Aachen: 3. Sinfoniekonzert stimmt nachdenklich

Sinfonieorchester Aachen : „Ozeane der Seele“ stimmen nachdenklich

Aachens Generalmusikdirektor Christopher Ward setzt beim 3. Sinfoniekonzert im Eurogress auf ein rein französisches Programm.

Auch wenn die politischen Gräben zwischen Frankreich und England lange Zeit tiefer und breiter waren als der Ärmelkanal, haben doch viele englische Dirigenten ein intensives Interesse an der Musik des Nachbarlandes gepflegt. Das scheint auch auf Christopher Ward, den neuen Aachener Generalmusikdirektor, zuzutreffen, der das 3. Sinfoniekonzert im gut besuchten Eurogress mit einem rein französischen Programm bestückte. Und das nicht einmal mit besonderen Zugstücken des Repertoires, sondern in zwei Fällen mit ausgesprochenen Raritäten.

Von Rarität kann bei Debussys „Prélude à l’après-midi d‘un faune“, dem Schlüsselwerk des Impressionismus, mit dem Ward den Abend eröffnete, natürlich nicht die Rede sein. Seine Interpretation bestachdurch eine ungemein filigrane Sensibilität und feine orchestrale Leuchtkraft von vorbildlicher Transparenz. Die schwüle, introvertierte Atmosphäre des kurzen Geniestreichs fing Ward mit dem Aachener Sinfonieorchester stilsicher ein.

Mit Ernest Chaussons „Poème de l‘amour et de la mer“ op. 19 setzte sich das dunkel leuchtende Kolorit und das schwerfällige Tempo nahtlos fort. Eine lohnende Begegnung mit einem in 1000 Farben schillernden, wenig bekannten Meisterwerk. Allerdings zeichnete sich ein Problem der Programmzusammenstellung ab, das sich nach der Pause durch zwei Werke von Ravel und Maurice Duruflé noch verstärkte: der Mangel an stilistischen Kontrasten. Auch wenn die vier Werke in einem Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert entstanden sind, wirkte der gleichmäßig ruhige Fluss der Stücke auf Dauer etwas monoton. Und nicht nachzuvollziehen ist, warum man bei dem ausgedehnten Chausson-Poème auf den Abdruck der Gedichttexte verzichtet hat. Da konnte die Mezzosopranistin Angela Brower ihre warme, technisch makellos geführte Stimme noch so nuanciert und engagiert präsentieren, da konnte sich das delikat aufspielende Orchester von seiner besten Seite zeigen: Die tieferen Schichten des Werks dürften den meisten Hörern ohne Textkenntnisse verborgen bleiben.

Nach einer klanglich impulsiveren Interpretation von Maurice Ravels Orchesterversion des Klavierstücks „Une barque sur l‘océan“ hatten der Opernchor sowie der Sinfonische Chor Aachen nebst dem Aachener Kinderchor ihren großen Auftritt mit Duruflés 1947 uraufgeführtem „Requiem“. Eine durch und durch lyrisch gefärbte, in der Schluss-Apotheose geradezu verzuckerte Vertonung der Totenmesse, die, wie Gabriel Faurés gut 60 Jahre früher entstandenes Vorbild, auf starke dramatische Akzente verzichtet. Dass Duruflé das Werk im Auftrag des nicht unumstrittenen Vichy-Regimes komponiert hat, schmälert nicht den Reiz und die Originalität der Komposition, die mit ihren Anlehnungen an den gregorianischen Choral eine gewisse archaische Erhabenheit zum Ausdruck bringt.

Ob es sinnvoll ist, die Messe ohne Orgel aufzuführen, darüber lässt sich streiten. Die Chöre konnten nicht nur in den vielen einstimmigen Passagen überzeugen, sondern bewältigten auch die meist zarten stilistischen und kompositionstechnischen Kontraste, wie etwa einige fugierte Teile und dramatische Akzente, mit exzellenter Flexibilität. Und die kleinen Solo-Partien waren bei Angela Brower und dem Bariton Hrólfur Saemundsson ebenfalls gut aufgehoben. Was die Stimmung des Abends anging, herrschte allerdings bei diesen „Ozeanen der Seele“, wie das Konzert überschrieben wurde, weitgehend Windstille.

Freundlicher und lang anhaltender Beifall für einen dem nachdenklich stimmenden November angepassten Konzertabend.

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