Clara Schumann gilt als berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts

Viel mehr als die Frau von Robert : Clara Schumann gilt als berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts

Clara Schumann gilt als berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts. Sie war auch Komponistin, Unternehmerin, Professorin – und Mutter von acht Kindern. Eine Würdigung zum 200. Geburtstag.

„Das Mädchen hat mehr Kraft als sechs Knaben zusammen!“ Das sagte niemand Geringerer als der 81-jährige Goethe, als ihm eine Zwölfjährige aus Leipzig auf dem Klavier vorspielte. Die Rede ist von Clara Josephine Wieck, die nur neun Jahre später nach kräftezehrenden Auseinandersetzungen mit dem Vater gerichtlich die Erlaubnis durchsetzen musste und konnte, den damals völlig unbekannten Musikus Robert Schumann heiraten zu dürfen und seitdem unter dem Namen Clara Schumann Musikgeschichte der besonderen Art geschrieben hat.

Vor 200 Jahren, am 13. September 1819, ist Clara Schumann in Leipzig geboren. Den Namen kennt fast jeder, die meisten freilich nur in ihrer Eigenschaft als Gattin und Witwe Robert Schumanns. Es ist bezeichnend, dass in den mindestens vier Spielfilmen und etlichen Theaterstücken, die sich mit ihrem Leben befassen, ihre Liebe zu Robert Schumann im Mittelpunkt steht. Als eigene Persönlichkeit wurde sie nur selten wahr- und ernst genommen. Dabei war sie der Star der Familie, auch wenn die Abbildungen des Ehepaars den dominierenden Mann neben der stets sitzenden Gattin präsentieren.

Clara brauchte in der Tat die ihr von Goethe attestierte Kraft: als Tochter eines ehrgeizigen Vaters, als Ehefrau eines zwar lieben, aber psychisch schwierigen und letztlich schwer kranken und früh verstorbenen Gatten und als Witwe mit sieben Kindern, die ihren Mann alleinstehend 40 Jahre überlebt hat. Sie brauchte Kraft für ihre Karriere als berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts und noch mehr Energie, sich als Komponistin Gehör verschaffen zu können. Und sie brauchte Kraft für mindestens zehn Schwangerschaften (acht Kinder brachte sie zur Welt, aber Söhnchen Emil starb 1847 mit nur 16 Monaten) sowie für ausgedehnte Konzerttourneen.

Der eigentliche Star war sie: Aber auf Abbildungen des Ehepaars wird Clara Schumann stets sitzend gezeigt, während ihr Mann Robert in dominierender Pose am Klavier steht. Foto: imago/United Archives International/imago stock&people

Sie nahm kein Blatt vor den Mund

Ein Püppchen war sie nie. Auch als kleines Mädchen und Teenager nicht. Das bekam selbst ihr dominanter Vater zu spüren. Und wenn sie künstlerisch etwas an den Kompositionen ihres Mannes auszusetzen hatte, nahm sie kein Blatt vor den Mund. Sie machte sich lustig über die männlichen Memmen, die bei abenteuerlichen Kutschfahrten schlapp machten. Oder sie legte sich mit Konzertveranstaltern an, wenn sie auf mangelhaften Klavieren spielen sollte.

Im Fokus ihrer Kindheit stand ihr dominanter Vater, Friedrich Wieck, der in der Musikgeschichte gar nicht gut davonkommt. Als Musiklehrer erkannte er früh Claras Talent und förderte es mit damals durchaus fortschrittlichen Lehrmethoden, indem er eine Art ganzheitliche musikalische Förderung anstrebte – allerdings mit einer genauen Planung der Karriere. Ganzheitlich bedeutete für Vater Wieck, dass nicht seelenlos die manuellen Fertigkeiten am Klavier geübt und stundenlang geistlos Tonleitern rauf- und runtergedroschen werden, sondern alles im Dienst des persönlichen Ausdrucks absolviert werden sollte.

Von Claras Mutter hört man dagegen so gut wie gar nichts. Selbst eine konzertreife Pianistin, managte sie das Geschäft und den Haushalt ihres Gatten mit Musikalienhandlung, fünf Kindern, Unterrichtsstunden und Konzertauftritten souverän. Nach acht Jahren hatte sie jedoch die Nase voll von den cholerischen Anfällen und der Respektlosigkeit ihres Mannes, reichte selbstbewusst die Scheidung ein und heiratete später einen ihr nahestehenden Musiklehrer, der jedoch unter psychischen Problemen litt und früh starb.

Vieles aus dieser Charakterisierung könnte man eins zu eins auf Clara übertragen. Eine vielfach begabte, offenbar mit grenzenloser Energie ausgestattete Frau, die aber konsequent Grenzen zog, wenn sie sich in ihrer Persönlichkeit zu stark eingeengt fühlte.

Dass Clara die Beschwernisse ihrer vielen Aufgaben stärker belasteten, als sie erkennen ließ, kann man in vielen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen erkennen. Es ist auffällig, dass das an sich lebhafte Kind erst mit vier Jahren zu sprechen begann und sich lange Zeit, wie sie später bekannte, nur in der Umgebung von Katzen wohlfühlte.

Aber sie hatte das Talent, bei öffentlichen Auftritten über sich hinauswachsen zu können. Je größer das Publikum, um so schneller vergaß sie Müdigkeit, Sorgen oder gesundheitliche Probleme. Damit hat sie inmitten von Aufgaben und Problemen als Mutter, Ehefrau und Witwe 63 Auslandstourneen und unzählige Einzelkonzerte durchstehen können.

Der Vater plante die Karriere seiner Tochter generalstabsmäßig, und ab ihrem elften Lebensjahr bestimmten mehrmonatige Tourneen durch Deutschland und nach Paris Claras Leben. Bereits in dieser ganz frühen Phase komponierte sie eifrig. Zunächst Virtuosen- und Salonstückchen, wie man sie von einem angehenden Klavierstar erwartete. Es ist interessant, wie klug sie ihre Konzertprogramme weiterentwickelte. Sie verknüpfte die „Zirkusstücke“ allmählich mit anspruchsvollen Werken von Bach und Beethoven, was damals nicht üblich war. Und noch später wagte sie es auch, die unbekannten, extrem schwierigen, aber alles andere als auf äußeren Effekt ausgerichteten Werke ihres Gatten Robert und später die von Johannes Brahms aufzuführen. Sie war lange Zeit die einzige Pianistin, die Schumanns geniale Werke überhaupt öffentlich aufgeführt hat.

Als Komponistin ist sie nach dem Tod ihres Mannes völlig zurückgetreten. Eins ihrer Schlüsselwerke ist ihr einziges Klavierkonzert in a-Moll, das sie im Alter von 14 Jahren zu komponieren begann und zwei Jahre später im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung von niemand Geringerem als Felix Mendelssohn Bartholdy uraufführte.

Und wie kam nun Robert Schumann in das Leben der hoffnungsvollen Musikerin? Sie lernten sich 1830 kennen. Da war Robert 20 und Clara elf Jahre alt. Robert wohnte ein Jahr lang bei den Wiecks, um Klavierunterricht bei Claras Vater zu nehmen. Zu einer Annäherung kam es, als sie 16 Jahre war. Es war eine ebenso leidenschaftliche wie vom Argwohn ihres Vaters bestimmte Beziehung. Dieser unternahm alles, um die Liaison zu verhindern. Das klingt hart, aber ein wenig Verständnis verdient Vater Wiecks Haltung schon.

Hier Clara Wieck: eine in Europa berühmte und gut bezahlte Pianistin, die an den Kaiser-, Königs- und Zarenhöfen Europas Aufsehen erregte, an der Schwelle zu einer großen internationalen Karriere stehend. Dort Robert Schumann: ein völlig unbekannter Komponist, dem durch eine Sehnenverletzung eine Pianistenkarriere verwehrt geblieben ist. Ein weltfremder Fantast, der von Vater Wieck wegen erotischer Techtelmechtel des Hauses verwiesen wurde und auf Wunsch seiner Mutter ein Jahr in Heidelberg Jura studierte, sich mit Trink- und Spielgelagen vergnügte, zudem eine Syphilis-Infektion zuzog und lediglich als Herausgeber der „Neuen Musikzeitung“ einer regelmäßigen, aber alles andere als regelmäßig bezahlten Arbeit nachging.

Doch mit welch brachialer Gewalt Vater Wieck die Verbindung durchkreuzen wollte, ist schon unheimlich. Er organisierte für Clara eine Konzertreise nach der anderen, um den Kontakt monatelang zu unterbinden. Er entzog ihr Tinte, Schreibtisch und Stuhl, damit sie ihrem Geliebten nicht heimlich schreiben konnte.

Die Konflikte eskalierten, als die beiden jungen Leute mit der Ehe Ernst machten und vor Gericht zogen, um heiraten zu können. Der Prozess wurde 1840 gewonnen, und Robert komponierte wie befreit an die 140 Lieder, so dass dieses Jahr als Schumanns „Liederjahr“ in die Musikgeschichte eingegangen ist. Und Lieder gehörten auch zur Domäne von Clara.

Allerdings stellten sich rasch finanzielle Probleme ein. Robert verdiente fast nichts. Und Vater Wieck blockierte den Zugriff auf das durch Claras Konzerttätigkeit beträchtlich angewachsene Vermögen. Zudem wurde Clara gleich im ersten Jahr schwanger, musste aber weiter konzertieren. Es kam zu etlichen Umzügen, nach Dresden, Berlin und letztlich Düsseldorf, wo Robert als Musikdirektor eine feste Anstellung erhielt, der er sich aber nicht gewachsen fühlte.

Ein Sprung in den Rhein

Das Ganze verschärfte sich durch seine psychischen Probleme mit langen depressiven Phasen. Die Probleme eskalierten 1853, als er am Rosenmontag in den eiskalten Rhein sprang und nach seiner Rettung in die Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich kam, wo er die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte und, im Endstadium der Syphilis, in völligem Wahnsinn mit 46 starb.

In den drei besonders schweren Jahren bis zu Roberts Tod stand Clara ein 14 Jahre jüngerer Mann zur Seite, der ein Jahr vor Roberts Zusammenbruch bei den Schumanns an deren Düsseldorfer Wohnung geklingelt hatte und sich als unbekannter Musiker Unterstützung erhoffte. Es war Johannes Brahms. Er und die ganze Schumann-Familie verstanden sich auf Anhieb. Robert war von den wenigen Stücken, die Brahms bisher komponiert hatte, so begeistert, dass er ihn in seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ als Berufenen gepriesen hat, die Musik nach Beethoven in die Zukunft führen zu können.

Nach dem Tod Roberts bot der 23-jährige Brahms der Witwe an, sie zu heiraten. Aber von der Ehe wollte Clara nichts mehr wissen. Sie verbrachte die restlichen 40 Lebensjahre alleinstehend, und auch Brahms blieb ehelos. Nach Claras Tod 1896 bekannte er, sie sei die einzige Frau gewesen, die er wirklich von ganzem Herzen geliebt habe. Nur ein Jahr nach ihr ist auch er gestorben.

Der Tod Roberts hatte für die Kinder dramatische Folgen. Die Familie brach auseinander. Clara konzertierte unermüdlich und war in der Regel zehn Monate im Jahr auf Reisen. Die meisten Kinder gab sie in die Obhut von Verwandten oder Internaten. Dabei gingen die Töchter wesentlich robuster mit ihren schwierigen Lebensumständen um als die Söhne mit ihren meist unglücklich verlaufenen Biografien.

Mit starken rheumatischen Beschwerden hatte Clara später zu kämpfen, so dass sie im Alter von 71 Jahren das öffentliche Konzertieren einstellte und sich in Frankfurt am Main auf ihre Dozentenstelle an Dr. Hoch‘s Konservatorium konzentrierte – als erste Professorin an einer deutschen Musikhochschule überhaupt. Am 26. März 1896 erlitt Clara Schumann einen Schlaganfall, und wenige Monate später starb sie mit 76 Jahren. Ihrem Wunsch gemäß wurde sie in Bonn auf dem Alten Friedhof neben ihrem Mann beigesetzt. Eine kleine Gedenktafel in der Myliusstraße 32 in Frankfurt am Main erinnert an ihre letzte Wirkungsstätte.

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