vom „Ring des Nibelungen“ ist nicht weit.

Entspannt betritt die Musikerin, die nur noch über 20 Prozent ihres Hörvermögens verfügt, die Bühne. Klänge und Vibrationen spürt sie durch und durch, agiert wie in Trance, hochmusikalisch und perfekt. Den Zuschauern erläutert sie in kurzen Worten den Weg des Zwergs vom Grollen über das Selbstmitleid bis zur scharfsinnigen Bosheit. All das hört man, wenn sie Pauken, Trommeln, Xylophon oder Marimba spielt. Die Aktionen der Musikerin verbinden sich magisch mit dem Gesamtklang. Höchste Konzentration herrscht im Orchester, das diese komplexe Gegenwartskomposition mit Bravour meistert. Dann ist Alberich am Boden zerstört, es knarrt ein letztes Mal. Der Applaus ist euphorisch.

Nach der Pause schwebt die Musik weiterhin durch Sagenwelten, zum Beispiel mit Beethovens Prometheus-Ouvertüre und dem mystischen „Schwan von Tuonela“, der auf einem schwarzem See die Toteninsel umschwimmt, still, schön und traurig – eine zarte Komposition von Jean Sibelius und eine gute Wahl für den Abend, der mit einer grandiosen Lichtregie von Thimo Kolonko und seinem Team zum Ereignis wird. Farb- und Lichtwechsel, aufsteigende, sich drehende Nebel, bewegte Formen nehmen Klänge auf und schaffen theatralische Räume bis hoch in die Streben des Bühnengerüstes. Für den Ausklang sorgen Griegs Peer Gynt Suiten Nr. 1 und Nr. 2. „Anitras Tanz“, „Solveigs Lied“, „In der Halle es Bergkönigs“ – all das wird feinsinnig und mit zahlreichen solistischen Facetten vom Orchester erzählt – „Epische Sagen“ eben. Festlich zum Abschluss das traditionelle Feuerwerk zu Händels Musik, prachtvoll gelungen, ein paar Momente zum Träumen.

Die Kurpark Classix endet am Montagabend mit dem ausverkauften Konzert von Mark Forster.

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