Agent mit der Gitarre: Ein besonderes Konzert von Kiefer Sutherland in Köln

Agent mit der Gitarre : Ein besonderes Konzert von Kiefer Sutherland in Köln

Kiefer Sutherland erzählt vom Pferd. Ganz offiziell. Und ganz real, ohne Übertreibung, nicht als Fake. Es geht um „Reckless“ im Speziellen, um Film und Musik im Allgemeinen und um ein Leben als Künstler im Besonderen.

Das mag auf den ersten Blick dann doch zu viel sein, erklärt sich aber ganz schnell – und ganz einfach.

„Reckless“ ist ein Pferd, Sutherlands Pferd. Denn der 52-Jährige ist nicht nur ein Star aus der kalifornischen Traumfabrik, er ist auch Rodeoreiter (gewesen). Und Musiker. Da schließt sich der Kreis. „Reckless & Me“ heißt das neue Album des Kanadiers, das er zurzeit rund um den Globus promotet. Meist mit kleinen Club-Gigs wie jüngst im Kölner Stadtgarten. Der Country-Mucker und sein Gaul, was für ein Klischee. Oder doch nicht?

Es ist ja irgendwie auch eine Mode, dass Schauspieler Musik machen. Mit durchaus unterschiedlichem Erfolg. Viele satteln dieses Pferd, um auch in diesem Genre auf der Erfolgswelle zu reiten. Oft wendet man sich mit Grausen, meist darf man es belächeln und sich wünschen: bitte Gitarre an den Nagel hängen und wieder Arztserien spielen. Das ist das kleinere Übel.

Auch bei Kiefer Sutherland stand die Schauspielerei lange an erster Stelle. Der Start – eine Mischung aus Zufall, Prägung und Vorsehung. Kein Artikel – also auch dieser nicht – wird von Kiefer Sutherland handeln, ohne zu schreiben: der Sohn des großen Donald Sutherland! Der ist eine Art Übervater. Ein Charakterschauspieler aus dem Bilder(Dreh-)buch. Als die Gondeln Trauer trugen, war Donald Sutherland prägende Figur, Ken Folletts „Die Nadel“ veredelte er ebenso wie die „Körperfresser“, um nur einige Beispiele zu nennen. Klar, dass der Sohn in die Fußstapfen tritt?

Mit dem Vater im Ferrari

So einfach ist das Leben dann doch nicht. Auch nicht mit einem solchen Nachnamen. Prägend für Kiefer Sutherlands Entwicklung war eigentlich seine Mutter Shirley Douglas. Die Eltern trennten sich, als Kiefer ein kleiner Junge war.

Er blieb bei der Mutter, ihre Schauspielkarriere, nicht das Vorbild des Vaters, war Ansporn für den Heranwachsenden, ebenfalls sein Glück auf Theaterbrettern und in Filmstudios zu suchen. Den Vater besuchte er gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester hin und wieder. Und bekam erst langsam ein Gespür dafür, dass Donald Sutherland schon die sprichwörtliche „große Nummer“ im Film-Business war. Immerhin kutschierte der Daddy die Sprösslinge im roten Ferrari durch die Gegend. Da merkt man schon: Das hier ist etwas anders als der Durchschnitt.

 Auch Kiefer Sutherland, der seine ersten Erfahrungen in der Theater-AG der Highschool sammelte, startete schließlich im Filmbusiness durch. Er markierte meist den Bösewicht, ein Enfant terrible in allen Lebenslagen. Dabei schien es immer nur aufwärts zu gehen. 1990 gilt als vorläufiger Zenit. „Flatliners“ machte aus Kiefer Sutherland endgültig einen internationalen Star. Schöner Schein.

Markanter Action-Held: Als Agent Jack Bauer kämpfte sich Kiefer Sutherland durch die US-Fernseserie „24“. Foto: imago/Cinema Publishers Collection

Und an dieser Stelle kommt „Reckless“ wieder langsam ins Spiel. Symbolisch. Sutherlands Leben hat extreme Brüche. Er blieb der Bösewicht, doch nach „Flatliners“ blieben auch die großen Rollen aus. Privat den „bad boy“ zu spielen, ist nicht ansatzweise so spaßig wie im Filmgeschäft. Fahren ohne Führerschein, Alkoholeskapaden – Sutherland musste seinen Wohnsitz auch einmal in den Knast verlegen. „Eigene Dummheit“, sagte er später. Der zwischenzeitliche Karriereknick machte aus ihm einen Countryman.

Er wurde Rodeoreiter und Pferdezüchter mit eigener Farm – irgendwie auch wieder klischeehaft. Aber man kauft ihm das ab, er hat die Urwüchsigkeit, dieses Amerikanische im besten Sinne. Dass Musik dazu gehört, bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung. Es ist klassische amerikanische Folklore, Countrymusik in der Tradition eines Johnny Cash oder Willie Nelson, weitab von der Trucker-Idylle, die Country-Mucker – Stichwort 30-Tonner-Diesel – in Europa so gerne (und so schlecht) verkörpern.

Musik hat Sutherland immer begleitet, aber sie wurde in der öffentlichen Wahrnehmung lange durch die Schauspielerei überlagert, die musikalische Leidenschaft blieb – vorerst – eher privat. Auch, weil Sutherland in der Rolle des Agenten Jack Bauer dann doch wieder durchstartete. Die Fox-Serie war der Turbo in seiner Karriere. Als amerikanischer Präsident Thomas Kirkman prägte er dann die Serie „Designated Survivor“. Ein smarter, stets leise sprechender, besonnen agierender Politiker, der unfreiwillig zum mächtigsten Mann der Welt wird. Das hat so gar nichts mit dem Bösewicht zu tun, den Sutherland sonst beruflich und bisweilen privat gegeben hat. Und doch kauft man ihm auch diese Rolle ab. Die Serie wurde ein Megaseller.

Ein Geschichtenerzähler

Und „Reckless“? Vergessen die Rodeo-Zeit, das unstete Leben, die Urwüchsigkeit? Das private Auf und Ab, die Brüche? Im Gegenteil. All das blieb prägend in Sutherlands Leben. Er verarbeitet das meiste in seinen Songs. „Ich habe immer Musik gemacht, ich werde das immer tun“, bekennt der 52-Jährige. Musik sei die eine Seite, Schauspielerei die andere. Sutherland geht es in beiden Genres ums Geschichtenerzählen. Beides will er nicht aufgeben. Es geht um – „Reckless & Me“.

Wie nah Klischee und Authentizität beieinander sein können, zeigt sich an jenem Abend im April im Stadtgarten, einem angesagten Kulturzentrum in der Kölner Innenstadt. Eines von nur zwei Konzerten, in denen Kiefer Sutherland in überschaubarem Rahmen seine neue CD vorstellt, steht an. Das Album „Down In A Hole“ hat vor drei Jahren schon mächtig für Furore gesorgt, „Reckless & Me“ soll – und wird wohl auch – daran anknüpfen.

Knapp 300 Menschen finden im Stadtgarten Platz, manche, wie – nur zum Beispiel – Sandy (43) und Jessica (33), sind eigens aus Berlin angereist. „Fast wie ein Traum, dass wir Tickets ergattern konnten“, sagen sie. Der Raum ist in dunkles, rotes Licht getaucht, die Bühne spärlich möbliert. Man würde sagen: mit dem Nötigsten. Links ein Beistelltischchen, auf dem zwei Flaschen Whiskey stehen – später wird Kiefer Sutherland sagen, er habe wohl die Hälfte seiner Songs über Hochprozentiges geschrieben. In der Mitte der Bühne ein Stuhl mit gedrechselter Lehne, daneben ein weiterer Tisch – Abstellfläche für Sutherlands Whiskey-Glas – ja, es lebe das Klischee. Der Rest: Eine Sammlung feinster Gitarren, ein Mini-Drumset, ein Keyboard, ein Kontrabass. Die Bühne ist bereitet für einen Auftritt der wirklich besonderen Art.

Kiefer Sutherland singt seine Country-Songs, er begleitet sich auf der Akustik-Gitarre und lässt seine exzellente Band einen groovigen Soundteppich bereiten. Aber vor allem: Er erzählt und erzählt und erzählt. Aus seinem Leben, das den Songs den Stoff liefert. Von der Familie, der Liebe zu seiner Mutter und seiner Schwester, von seiner Tochter, von – natürlich – Rodeo, Pferden und Whiskey, aber vor allem von Liebe, Verlust, Hoffnung. Da ist er dann ganz offensichtlich, der schmale Grat zwischen Plattitüde und Herz. Sutherland meistert ihn mit Bravour! Dann schickt er die Band vor der Zugabe von der Bühne und nimmt sich Zeit, mit dem Publikum zu plaudern. Geduldig beantwortet er jede Frage, er ist empathisch, humorvoll, spontan.

Ein smarter „Bösewicht“ durch und durch. Irgendwie ein Kumpel von nebenan. Vielleicht aus Ehrenfeld und nicht aus dem kanadischen Saskatchewan.  Mit Dylans „Knockin’ on Heaven’s Door“ beendet Sutherland das Konzert, ein kurzer Gruß mit dem – mittlerweile leeren – Whiskeyglas in die Runde, und weg ist der so bescheiden wirkende Megastar. Fast hat man das Gefühl, Sutherland würde draußen sein Pferd satteln und durch das Kölner Abendrot gen Santa Fe reiten. Aber an der Venloer Straße steht nur ein schnöder Tourbus, der ihn samt Begleittross durch Europa kutschieren wird. Zu viel Country wäre auch schlecht.

Mehr Sutherland gibt es am 9. Oktober im Kölner Club Kantine. Mit „Reckless“ im Gepäck, also der neuen CD – nicht dem Pferd ...

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