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Aachen: Gounods „Roméo et Juliette“ nah an der „West Side Story“

Umjubelte Premiere : Liebestod mit Bettlaken und Bilderflut

Vielleicht hätte Ewa Teilmans ja lieber noch mal Leonard Bernsteins „West Side Story“ inszeniert. Das ist ja auch „Romeo und Julia“, nur wilder, rhythmischer, aufmüpfiger als das, was Charles Gounod und seine Librettisten fürs Pariser Publikum Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem berühmten Shakespeare-Stoff gemacht haben.

Weil nun aber das Theater Aachen dieses von deutschen Spielplänen weitgehend verschwundene Werk aus der Versenkung holt, lässt sich die Hausregisseurin etwas einfallen, was dieser grundsolide gebauten Oper den Pep der Gegenwart verleiht.

Ward trotzt dem Klischee

Da schaut eine gute Portion Bernstein herein, Blockbuster-Fans entdecken Details aus Baz Luhrmanns Film mit Leonardo DiCaprio, ein kultiger Rockerpfarrer aus Frankreich ist auch mit von der Partie. Zudem scheint die Regisseurin verliebt in die Drehbühne, die ihr Elisabeth Pedross gebaut hat. Die macht so viel her, dass sie zur fulminanten Ouvertüre eifrig um sich selbst kreisen darf. Bevor ein Haufen junger, mit Eisenstangen bewaffneter Burschen einen Kampf der Clans veranstaltet, der mit einem Getöse sondergleichen selbst den süffigen, von Beckenschlägen euphorisierten Soundtrack aus dem Graben mühelos übertönt.

Das Aachener Publikum liebt die Bilderflut, mit der Ewa Teilmans „Roméo et Juliette“ zu Leibe rückt. Nach der Premiere dürfen jedenfalls neben den besonders bedachten Sängern der Titelpartien, Larisa Akbari und Alexey Sayapin, alle Beteiligten in großem Jubel baden. Und man muss anerkennen: Langeweile kommt keine auf in diesen drei Stunden Oper ohne Ohrwürmer. Vertrauen in die Qualität des Werks sähe allerdings anders aus.

Die Sänger der Titelpartien leisten Großes: Larisa Akbari und Alexey Sayapin wünschte man nur einen Hauch mehr Schmelz in den Stimmen. Foto: Wil van Iersel/Theater Aachen/Wil van Iersel

Am ehesten noch setzt sich Generalmusikdirektor Christopher Ward als impulsiver, gut hörender Orchesterleiter dem Gounod-Klischee entgegen, allenfalls seine Faust-Oper „Margarethe“ sei bühnentauglich. Das Sinfonieorchester Aachen lässt sich bei den mit breitem Pinsel aufgetragenen Drama-Passagen nicht lange bitten. Und auch wenn’s kammermusikalisch wird, etwa solistisch die Cellogruppe schwelgen darf, tönt’s aus dem Graben feinst.

Aber die Bilder sind es, die diese Inszenierung ausmachen. Das große Loch in der baufälligen, säulengefassten Fassade des Capulet-Palastes, das auf der Rückseite Hinterhof, Gruft, auch Brautgemach sein kann. Es rahmt den Sonnenaufgang, ist Tor für Auf- und Abtritte der Massen (Chor, Extrachor und Statisterie). Angrenzend der unerlässliche Balkon, vor den, weiß der Himmel wer, eine Eisenleiter montiert hat, auf der so ziemlich jeder auf- und absteigt.

Vom Balkon quillt zur Brautnacht-Szene – zugegeben pittoresk – ein riesiges weißes Laken, gezogen von zwei darunter kriechenden Bühnenarbeitern. Das sieht hübsch aus und lenkt ab von der Zwischenaktmusik. Zur erzwungenen Hochzeit zwischen Julia und Paris (die Joint rauchende Schlafmütze aus dem ersten Akt) regnet’s weiße Rosenblätter.

Besonderes Vergnügen hat die Regie an der Riege der eigens engagierten, üppig ausgestatteten Tänzer, deren zwei beim einleitenden Maskenball recht anzüglich-tuntig mit den knackigen Pos wackeln müssen. In Erinnerung bleiben weiterhin eine virtuos choreographierte Kampfszene (die mit dem schicksalsträchtigen Mord) und die E-Gitarre im Keller von Pater Lorenzos Klause.

Bei so viel Brimborium hat es eine Liebesgeschichte schwer. Dass Roméos und Juliettes bedrohtes Drama dennoch glaubhaft über die Rampe kommt, kann die Regie auf der Habenseite verbuchen. Larisa Akbari ist die zarte Liebesdurstige, sie führt ihren hellen Sopran sicher durch die Koloraturen der anspruchsvollen Juliette-Partie. Alexey Sayapins Roméo darf verletzlich sein, sein Tenor strahlt sicher in höchsten Höhen. Beiden Sängern wünschte man einen Hauch mehr Schmelz, der das Lyrische betonen, das Herz erwärmen würde. Aber beide leisten Großes.

Hervorzuheben aus dem guten Ensemble sind des Weiteren Woong-jo Choi, der den Einsiedler mit seinem sonoren Bass beglaubigt, und die Altistin Ariana Lucas, die kurzfristig als Amme eingesprungen war. Mit großem Aufwand und formidablem Können agiert der große Chor, den Teilmans bildgewaltig in Szene setzt (Kostüme: Andreas Becker).

Weniger gelungen scheinen die Brautnacht-Szene mit ihrem unerotischen Striptease, Juliettes Verzweiflungs-Arie, zu der sie hinterm Dolch durch die Gruft robben muss, und ein Taschenlampen-Auftritt im Parkett. Da wirken die Mittel der Inszenierung doch einigermaßen unmotiviert. Das gilt allerdings nicht für die Schlusspointe. Da tritt nämlich zum nach herrlichem Liebesduett nun doch endlich entseelten Liebespaar der Chor des Prologs auf und wiederholt – ungeachtet der tonartlichen Verwerfung – den antikischen Gesang von der unveränderlichen Macht des Schicksals. Kann man so sehen.