Festspiele in Bayreuth: Banal und unpräzise mit Weltklasse-Gesang

Festspiele in Bayreuth : Banal und unpräzise mit Weltklasse-Gesang

Der „Tannhäuser“ ist Richard Wagners Schmerzenskind geblieben. Bis zu seinem Tod. Und die Theater tun sich mit dem Werk nicht leichter. Auch nicht in Bayreuth. Regisseur Tobias Kratzer überspielt die Schwierigkeiten des „Tannhäusers“ mit Video-Einblendungen und platten Gags.

Schlüssige und musikalisch runde Aufführungen gab es in den letzten drei Jahrzehnten auch auf dem „Grünen Hügel“ nicht zu sehen. Weder in der Biogas-Anlage von Sebastian Baumgarten noch in Wolfgang Wagners altbacken frömmelnder Deutung. Immerhin blieb das Werk unter dem gescholtenen Alt-Prinzipal, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, noch erkennbar. Das kann man von Tobias Kratzers mit großer Spannung erwarteter Neuinszenierung zur Eröffnung der 108. Bayreuther Festspiele nicht sagen. Das Publikum reagierte zwar gespalten auf die Regie, jedoch überwiegend zustimmend – wie auch auf das Bayreuther Debüt des russischen Star-Dirigenten Waleri Gergijew. Einhellige Begeisterung löste die in der Tat nahezu sensationell starke Sänger-Crew aus.

Kratzer scheint mit dem Original wenig anfangen zu können und wollen. Er kreierte eine in sich schlüssige Konzeption, arbeitete sie detailliert und handwerklich sorgfältig aus, so dass sein Talent nicht in Frage gestellt werden darf. Das Problem: Wagner hat den falschen Text und die falsche Musik zur Inszenierung geschrieben. Die Schwierigkeiten, die das Werk bereitet, werden durch flotte Video-Einblendungen, platte Gags und ablenkende anstatt verständnisfördernde Überraschungs-Attacken lediglich verdrängt, aber nicht gelöst.

Konstruierte Konfrontation

Der Sängerkrieg dreht sich (bei Wagner) um die Frage nach dem „wahren Wesen der Liebe“ und eskaliert im Konflikt zwischen Tannhäusers Ruf nach „freier Liebe“ und den restriktiven Moralvorstellungen der Gesellschaft und Kirche. Kratzer ist der Auffassung, solche Themen könnten heute niemand mehr in Unruhe versetzen und sucht nach anderem Konfliktstoff. Den konstruiert er in der Konfrontation Tannhäusers als anarchischem Zirkusclown einer alternativen Künstlertruppe mit fest eingefahrenen Institutionen wie den Bayreuther Festspielen. Im Stil eines Roadmovies tuckert Tannhäuser mit der hyper-erotischen Venus, einer stummen Drag-Queen und dem kleinen Oskar aus Grass’ „Blechtrommel“ durch die Landschaft und finden sich im Bayreuther Festpielhaus ein, wo es zum „Sängerkrieg“ kommt. Die obere Hälfte der Bühne nehmen hier überflüssige Video-Einblendungen vom Treiben hinter der Bühne ein, während unten in der Dekoration der Wartburg die Sängerschlacht kreuzbieder abgeliefert wird. Dass Tannhäuser als Kunst-Anarchist den Staat so drastisch herausfordert, dass er das nächste Jahr statt auf Pilgerfahrt nach Rom im Knast verbringen muss, raubt der zentralen „Romerzählung“, an deren Ende Tannhäuser vom Papst auf ewige Zeit verdammt wird, jeden Sinn.

Dabei überhört Kratzer, dass die sex­uellen und religiösen Dimensionen eng mit der musikalischen Struktur und Tonsprache des Werks verbunden sind. Choral und sinnlich gleißende Klänge inklusive entrückter Apotheose: Musik, die in der banalisierten Kratzer-Version aufdringlich überhöht, pathetisch und damit unglaubwürdig wirkt. Nicht besonders mächtig, bisweilen sehr leise tönte es allerdings aus dem Orchestergraben. Waleri Gergijew nahm seine Aufgabe offenbar zu leicht. Zu hören war ein routiniertes, wenig differenziertes, unausgewogenes Klangbild und oft unpräzises Zusammenspiel mit der Bühne.

Was die Sängerbesetzung angeht, darf man sich guten Gewissens auf dem Olymp des Wagner-Gesangs fühlen. Stephen Gould in der Titelrolle verwächst von Jahr zu Jahr intensiver mit der Rolle, bewältigt die strapaziöse Partie nahezu mühelos mit strahlenden Spitzentönen und anhaltender Intensität. Ein Konditionswunder, das in diesem Jahr auch noch den „Tristan“ stemmen wird. Als „Jahrhundertstimme“ wird derzeit die norwegische Sopranistin Lise Davidsen gehandelt. Als Elisabeth überwältigt sie mit ihrem stimmlichen Glanz auf voller Länge. Auch die kurzfristig eingesprungene Elena Zhidkova verkörpert eine ungewöhnlich junge Venus mit ihrer frischen Stimme und knisternden Bühnenpräsenz. Selbst kleinere Rollen sind mit Daniel Behle als Walther von der Vogelweide geradezu luxuriös besetzt. Am Wolfram von Markus Eiche könnten sich die Geister scheiden. Ein Wunder an warmtönender Legatokultur vollbringt er nicht. Dafür aber eine kraftvolle Interpretation der eher passiv angelegten Partie. An den überwältigend präsenten Chören darf man sich ohne Einschränkung erfreuen.

Überwiegend positive Zustimmung, bisweilen auch mit der fragwürdigen Begründung, „man habe noch nie so viel gelacht in Bayreuth“, für eine nur vokal vollauf überzeugende Neuproduktion eines heiklen Stücks.

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