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Anno Schreier an der Rheinoper: Unterhaltsamer Griff in die Zitatkiste

Uraufführung an der Rheinoper : Unterhaltsamer Griff in die Zitatkiste

„Schade, dass sie eine Hure war“: Düsseldorf feiert die neue Oper des Aachener Komponisten Anno Schreier.

Dass zeitgenössisches Musiktheater auch abseits des Mainstreams einen hohen Unterhaltungswert haben kann, das scheinen viele Neutöner vergessen zu haben. Der Aachener Komponist Anno Schreier bildet eine Ausnahme. Der 39-Jährige hat sich bereits mit verschiedenen Stoffen von „Die Stadt der Blinden“ in Zürich bis zum „Hamlet“ in Wien einen international wohlklingenden Namen machen können. In seiner neuesten Oper „Schade, dass sie eine Hure war“, die jetzt mit großem Erfolg im Düsseldorfer Opernhaus uraufgeführt wurde, deutet er mit beachtlicher handwerklicher Virtuosität und viel Herzblut für ein lustbetontes Musiktheater diverse Perspektiven für Opernmodelle unserer Zeit an.

John Fords Drama „Schade, dass sie eine Hure war“ (1633) bietet eine Steilvorlage, die in ihrer skurril überspitzten Verbindung aller erdenklichen Gemeinheiten und Tabubrüche, die das englische Barocktheater zu bieten hat, die Grenzen zwischen Tragödie, Komödie und Burleske einreißt. Zu sehen ist eine inzestuöse Liebesbeziehung zwischen dem Geschwisterpaar Annabella und Giovanni, die von der alles andere als moralisch integeren Gesellschaft torpediert wird. Etliche Nebenhandlungen um Heiratsversprechen, Zwangsehen, Intrigen und empörte Kleriker treiben die Schauergeschichte, die es auf sieben Leichen in zweieinhalb Stunden bringt, auf eine schon dadaistisch überdrehte Spitze.

Mit Spielwitz

Schreier taucht den zwischen brutaler Gewalt und amouröser Tändelei schwankenden Stoff in eine quicklebendige Musik, die sich flexibel den Stimmungsschwankungen anpasst und zwischen dumpfen Einschlägen mit einer collagenhaften Mischung aus musikalischen Versatzstücken der gesamten Opernliteratur überrascht. Ob Renaissance-Tänze oder Mutationen großer Arien von Verdi oder Rossini, ob Anleihen an Richard Strauss’ „Tanz der sieben Schleier“: Schreier bindet fünf Jahrhunderte Musikgeschichte geschickt in seine trotzdem alles andere als altbacken klingende Partitur ein und schafft damit eine künstliche Distanz zur künstlich überzüchteten Handlung.

Dass Schreier stets Rücksicht auf die Aufführbarkeit seiner Stücke nimmt, trägt zum Erfolg seiner Werke bei, die alle Repertoire-Chancen haben. Sowohl szenisch als auch musikalisch setzt er keine Hürden, die den Probenplan eines Theaters in Bedrängnis bringen könnten.

Regisseur David Hermann spinnt mit leichter und versierter Hand die verwirrenden Fäden der Haupt- und Nebenhandlungen und erhält tatkräftige Unterstützung von Bühnenbildner Jo Schramm und Kostümbildnerin Michaela Barth, die die Darsteller mit Textilien aus mindestens vier Jahrhunderten einkleidet. Ein Fliegenpilz dient als Liebeslaube, phallusartige Exemplare erinnern an die amourösen Abgründe der bösen Romanze, und am Ende wird dem bösen Edelmann Soranzo, der Annabella in eine Zwangsehe treiben will, mit einem solchen Gewächs der Mund auf ewig gestopft.

Lukas Beikircher verströmt am Pult der Düsseldorfer Symphoniker ebenso viel Spielwitz wie das szenische Team. Ob furchteinflößende Klangballungen oder huschende Tongirlanden à la Rossini, ob bajuwarisch volkstümliche Klänge, die ein Bühnenorchester beisteuert, oder laszive Assoziationen an Salomes Schleiertanz: Beikircher hält die Fäden ebenfalls sicher in der Hand. Auch wenn Schreier am Ende zu stark in die Zitatkiste greift als zu einem eigenen Ton zu finden.

Das Ensemble bewältigt die vokalen Ansprüche mit beeindruckender Geschlossenheit. Zu nennen sind das lyrisch fein klingende Geschwisterpaar mit Lavinia Dames und Jussi Myllys, der markant beeindruckende Bariton von Günes Gürle als deren Vater Florio, Bogdan Taloş als dämonisch wie aus Verdis „Don Carlos“ auftretender Mönch, die luxuriöse Besetzung zweier Bewerber mit Richard Ŝveda und Sergej Khomov und Sami Luttinen als intriganter Diener Vasquez. Nicht zu vergessen Sarah Ferede als rachsüchtige Hippolita, Paula Iancic als kapriziöse Nichte Philotis und Susan Maclean als naive Amme. Sie alle, wie auch der Chor, unterstrichen den Ensemblegeist der Rheinoper und führten die Uraufführung zum Erfolg. Das Publikum reagierte auf den unterhaltsamen, nicht überschwänglich tief gründenden Abend mit lang anhaltendem und begeistertem, wenn auch nicht orgiastischem Beifall.

▶ Die nächsten Aufführungen am 23. und 27. Februar, 8., 10. und 17. März. Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Aachen.