Musical: Dem Krieg, dem Tod, der Freiheit so nah

Musical : Dem Krieg, dem Tod, der Freiheit so nah

Zuckend vor Schmerzen robben Berger (Jake Quickenden), Hud (Marcus Collins) und ihre Freunde auf dem Bauch Richtung Bühnenrand. Näher und näher und immer näher. Humor und Horror sind kein Widerspruch: „Hair“ in Köln ist eine gelungene Hommage an das Original von 1968.

Nebel umwallt die Hauptfiguren wie Giftgas, das Surren und Knattern der Hubschrauber dröhnt in den Ohren. Hilfe suchend strecken sie ihre Arme aus. Für die in der ersten Reihe muss das ziemlich erschreckend sein. Dem Krieg, dem Sterben und dem Tod so nah, bis auf wenige Zentimeter heran gezoomt an die eigenen Köpfe. Aber auch für diejenigen, die bei der Premiere von „Hair – The Musical“ in der Kölner Philharmonie weiter weg sitzen, gerät das Gastspiel im Rahmen des 32. Kölner Sommerfestivals zum packenden Erlebnis, zur emotionalen Achterbahnfahrt.

Noch bis Sonntag ist die Jubiläumsproduktion – 1968 wurde das Bühnenstück erstmals im Londoner Westend gezeigt und 2018 dort neu in Szene gesetzt – zu sehen. „Hair“ spielt während des Vietnamkriegs, in den USA der 1960er, wo eine Gruppe von Hippies wie Berger und Hud sich dem pro-militaristischen Establishment entgegenstellt: „Make love, not war“. Freie Meinung, freie Liebe, freie Drogen.

Überzeugend in jeder Szene

Mit ihren tollen Stimmen können nicht nur Hauptdarsteller wie Quickenden als Chef-Hippie Berger in Flokati-Weste überzeugen. Auch die Rockröhre von Aiesha Pease (Dionne) und die Belcanto-Triller von Natalie Green (Cassie) sind köstlich. Für optisch regenbogenbunte Flower-Power sorgen Bühnenbild und Kostüme von Maeve Black. Die gelungene Hommage ans Original von 1968, in der Humor und Horror keinen Widerspruch darstellen, überzeugt in jeder Szene. Egal, ob sich, wie eingangs beschrieben, das Grauen von Vietnam visualisiert, ein Drogentrip quer durch die US-Historie führt oder Einzelschicksale in den Mittelpunkt gestellt werden.

Wie das der schwangeren Jeanie (Alison Arnopp), die für ihr Kind keinen Vater hat und sich in den falschen Mann verliebt. Oder das von Woof (Bradley Judge), der schwul ist und Mick Jagger anbetet. Der Gastauftritt der US-amerikanischen Ethnologin Margaret Mead (Dance-Captain Tom Bales) wird in dieser Reihe zum Glanzpunkt. Auch die renommierte Sex-Forscherin verfällt dem Reiz der langen Haare und dem ihrer rebellischen Träger.

„Hair – The Musical“, auf Englisch (ohne Übersetzung), bis 4. 8., Philharmonie Köln, Bischofsgartenstr. 1. Vorstellungen: Do. und Fr., 20 Uhr, Sa. 15 und 20 Uhr, So. 14 und 19 Uhr, Dauer: 135 Minuten (inklusive Pause). Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses. Infos: www.koelnersommerfestival.de

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