Album von Element Of Crime: Schafe, Monster und Mäuse

Neues Album von Element Of Crime : Gummibärchen und das Alltägliche

„Schafe, Monster und Mäuse“ – so haben Sven Regener und seine Band Element Of Crime ihr neues Werk genannt. Die Korrespondenz zwischen Verstand und Gefühl war schon immer ein Markenzeichen dieser Formation. Die neuen Stücke knüpfen an diesem Ansatz nahtlos an.

Element Of Crime wollen für ihr neues Album „Schafe, Monster und Mäuse“ keine Erklärung abgeben. Schon gar keine allgemeingültige. Aus gutem Grund. Das Titelstück steckt voller Bilder, die sich nicht unmittelbar erschließen. „Es scheint viel Unterbewusstes aus diesen Liedern zu sprechen“, sagt Sven Regener. „Wir können das auch nur so ein bisschen wolkig andeuten, weil ich das auch nicht so genau durchblicke. Aber wir hatten das Gefühl, dass dieser Songtitel ein guter Name für die ganze Platte sein kann.“

Schon befindet man sich inmitten eines kleinen Dialogs darüber, was Musik, was Kunst im besten Sinne eigentlich ausmacht. Gitarrist Jakob Ilja findet, dass Kunst generell nichts vorgeben, keine Gebrauchsanweisung mitliefern soll. So sei es halt auch in der Musik. Man zerstöre das Vergnügen des Hörens, wenn man Leuten sagt, wie sie Lieder zu verstehen haben, meint er.

Das Rätselhafte, das nicht Eindeutige zieht sich entsprechend wie ein roter Faden durch das neue Album. Sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Da tauchen plötzlich und unerwartet mexikanisch anmutende Trompeten auf. Und die stellen schnell klar, dass Element Of Crime ihre ganz eigene, bisweilen sehr bunte Vorstellung von Rockmusik haben. Die reine Gitarrenmusik-Sprache gibt es bei ihnen auch. Aber ihr Hang zum Unvorhersehbaren ist auf „Schafe, Monster und Mäuse“ immer wieder allgegenwärtig. Der schafft dann auch die Spannung, von dem die Songs im Zusammenspiel mit Regeners Texten lebt.

In „Stein, Schere, Papier“, einem Lamento über die Vergänglichkeit, taucht plötzlich ein Saxofon-Solo auf und führt das eigentlich gitarrendominierte Stück kurz in einen Jazz-Kontext. „Im Prinzenbad allein“ beschwört schwermütige, dunkle Wolken in einem Spaß-Ambiente herauf. Und die Musik spielt dazu einen schleppenden Soul, der Melancholie im Zusammenspiel mit Regeners abgeklärt wirkender Stimme zur Tugend erklärt.

„Karin, Karin“ spielt vor allem mit dem Klang dieses weiblichen Vornamens im Kontext von Surf- und Rockabilly-Gitarren. Bevor man sich versieht, ist die Nummer, die eigentlich gar nicht kurz ist, auch schon wieder vorbei. Und darin zeigt sich einmal mehr, was die Musik- und Erzählkunst von Element Of Crime ausmacht. Bilder entstehen, werden verschoben, verdreht, bis der Kopf voller Eindrücke ist. Der Bauch hat sich derweil längst mit den meist einfachen, bekannt erscheinenden Taktungen angefreundet.

Exakt diese blitzschnell angeregte Korrespondenz zwischen Verstand und Gefühl macht die Platten der Berliner Band groß. Seit jeher. „Schafe, Monster und Mäuse“ ist der vorläufige Höhepunkt dieser Nischenband, die ihre selbstgeschaffene Ecke längst erfolgreich beackert. Und humorvoll.

Eine absurde Note

Im Schlusslied „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ setzt Regener gleich zu Beginn eine absurde Note, die unweigerlich Lacher provoziert. „Ich wäre gerne ein Gummibär, da gibt’s die gelben und die roten, das sind alles Vollidioten“, singt er und erinnert in seinem Gesangsrhythmus ein bisschen an den Liedermacher-Duktus der 60er Jahre.

„Im großen Spiel des Lebens sind die Gummibärchen nicht gerade die hellsten Lichter am Baum“, erklärt Regener seine gewählte Metapher für das Alltägliche, die vielen kleinen Lebensgeschichten, die scheinbar alle ins Falsche, aber am Ende des Tages doch irgendwie alle ins Richtige laufen.

Berlin taucht immer wieder auf in den neuen Songs. Hier der Kurfürstendamm, da KDW und Schlesisches Tor. Früher habe er sich schwer damit getan, existierende Orte in seinen Liedtexten zu benennen, sagt Sven Regener. Da sträubte er sich noch dagegen, um nicht auf eine bestimmte Gegend reduziert zu werden. Aber ein Blick in die Pop-Historie reichte, um sich mit den eigenen Plätzen identifizieren und sie auch benennen zu können. In Liverpool war er noch nie, aber den Beatles-Song „Penny Lane“ habe er trotzdem verstanden, meint er.

Lernen von den ganz Großen heißt bei Element Of Crime allerdings nicht, es ihnen gleich zu tun. Dafür sind Abgründe der Band immer noch viel zu sehr Gründe fürs Liedschreiben. Denn wenngleich durch das neue Album auch ein Hauch von Sommer weht, sparen die vier Musiker weder den Tod noch den Weltuntergang aus. Zeitgeist-Themen sucht man auf diesem Album weitestgehend vergebens. Regener wirft ein, dass er hofft, dem neue Album auch in fünf Jahren noch Relevanz zusprechen zu können.

Warum keine Smartphones?

Neulich fragte ihn jemand, warum in Element-Of-Crime-Songs keine Smartphones vorkommen. „Es war mir nicht aufgefallen, dass sie nicht vorkommen“, sagt Regener. „Aber ich wüsste auch nicht, warum sie unbedingt vorkommen sollten. Wenn es der jeweilige Song oder die Geschichte, der Text nicht wollen, frage ich mich, warum ich ein Smartphone reinpacken sollte. Ich schätze, dass auch niemand ernsthaft Songs über Smartphones braucht.“

Für Sven Regener und seine Band wären solcherlei Lieder viel zu konkret, was ihrem Anspruch widerspräche, deren Deutungshoheiten ihren Zuhörern zu überlassen. Mit dem Arrangeur Jeff Labis, der früher unter anderem für Van Morrison tätig war, hat die Band fürs neue Album zusammengearbeitet. Der Mehrdimensionierung wegen. „So wie die neuen Songs zusätzliche Ideen und Instrumentierungen zulassen, lassen sie auch alle möglichen Interpretationen zu“, findet Regener. „Man tut der Kunst unrecht, wenn man von ihr einfache Antworten erwartet.“

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