Aachen: Domkonzert ohne sentimentale Ausrutscher

Eindringliche Interpretation : Domkonzert ohne sentimentale Ausrutscher

Antonín Dvoráks „Stabat Mater“ hinterlässt im Aachener Dom einen tiefen Eindruck. Viel Applaus für das Aachener Sinfonieorchester, den Sinfonischen Chor und den Opernchor sowie ein ungewöhnlich homogenes Solistenquartett unter der Leitung von Justus Thorau.

Ein abendfüllendes „Stabat Mater“ mag wie ein verspäteter Nachhall zum Karfreitag anmuten. Allerdings nur scheinbar, ist der Schmerz einer Mutter im Angesicht ihres qualvoll sterbenden Sohnes doch von einer universellen Ausdruckskraft, die an kein Datum gebunden ist und die jeder Mensch ohnehin leichter nachvollziehen kann als das unvorstellbare Leiden Christi. Das „Stabat Mater“ reflektiert das Passionsgeschehen aus einer menschlichen Perspektive, die Antonín Dvorák besonders ansprach und zu einer der größten und eindrucksvollsten Vertonungen des Textes anregte.

Damit erfüllten im Rahmen des diesjährigen Domkonzerts vor allem warme Töne das Oktogon des Doms. Der Sinfonische Chor Aachen, verstärkt durch den Opernchor, das hiesige Sinfonieorchester und ein ungewöhnlich homogenes Solistenquartett sorgten unter der Leitung von Justus Thorau für eine eindringliche, sauber gearbeitete Interpretation, die tiefe Eindrücke hinterließ. Angesichts des um Tod, Trauer und Hoffnung kreisenden Themas ist hier trotz der mächtigen Besetzung kein opulentes, opernhaft dramatisiertes Bravourstück zu erleben, sondern eine verhalten klagende Elegie mit einigen emotionalen Ausbrüchen.

Vorzügliche Chöre

Eine Folge von zehn überwiegend langsamen Elegien über 90 Minuten in Spannung zu halten, ist nicht leicht. Justus Thorau dosierte geschickt die Tempi, so dass sich keine Stauungen und auch keine sentimentalen Ausrutscher einstellten. Schließlich sollten, wie im „Deutschen Requiem“ von Dvo­ráks Förderer und Freund Johannes Brahms, Trost und Hoffnung stets spürbar bleiben. Und das gelingt der Aachener Aufführung, indem Thorau den Vortragsbezeichnungen Dvoráks penibel nachgeht und mit feinen dynamischen Abstufungen und Steigerungen sowie nuancierten Tempoänderungen auch den introvertiertesten Teilen die nötige Vitalkraft belässt.

Von den raffinierten klanglichen Modulationen des anspruchsvollen Orchesterparts ganz abgesehen, so dass der sinfonisch ausladende Beitrag des Orchesters die tragende Säule der Vertonung bildet. Mit seiner rundum überzeugenden Leistung sorgte das Aachener Sinfonieorchester für eine grundsolide Basis, auf der sich die von Jori Klomp vorzüglich geschulten Chöre sicher entfalten konnten.

Auch wenn in einem halligen Kirchenraum wie dem Dom manche Feinheit verschwimmt, wurde doch deutlich, dass ein Maximum an variablen Ausdrucksnuancen von warmen, choralähnlichen Tönen über intensive, an inbrünstige slawische Bittgesänge erinnernde Steigerungen bis zur ausnahmsweise fast opernhaft plakativen Schluss-Apotheose angestrebt und meist auch erreicht wurde.

Ein nicht nur qualitativ gleichwertiges, sondern auch klanglich und stilistisch ausgeglichenes Solistenquartett zu finden, gehört zu den Prüfsteinen jeder Oratorien-Produktion. Umso erfreulicher, dass die vier Sängerinnen und Sänger ihre meist ausgedehnten Solo- und Ensemblesätze zu wahren Höhepunkten führen konnten. Larisa Akbari, die mit ihrem leuchtenden, sich mühelos aufschwingenden Sopran schon in Gounods „Roméo et Juliette“ im Aachener Theater begeisterte, ergänzte sich prächtig mit Marion Eckstein, die mit ihrem dunkel und warm timbrierten, rundum sicher geführten Alt zu den verlässlichsten Kräften vieler Oratorien-Aufführungen in Aachen gehört. Tenorale, aber stets kontrollierte Strahlkraft versprühte Sung-Min Song, und Woong-jo Choi faszinierte wie gewohnt mit seinem voluminösen Bass.

Insgesamt eine Aufführung mit nachhaltigem Eindruck, für die sich das Publikum mit entsprechendem Beifall bedankte.

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