Bodo Wartke: „Die Lieder da singen, wo sie hingehören“

Klavierkabarettist Bodo Wartke im Interview : „Die Lieder da singen, wo sie hingehören“

Bodo Wartke gilt als einer der profiliertesten Klavierkabarettisten Deutschlands. Im Interview erzählt er, welche Themen ihn bewegen und wie er ans Liederschreiben rangeht.

Mit Liedern wie „Meine neue Freundin“ über die Tochter eines Schönheitschirurgen, „Ja, Schatz“ über einen Mann, der sich vorstellt, seine Frau zu töten, oder „Liebeslied“, das er in allen Sprachen singen kann, wurde Bodo Wartke bekannt. Mittlerweile sind seine Songs ernster und politischer geworden – er singt von Klimaschutz, von Außen- und Innenpolitik. Mit dem Lied „Christine“ über seine verstorbene Schwester hat er viele Menschen berührt. Auf einer Veranstaltung des Kinderhospizvereins, bei der er unter anderem dieses Stück präsentierte, hat Benjamin Wirtz mit ihm gesprochen – über Tod und Trauer, den Hambacher Forst und religiösen Fanatismus.

Herr Wartke, es scheint, als wären Ihre Lieder in den letzten Jahren ernster geworden. Stimmt der Eindruck?

Bodo Wartke: Ja, vor allem politischer und gesellschaftskritischer, das stimmt. Der Schwerpunkt hat sich verlagert. Ernste Songs hat es früher auch schon gegeben, aber nicht in diesem Ausmaß.

Ist das bewusst passiert?

Wartke: Ich schreibe immer das Lied, das gerade dran ist. Über das Thema, das mich gerade bewegt. Und das kann Liebeskummer sein oder der Tod meiner verstorbenen Schwester. Oder eben der Klimawandel oder die aktuelle politische Weltlage. Ich kann es selbst nicht voraussehen.

Wie gehen Sie ans Liederschreiben ran? Schreiben Sie erst den Text oder die Melodie?

Wartke: Mal so, mal so, tatsächlich. Es kann sein, dass es mit einem Reim oder einer Zeile anfängt. Oder ich habe eine Melodie im Kopf und frage mich, welcher Text dazu passen könnte. Oder mir begegnet ein Thema, über das ich gerne ein Lied schreiben würde und dann fehlen mir aber noch die Worte. Wichtig ist das Resultat, dass am Ende ein Lied dasteht, bei dem sich Text und Musik gegenseitig bedingen und Sinn ergeben.

Mit einem Thema meinen Sie so etwas wie den Hambacher Forst, über dessen Rodung Sie einen Protestsong geschrieben haben?

Wartke: Genau, beim Hambacher Wald war das zum Beispiel so, dass ich darüber ein Lied schreiben wollte und auch hingefahren bin, um zu wissen, worum es da geht. Ich hab mir das Wissen angeeignet, das nötig war, um dieses Lied schreiben zu können. Und sobald ich weiß, was ich sagen will, ist es kein Problem, es in Reimform zu bringen – das ist Handwerk, das kann ich ganz gut. Aber der schwierigere Teil des Prozesses ist, herauszufinden, was ich erzählen will.

Wie kam es, dass Sie auf den Hambacher Forst aufmerksam wurden? Sie wohnen schließlich in Berlin, das ist ja etwas entfernt.

Wartke: Freunde von mir leben in der Region. Für die ist das natürlich schon länger ein Thema. Sie haben mit mir schon darüber gesprochen, als das noch gar nicht so im gesamtöffentlichen Bewusstsein angekommen war.

Wann haben Sie gesagt, da mache ich ein Lied draus?

Wartke: Als ich hingefahren bin und mir das angeguckt habe. Als ich vor Mordor stand und dachte: Das kann doch nicht wahr sein, die machen das hier wirklich. Ich habe an einem Waldspaziergang teilgenommen, um das alles mal kennenzulernen. Und etwas später war ich wieder da und bin im Wald aufgetreten. Wir sind mit einem E-Flügel, den wir in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Hänger geladen haben, dahingefahren.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Wartke: Naja, die Lieder da singen, wo sie hingehören – das finde ich einen guten Ansatz. Welcher Ort wäre besser geeignet als der Wald selbst?

Ihr Lied „Christine“ über Ihre verstorbene Schwester ist ein sehr persönliches Lied. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, das zu schreiben?

Wartke: Am Anfang stand diese frappierende Erkenntnis, mit der das Lied auch endet, dass ich kein Einzelkind bin, sondern eine Schwester habe, die aber nicht mehr lebt. Im Lied kulminiert das in den Worten: „Sie ist zwar nicht mehr hier, aber sie ist noch da.“ Und als mir das klargeworden ist, habe ich mich nicht mehr so einsam gefühlt. Zu realisieren, ich bin kein Einzelkind, war eine ganz wichtige und tröstliche Erkenntnis für mich.

Bei solch persönlichen Liedern macht man sich ja immer ein Stück weit angreifbar, weil man etwas von sich preisgibt. Ist es schwieriger, ein solches Lied vorzutragen, als ein lustiges wie etwa „Meine neue Freundin“?

Wartke: Da geht’s ja um was ganz anderes. „Meine neue Freundin“ hat ja trotz allen Klamauks und aller Komik ein ernstes Ansinnen: Gesellschaftskritik an dem Schönheitswahn, an der Oberflächlichkeit der Medien und auch am Schlankheitswahn. „Christine“ hingegen ist ein sehr persönliches Lied, aber eines, das viele Menschen – gerade die, die etwas Ähnliches erlebt haben – auch auf sich selbst beziehen können. Dadurch ist es kein Seelenstriptease, den ich da hinlege, sondern ich teile etwas mit dem Publikum, nämlich die tröstliche Erkenntnis, die am Ende dieses Liedes steht.

Wie reagiert das Publikum darauf?

Wartke: Für die Menschen ist es – das ist so das Feedback, das ich bekommen habe – auch sehr tröstlich, zu realisieren, sie sind nicht allein. Da hat jemand etwas ganz Ähnliches erlebt und dem eine schöne Form gegeben, nämlich ein Lied darüber geschrieben. Der Umgang mit Tod ist schwierig in unserer Kultur.

Inwiefern?

Wartke: Es wird häufig versucht, das Thema von uns fernzuhalten. Und dadurch sind viele Menschen sehr hilflos, wenn im Freundes- und Bekanntenkreis ein Kind stirbt, – und geben dann gut gemeinte Ratschläge wie: „Na ja, ihr könnt ja ein Neues machen“. Und das ist so das Falscheste, was man sagen kann. Ich fand vor allem schön, wenn Leute mir gesagt haben, dass sie sich durch dieses Lied gesehen, verstanden und umarmt fühlten. Das ist eigentlich das schönste Kompliment, das man bekommen kann.

Tut es auch Ihnen gut, diese Erfahrung musikalisch zu verarbeiten?

Wartke: Ja, mir hilft es, erfahrenes Leid in Liedform zu verarbeiten, also salopp gesagt: die Scheiße in etwas Schönes zu verwandeln. Dadurch wird das Leid nicht kleiner, das ich erlebt habe, aber ich blicke mit anderen Augen drauf.

Wie haben ihre Eltern auf das Lied reagiert?

Wartke: Die finden das super. Das interessante ist, dass ich erst viel später als meine Eltern in der Lage war, um meine Schwester zu trauern. Ich bin größtenteils bei meiner Mutter aufgewachsen, und war als Kind in die Rolle gedrängt worden, meine Mutter trösten zu müssen, was schwer möglich ist für einen kleinen Jungen. Bis ich dann viele Jahre später erst, als ich schon lange erwachsen und aus dem Haus war, das erste Mal selbst um meine Schwester trauern konnte. Und da war es das erste Mal umgekehrt: dass meine Mutter versucht hat, mich zu trösten. Das aktiv trauern Können, das hat sich gut angefühlt. Das Gefühl zu erleben und nicht länger wegzudrücken.

Lassen Sie sich so ein Lied von Ihren Eltern absegnen, bevor Sie es veröffentlichen?

Wartke: Nein. Sie waren aber die ersten, die es gehört haben. Ich habe den ersten Premaster der CD, bevor sie erschienen ist, meiner Mutter geschenkt, dass sie das Lied vor der Veröffentlichung hören konnte. Aber für mich stand völlig außer Frage, dass das so, wie ich das geschrieben habe, veröffentlicht wird.

Sie unterstellen Ihrem Vater im Lied „Dickköpfigkeit“. Was hat er dazu gesagt?

Wartke: Das fand er nicht so gut. Für ihn ist das Wort negativ konnotiert. Das ist es für mich aber nicht. Für mich ist Dickköpfigkeit unter Umständen auch eine positive Eigenschaft. Doch da ich gemerkt habe, dass er etwas anderes aus diesem Wort liest, singe ich immer, wenn er das Lied live hört, „Durchsetzungskraft“ anstelle von „Dickköpfigkeit“.

Manche Promis treten lieber nicht im Zusammenhang mit dem Kinderhospizverein auf, etwa mancher Comedian, weil sie um ihr Image fürchten. Hatten Sie Bedenken, bei einer Veranstaltung des Kinderhospizvereins aufzutreten?

Wartke: Nein. Die Menschen, die mich angefragt haben, hatten sehr konkrete Wünsche. Und ich habe sie komplett erfüllt. Ich war auch bei jedem Lied der Meinung, das passt rein. Und „Christine“ ist da an erster Stelle. Das, worum es hier geht, ist Thema eines meiner Lieder. Deswegen habe ich mit Kusshand zugesagt.

Es gab nach Ihrem Auftritt Standing Ovations im Saal. Haben Sie mit solch einer Reaktion gerechnet?

Wartke: Man weiß vorher nie, ob man gut ankommt, wenn man vor einem Publikum auftritt, das einen gar nicht kennt und auch aus anderen Gründen da ist. Ich war sehr gerührt, selbst zu erleben, dass jedes Lied gut ankam – die lustigen wie auch die ernsten, kritischen und zu Herzen gehenden Lieder.

Gerade nach dem Lied „Christine“ hatten viele Tränen in den Augen...

Wartke: Ja, das ist für alle hier ein Thema, sonst wären die ja nicht hier. Sei es der Verlust eines eigenen Kindes oder in der täglichen Arbeit in Kinderhospizen. Auch hier gilt: die Lieder dort singen, wo sie hingehören. Ich glaube, dass das Lied „Christine“ hier genau am richtigen Platz ist.

Sie haben das Lied auch einmal auf einem Friedhof gesungen?

Wartke: Genau, auf dem Waldfriedhof in Bergisch Gladbach, wo der Tod gefeiert wird. Da wird versucht, ein anderes positives Bewusstsein für den Tod zu vermitteln. Das war ein sehr besonderer Ort. Allein die Tatsache, dass da Konzerte stattfinden, find ich schon mal super. Wo sonst gibt es das auf einem Friedhof?

Ihr Lied „Nicht in meinem Namen“ handelt von religiösem Fanatismus. Wieso haben Sie sich entschieden, dieses Lied zu schreiben?

Wartke: Weil mich das so sehr aufgeregt hat und immer noch aufregt, dass Menschen die schlimmsten Verbrechen begehen und das dann ihrem jeweiligen Gott in die Schuhe schieben und damit Religion in Verruf bringen. Denn ich bin der Meinung: Religion ist das, was man daraus macht. Man kann etwas Gutes oder eben leider etwas Schlechtes daraus machen. Die ursprüngliche Idee jeder Religion ist eigentlich eine gute, nämlich die, dass Menschen das Miteinanderleben zu erleichtern. Dass Religionen so schlimm missbraucht werden, finde ich ganz schrecklich. Ich bin der Meinung, dass das nicht im Interesse von Gott, Jahwe, Allah oder welchem Gott auch immer stattfindet. Und ich habe im Lied den Perspektivwechsel eingenommen: Wäre ich ein Gott, wie würde ich darüber denken? Es aufs Schärfste verurteilen und mich davon distanzieren!

Was muss man bei so einem heiklen Thema beachten? Geht man da anders ans Schreiben ran?

Wartke: Differenzierung ist wichtig. Gerade bei diesem Lied. Es gibt natürlich bestimmte Verbrechen, die assoziiert man gerne mit der einen oder anderen Religion, zum Beispiel Kindesmissbrauch mit der katholischen Kirche. Nun hat die katholische Kirche aber keinen Kindesmissbrauch erfunden. Das darf man nicht vergessen, dass alle Verbrechen, die ich nenne, im Namen jeder Religion begangen werden oder wurden. Und ich hoffe auch, dass das klar wird. Ich geißel zu keinem Zeitpunkt Religion als solche, sondern immer nur das jeweilige Verbrechen.

Haben Sie Anfeindungen erlebt?

Wartke: Tatsächlich ja, aus einer Ecke, mit der ich gar nicht gerechnet habe. Der Text einer Strophe war zu Beginn etwas anders, da ging es um völkerrechtswidrige Inbesitznahme von Land, das einem nicht gehört mit der Begründung: Das ist unser Land, es ist das Heilige Land und wir sind das auserwählte Volk. Und das auserwählte Volk ist Trademark des Judentums und in der Strophe habe ich darauf Bezug genommen. Die Siedlungspolitik Israels zu kritisieren, ist nun aber in den Augen mancher Menschen automatisch antisemitisch. Nichts läge mir ferner. Man darf nicht vergessen, dass auch viele jüdische Menschen die Politik ihres Landes gar nicht so cool finden. Mit Anfeindungen aus dieser Ecke habe ich gar nicht gerechnet: dass man mir vorwarf, ich sei Antisemit.

Wie haben Sie auf die Vorwürfe reagiert?

Wartke: Wir sind mit den Leuten, die uns geschrieben haben, in Dialog getreten und haben versucht, das zu erklären. Und das Problem ist ja gar nicht so sehr, was man sagt, sondern was mitschwingt, was die Leute von sich aus assoziieren. Um der Differenziertheit willen und um der Fairness willen, habe ich es umgedichtet. Ich dachte daran, dass es völkerwiderrechtliche Landnahme auch schon früher gegeben hat, etwa bei der Besiedlung Amerikas. Und das ist genau der gleiche Vorgang und genauso schlimm und genauso zu verurteilen und daraufhin hab ich diese eine Strophe umgetextet.

Kommt es häufiger vor, dass Sie Ihre Lieder umtexten?

Wartke: Nein.

Oder aktualisieren?

Wartke: Ja, das kommt vor. Oder es gibt zu Liedern Updates, so 2.0-Versionen. Und es gibt zweite Teile, also Fortsetzungen von Liedern aus vorherigen Programmen. Ich habe im aktuellen Programm ein Lied über Insekten – einen Gangsterrap über Insekten, in dem ich Insekten disse. Und zwar die, die nerven: Wespen, Mücken, Zecken. Angesichts des grassierenden alarmierenden Insektensterbens, habe ich gedacht: Okay, ich muss aufpassen, was ich sage. Jetzt habe ich ein Lied geschrieben, den zweiten Teil, quasi ein Anti-Insekten-Diss-Track, in dem ich die Insekten rehabilitiere und dazu aufrufe, sie zu schützen.

Sie haben weit über hundert Lieder geschrieben. Wie viele davon können Sie spontan abrufen?

Wartke: Weiß ich nicht. Die sind sehr profund bei mir im Körpergedächtnis abgelegt. Ich sage das, was ich sonst auch sage, ich sorge nur dafür, dass es sich reimt und dass es gut klingt. Aber die Art, mich zu äußern, ist total authentisch Ich. Ich muss natürlich bestimmte pianistische Hürden, die ich mir selbst setze, auch meistern. Ich sehe es als Herausforderung, bei jedem Stück etwas zu machen, was ich vorher so noch nie gemacht habe.

Sie sind mit all Ihren verschiedenen Programmen gleichzeitig auf Tournee. Kommt man da nicht durcheinander?

Wartke: Doch (lacht). Da brauche ich Zeit vor dem Auftritt, mich zu sammeln und bestimmte Sachen anzuspielen und durchzugehen.

Welches ist Ihr Lieblingslied aus Ihrem Repertoir?

Wartke: Eigentlich alle, sonst hätte ich sie nicht geschrieben. Aber mir schwirrt das am meisten stets im Kopf rum, das ich gerade schreibe. Das ist das Lied, das mir den Schlaf raubt und mich umtreibt.