„Die Großherzogin von Gerolstein“ am Theater Aachen

Knallig, bonbonbunt und politisch : „Die Großherzogin von Gerolstein“ am Theater Aachen

Joan Anton Rechi inszeniert zum fünften Mal am Theater Aachen. Dann wird’s wohl wieder amüsant! Diesmal mit der satirischen Offenbach-Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“. Am Sonntag ist Premiere.

Pink ist Trumpf bei der flotten Fürstin des Fantasiestaates Gerolstein, der mit Sprudel so gar nichts zu tun hat! Madame hat es gern knallig, bonbonbunt und spaßig – das überdeckt ihre realen Feinde: Tristesse und Frust. Mit der Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ („La Grande-Duchesse de Gérolstein“) brachte Jacques Offenbach zur Weltausstellung 1867 in Paris ein explosives Werk auf die Bühne: beißende Kritik an militärischer Protzerei und gedankenlosen Befehlsempfängern sowie Willkür und Machtmissbrauch der Herrschenden. All das wird mit flotter Musik, turbulenten Aktionen und opulenter Ausstattung maskiert.

„Das ist das Raffinierte an diesem Werk“, betont Regisseur Joan Anton Rechi, der die Operette am Aachener Theater mit Irina Popova in der Titelpartie inszeniert. Zuletzt hat er dort Mozarts Oper „Don Giovanni“ auf die Bühne gebracht. Rechi, 1968 in Andorra geboren, wo er auch noch seinen Wohnsitz hat, ist auf der ganzen Welt zu Hause und liebt den Genrewechsel. Diesmal ist es eine Operette – aber eben nicht irgendeine. „Das ist ein höchst politisches Werk, mit dem sich Offenbach nach vorn gewagt hat, immerhin schaute bei der Weltausstellung ein internationales Publikum zu, das sich vermutlich nicht nur amüsierte“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Einige Passagen sind danach von der Zensur verboten worden.“

Rechi inszeniere gern in Deutschland. „Man hat so viele Auswahlmöglichkeiten, und man darf wirklich frei ausdrücken, was man denkt und fühlt.“ Zum fünften Mal ist Rechi Gast im Theater Aachen. „Die Produktionszeiten zusammengerechnet, ergibt das ein Jahr meines Lebens“, betont er. Katalanisch, Spanisch, Französisch, Englisch – der Theatermann ist vielsprachig unterwegs. Zu Aachen und Karl dem Großen gibt es eine spezielle Verbindung. In der Nationalhymne seines Landes, die er prompt zitieren kann, wird der Franke erwähnt: „El gran Carlemany, mon Pare, dels àrabs em deslliurà“, heißt es da. „Der große Karl der Große, mein Vater, befreite mich von den Arabern“ – der Text nimmt Bezug auf die Legende, wonach Karl Andorra als Dank für die Hilfe seiner Einwohner beim Kampf gegen die Mauren im Jahr 788 gegründet habe. Freiheit ist gleichfalls Rechi wichtig. Umso mehr bewundert er Offenbachs beißende Satire – und das in einer Operette.

„Was da so heiter und mit großartiger Musik auf die Bühne kommt, ist bei genauerem Hinsehen massive Kritik“, sagt er. „Leichte Musik und unterschwellige Frivolität transportieren Sarkasmus und tiefgründige Themen. Ein General Bumm soll Krieg führen, aber es ist ihm egal, warum“, sagt Rechi. „Eine Fürstin soll mit diesem Kriegsspiel unterhalten werden, weil sie sich langweilt, das ist doch unglaublich.“

Gefährlich verzogene Großherzogin

Dem Regisseur ist neben dem militärischen Aspekt auch die gesellschaftliche Situation im Stück wichtig. „Leute mit Macht und Reichtum behandeln andere wie Spielzeug, das sie wegwerfen können, wenn es langweilig wird, sie haben etwas Unmenschliches an sich“, beschreibt er die titelgebende Herzogin als gefährlich verzogene Fürstin, der niemand je Grenzen gesetzt hat und die genau genommen sehr einsam ist. Sie lässt den Soldaten Fritz, das Objekt ihrer Begierde, einfach fallen, als es kompliziert wird, und stimmt sogar einem Mordkomplott zu. Fritz will nicht so wie sie, das reicht.

„Dieses Verhalten kann man locker mit der Finanzkrise 2007 in den USA vergleichen, als ein paar Leute durch die Verschieberei von Geldern unter anderem den Immobilienmarkt kaputtgemacht haben“, meint Rechi. „Der Kollateralschaden, die Tatsache, dass sie vielen Leuten schwer geschadet haben, war denen egal.“

Sarkasmus in der Musik? Unbedingt. „Das ist bei Offenbach das Größte, die Kombination von Satire mit vordergründig leichter Unterhaltung, das schafft er immer wieder. Er kannte sich in Psychologie gut aus.“

Gesungen wird in Aachen die Urfassung in französischer Sprache (mit Übertiteln), Dialoge sprechen die Darsteller auf Deutsch. Für den Regisseur bleibt „Die Großherzogin von Gerolstein“ aktuell: „Es gibt weiterhin Kriege, Leute, die sich alles und noch mehr leisten können, während andere zu kurz kommen“, sagt er.

„Im Spanischen sprechen wir von ,mala leche‘, saurer Milch, wenn unter einer intakt anmutenden Oberfläche etwas wirklich Übles steckt.“ Den letzten Satz der Herzogin – „Wenn du nicht hast, was du liebst, musst du lieben, was du hast“ – nimmt Rechi ernst. „Ich denke, nach kurzer Zeit findet sie ein neues Spielzeug!“

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