Aachen: Musik, die Bilanzen zweier Leben zieht

Aachen: Musik, die Bilanzen zweier Leben zieht

Herbstlich wie das Wetter präsentierte sich das Programm des zweiten Sonderkonzerts der Aachener Kammermusikreihe Accordate, die vor dem September Special wieder aus ihrem angestammten Aufführungsort, dem Krönungssaal des Rathauses, weichen musste, diesmal in das Theater.

Auch in diesem Rahmen war nicht zu befürchten, dass die Platzkapazitäten des großen Hauses für die Veranstaltung überdimensioniert seien, war doch mit dem Dürener Pianisten Lars Vogt ein Weltstar zu einem Heimspiel angesagt.

Er hatte als Duopartnerin die englische Bratscherin Rachel Roberts mitgebracht, international renommiert wie ihr Kollege, den Musikfreunden der Region bekannt durch ihre Auftritte im Fes-tival „Spannungen” in Heimbach.

Die beiden musizierten drei Spätwerke: die beiden Klarinettensonaten op. 120 in der Bratschenfassung von Johannes Brahms, die beiden letzten Kammermusikwerke des Komponisten; und Dmitri Schostakowitschs Bratschensonate op. 147, sein letztes Werk überhaupt, dessen Uraufführung er nicht mehr erlebte. Werke also, die gelebte Leben kurz vor ihrem Ende reflektieren, mit dem typischen, sparsamen und unspektakulären Duktus von Spätwerken, in ihren Lebensresumees allerdings höchst unterschiedlich.

Charakter genau getroffen

Brahms, bei aller Vereinsamung in seinen letzten Jahren doch positiv, heiter, dem Leben zugewandt; dagegen Schostakowitsch bitter, zermürbt von den Jahren des Stalin-Terrors, Musik, die gerade vor dem Hintergrund der Biografie des Komponisten unter die Haut geht.

Die beiden Interpreten trafen den wehmütig-weichen Charakter der beiden Brahms-Werke genau. Rachel Roberts mit ihrem kantablen, auch in der Höhe nicht näselnden Ton, ihrer Fähigkeit, große Melodiebögen zu spannen, aber auch energisch zuzupacken; Lars Vogt, klanglich ungemein differenziert, aber die pianistisch vollgriffigen Stellen genussvoll ausspielend, auf die Gefahr hin, seine Kollegin bisweilen klanglich zuzudecken. Eine Gefahr, die bei der Fassung mit Klarinette wohl weniger auftreten dürfte.

Andererseits gelangen den beiden Passagen von einer unerhört intimen Zartheit, von einer klanglichen Transzendenz, die tief berührten. Mit geradezu atemloser Stille und Anspannung lauschte das Publikum der Wiedergabe der letzten Noten, die Schostakowitsch, schon schwer gezeichnet von seiner Krankheit, zu Papier gebracht hatte. Ein klagender Abgesang auf sein Leben, den die beiden Künstler in wunderbarer Weise erstehen ließen.

Die Reminiszenz an Beethovens Mondscheinsonate und der Dur-Schluss, mit dem die Musik in eine andere Welt überzugehen scheint, wurden von den beiden in tief ergreifender Weise gestaltet.

Die Zugabe vom letzten der Märchenbilder Schumanns schien in der Intimität und Verinnerlichung ihrer Darstellung noch ganz von den Schostakowitsch-Klängen geprägt. Begeisterter Beifall.

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