Aachen: Zweites Sinfoniekonzert zeigt zwei Gesichter

Eurogress Aachen : Mal subtil und duftig, mal laut und unkontrolliert

Das Aachener Sinfonieorchester präsentiert einen Konzertabend mit zwei Gesichtern. An begeistertem Beifall mangelt es dennoch nicht.

Es war ein Abend mit zwei Gesichtern, den das Aachener Sinfonieorchester unter Leitung des englischen Gastdirigenten Lionel Friend beim zweiten Sinfoniekonzert im gut besuchten Eurogress präsentierte. Mit einer durchwachsenen Interpretation des Cello-Konzerts von Antonín Dvořák sowie mit zwei weniger bekannten Werken von Camille Saint-Saëns und Jean Sibelius, die Dirigent und Orchester von einer wesentlich besseren Seite zeigten.

Dass Dvořáks Cello-Konzert einen zwiespältigen Eindruck hinterließ, daran ist natürlich auch der Solist nicht unschuldig. Benedict Kloeckner, ein spieltechnisch überragender junger Cellist, der seine Souveränität freilich so locker demonstrierte, dass das Werk eine eher verspielte als inspirierte Gestaltung erfuhr. Ein charmanter Ritt durch drei lange Sätze mit leichter, feiner Tongebung, was französischen Werken à la Saint-Saëns oder Lalo besser zu Gesicht stünde als Dvořáks Glanzstück des Genres, das nach stärkerer Bodenhaftung und einer natürlichen, unmanierierten Ausdruckstiefe verlangt. Angesichts der beeindruckenden Begabung des Musikers eine Vorstellung, die hinter seinen schon oft bewiesenen Möglichkeiten zurückbleibt.

Dirigent und Orchester taten wenig, den problematischen Eindruck zu mildern. Die von Dvořák delikat gesetzten Holzbläserensembles klangen viel zu dick und alles andere als homogen, die Orchester-Tutti ungefiltert laut und unkontrolliert, viele Einsätze klapperten, und das Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester ließ es nicht nur einmal an Präzision vermissen.

Wesentlich besser vorbereitet zeigten sich Orchester und Dirigent nach der Pause mit einer subtil ausgearbeiteten, sich klanglich duftig entfaltenden Interpretation der sinfonischen Kantate „La nuit“ von Saint-Saëns. Einer kleinen, aber feinen Preziose im Fahrwasser Debussys, zu der Friend den idealen Zugang fand. Das Orchester strahlte vor Sensibilität und zarter Leuchtkraft, der von Jori Klomp gut präparierte Frauenchor und die wieder restlos überzeugende Sopranistin Suzanne Jerosme sorgten für den nötigen vokalen Glanz.

Auch Sibelius war bei den Aachener Sinfonikern und dem Dirigenten bestens aufgehoben. Angesichts der extrem idiomatischen Tonsprache des Finnen mit ihren rhythmischen, formalen und klanglichen Besonderheiten verlangen seine Werke ein spezifisches Einfühlungsvermögen und eine Portion Erfahrung. Das kann man den Aachener Interpreten bescheinigen. Dabei stellt gerade die wenig gespielte dritte Sinfonie an der Schnittstelle zwischen der populären ersten und den zerklüfteten, gleichwohl noch interessanteren Folgesinfonien zusätzliche Anforderungen an die Stilsicherheit des Dirigenten und der Musiker. Da ist es auch nicht selbstverständlich, wie klug Friend die erfreulich voluminös klingenden Streicher mit den von Sibelius oft gepanzert dick instrumentierten Blechsätzen in Balance hält.

An begeistertem Beifall mangelte es auch diesem Konzert nicht.